IHK-Präsidentin Beatrice Kramm hat einen schwarzen Freitag hinter sich – und viel Ärger vor sich. Am Nachmittag scheiterte sie in der Vollversammlung mit dem Antrag, die Fahrradaktivisten Frank Masurat und Heinrich Strößenreuther aus den IHK-Gremien für Verkehr und Stadtentwicklung abzuberufen - das höchste Beschlussgremium der IHK düpierte die Präsidentin und begnügte sich mit einer Missbilligung. Kramm war nach Teilnehmerangaben während der 45 Minuten langen Diskussion emotional und unsachlich aufgetreten, aber selbst Kritiker der Rad-Lobbyisten fürchteten am Ende ein schlechtes Signal: Die IHK hatte die beiden Experten ja gerade wegen ihrer abweichenden Positionen geholt, um die Kammer inhaltlich breiter aufzustellen. Das Ergebnis von Kramms Irrfahrt: publikumswirksamer Unfall mit Sach- und Personenschaden.
Derart demoliert trat die Präsidentin wenig später zu Begrüßung der Gäste des IHK/HWK-Neujahrsempfangs an – und landete gleich wieder im Graben. Mit ihrer kurzen Rede verärgerte sie das Wirtschaftspublikum und verblüffte die Politik. „Flüssiger als Wasser“ war noch einer der vornehmeren Kommentare. Die Landesregierung wiederum nahm Anstoß an der neuen Kammerkampagne „Eine Stadt. Eine Verwaltung“ – Kommentar von Senatssprecherin Claudia Sünder: „Ich frage mich, inwieweit die xte Mängelliste neben den vom Senat bereits diagnostizierten Defiziten zu einer Verbesserung beitragen soll. Ein partnerschaftliches Miteinander und konstruktive Verbesserungsvorschläge erschienen mir hilfreicher. Es fehlt uns nicht an Einsicht, sondern manchmal an Wumms.“
In der Debatte über Mieter und Eigentümer knallen jetzt übrigens bei manchen die Sicherungen durch - z.B. bei Christoph Wegener: Der Vorsitzende der „Initiative Hauptstadt Berlin“ nennt unsere Serie „Wem gehört Berlin“ die „beste Stasi-Methode zur Denunziation von Privatbesitz“ (per Facebook). Das ist entweder dumm oder dämlich, entscheiden Sie selbst - Bösartigkeit wollen wir dem Mann nicht unterstellen, denn das würde ja bedeuten, er wüsste, wovon er spricht. Konkrete Kritik oder Argumente? Fehlanzeige. Die „Initiative“, der er vorsteht, hat Wegener damit jedenfalls ordentlich blamiert – ernst zu nehmen ist der Verein mit solchen antidiskursiven Amokläufen jedenfalls nicht.
PS: Falls Sie Interesse haben an einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem wichtigsten Thema der Stadt, hier drei Lesetipps über das Mieten und Vermieten aus dem Tagesspiegel, der unabhängigen und ideologiefreien Diskussionsplattform Berlins:
1) Der Meinungsbeitrag „Richtig, weil es um die Deutsche Wohnen geht“ von Ulrich Zawatka-Gerlach.
2) Der Leitartikel „Enteignung hilft nicht gegen Wohnungsnot“ von Antje Sirleschtov.
3) Zehn gute Gründe für die Recherche „Wem gehört Berlin“. Übrigens. Der gestrenge Presserat, der sonst gerne Rügen erteilt, hat alle Beschwerden über die Serie geprüft, das Ergebnis: Nichts zu beanstanden.
Wumms wurde auch beim Neujahrsempfang selbst vermisst – von IHK-Präsidentin Kramm gab’s kein Wort zur Enteignungsdebatte, auch HWK-Präsident Stephan Schwarz schwieg dazu. Dabei hatte der Regierende Bürgermeister der Wirtschaft nur ein paar Stunden zuvor die größtmögliche Angriffsfläche geboten, als er zur Jahresauftakt-PK sein Hemd aufriss und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Rückkauf jetzt!“ präsentierte – so empfanden hier viele jedenfalls die Ankündigung von Michael Müller, weiter im großen Stil und mit allen Mitteln Wohnungen von Privatunternehmen zu übernehmen. Bei der freundlichen Mikrofonübergabe an Berlins obersten Rekommunalisierer („Bitte begrüßen Sie mit uns jetzt den Regierenden Bürgermeister unserer wundervollen Stadt“) schäumten deshalb manche mehr als ihr Bier.
Und da wir gerade dabei sind: Vor ein paar Wochen hatte sich ein Friedenauer Ehepaar in seiner Not an den Checkpoint gewandt: Nach 45 Jahren sollen sie ihre Wohnung räumen, der Neueigentümer macht Eigenbedarf geltend. Carsten Brückner, Vorsitzender des Eigentümerverbands „Haus & Grund“, sagt zu solchen Fällen: „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.“ Die betroffene 76-Jährige sagt: „Ein Umzug wäre für mich der Anfang vom Sterben.“ Ihr 78-jähriger Mann sagt: „Eher erschieße ich mich, als dass ich ausziehe.“ Marie Rövekamp hat die beiden besucht, ihren Bericht „Die Heimsuchung“ können Sie hier lesen.
Polizei und Feuerwehr nutzen Twitter und Facebook nach eigenen Angaben zur „Informationskontrolle“, fabulieren völlig losgelöst vom gesetzlichen Auftrag über ihre angebliche „Informationshoheit“ – und dichten sich die Nachrichten neuerdings im Kitschromanstil zurecht (CP v. 11.1.). Dazu gehört, dass sie selbst entscheiden, welche Märchen sie erzählen. Am Wochenende hielt es die Polizei bei mehreren schweren Vorfällen nicht für nötig, die Öffentlichkeit zu informieren – stattdessen wurden lustige Heldengeschichten über erfolgreiche Verfolgungsjagden erzählt. Der Kollege Axel Lier („Bild“/“B.Z.“) dokumentierte eine dieser verschwiegenen Geschichten auf der Grundlage interner Meldungen, sie geht so:
Tatort: Rosenfelder Ring (Lichtenberg). Ein betrunkenes Paar gerät in Streit, der Mann attackiert und verletzt Zeugen, herbeigerufene Polizisten nehmen ihn fest. Jetzt droht die Frau damit, ihren Kampfhund auf die Beamten zu hetzen, um den Mann zu befreien. Der angeleinte Hund kommt näher, ein Polizist schießt auf den Hund, verfehlt ihn aber. Zitat aus dem internen Bericht: „Um einen weiteren gezielten Schuss zu verhindern, wurde durch (Name des Polizisten) eine Schussabgabe in die Luft getätigt.“ Slapstick pur.
Resümee von Axel Lier: „Versuchte Gefangenenbefreiung, Bedrohung, Körperverletzung in mehreren Fällen, Schussabgabe. Pressemitteilungen: nein. Pressealarmruf: nein. Ein Tweet der Polizei: nein.“ Hätte sich ja auch blöd gelesen, „Fehlschuss auf Kampfhund aus Nahdistanz“. Ich empfehle die Lektüre des Romans „64“ von Hideo Yokoyama, wo selbstbewusste japanische Polizeireporter der mauernden Behörde zeigen, was Informationsfreiheit bedeutet und wozu sie gut ist - bestens recherchiert, schnörkellos geschrieben.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Ronny ist zurück: Der Ex-Herthaner heuert beim Siebtliga-Spitzenreiter Berlin United an (Q: „B.Z.“). Trainiert wird das Team von Thomas „Icke“ Häßler („Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“) - vielleicht stellt der den Fußball-Rentner ja fürs nächste Dschungel-Camp auf.
Vor einer Grundschule hat ein Unbekannter mehrfach versucht, Kinder mit Hundewelpen zu sich zu locken. Schulleitung und Elternvertreter äußern Verständnis für das öffentliche Interesse, bitten aber die Berliner Medien um Zurückhaltung, weil es „nicht hilfreich ist, wenn sich Journalisten in einer großen, schwarzen Limousine mit abgetönten Scheiben direkt vor der Schule positionieren.“ So ist es.
Seit Wochen ist die Beleuchtung im Volkspark Friedrichhain kaputt, einem Bürger erklärte das Grauflächenamt die Sache jetzt so (per Mail): „Leider fehlen uns die finanziellen und personellen Mittel, die Anlage dauerhaft betreiben zu können. Weiterhin gibt es auch in Grünanlagen keine Beleuchtungspflicht. Ich bitte um Verständnis und würde Sie bitten, bei Dunkelheit den Park zu meiden und auf das Straßenland auszuweichen.“ CP-Analyse: Die neue Berliner Geldschwemme ist offenbar im Märchenbrunnen versickert.
Pfiffiger Sticker an einem Autoseitenfenster zur Vermeidung von Händlerwerbung: „Für 25.000 Euro würde ich mich von diesem Fahrzeug trennen. Mit dem Hinterlassen einer Visitenkarte stimmen Sie einem verbindlichen Kaufvertrag zu diesem Preis zu.“
Die „Morgenpost“ startet eine Serie über städtebauliche Rezepte für die Berliner Wachstumsschmerzen („Der 13. Bezirk“) – Lieblingsvorschlag des Kollegen Julius Betschka: „Der Transrapid in die Ostsee-Satellitenstadt“. Prima – dem Betriebsstörungsbingo geht der Saft also nicht so schnell aus (wie dem Bordbistro das Bier).
Apropos Ostsee - der „Rügen Blitz“ meldet: „Verdienstorden für Christoph Müller“. „Hm“, denken Sie jetzt vielleicht, „was haben wir mit einem 80jährigen Verleger und Kunstsammler aus Sassnitz zu schaffen?“ Na, dann lesen wir doch mal rein: „Der junge Christoph Müller volontierte beim Tagesspiegel und arbeitete dort als Lokalredakteur und Theaterkritiker…“. Tja, da sieht man mal, wohin so ein Volontariat führen kann –Bewerbungen (auch für andere Jobs) nehmen wir immer gerne entgegen.
Zurück zum Betriebsstörungsbingo – das wird Ihnen heute nochmal präsentiert vom Infoschalter am Hbf: „Keine Ahnung, was die ansagen und anzeigen und was in der App steht - das passt nicht zusammen. Ich kann Ihnen nur sagen: Totalausfall!“
Und auch die S-Bahn spielt wieder mit – sie ließ Züge ohne Stopp durch die Station Waidmannslust rauschen, „wegen Komplettausfall der Bahnsteigbeleuchtung.“ Vorteil: Hilft beim Aufholen der Verspätung. Fehlt nur noch die Bitte, bei Dunkelheit die S-Bahn zu meiden und „auf das Straßenland auszuweichen“ (siehe oben unter „Grauflächenamt / Volkspark“).
Rot-Rot-Grün kämpft gegen die Umwandlung von Mietwohnungen in den 42 sozialen Erhaltungsgebieten – aber genehmigt sie: Von 3592 Anträgen wurden im Jahr 2017 nur 0,5 Prozent abgelehnt. Auf 100 Prozent kommt Friedrichshain-Kreuzberg unter Investorenschreck Florian Schmidt: Alle 878 Anträgen kamen durch. (Q: Bericht der Stadtentwicklungsverwaltung).
Noch schnell ein Blick ins Amtsblatt… Aha, Seite 476: Die Teilung und Umbenennung der Petersallee (die seit 1986 an den NS-Widerstandskämpfer und CDU-Politiker Hans Peters erinnert) in Maji-Maji-Allee und Anna-Mungunda-Allee ist wegen Anwohnerbeschwerden „schwebend unwirksam bis zur abschließenden Widerspruchssachbearbeitung“. Unter normalen Umständen also bis kurz nach der Eröffnung des BER.
Wir kommen zur Serie „Mathe lernen mit dem Checkpoint“: Im vergangenen Schuljahr ist in Berlin die Zahl der Abgänger ohne Abschluss von 10 auf 13 % gestiegen. Wie ist das zu erklären? Wir überlassen die Lösung dieser kniffligen Aufgabe der zuständigen Senatorin Sandra Scheeres - bitte schön: „Das Berliner Bildungssystem ist vielgestaltig und durchlässig, denn viele Wege führen zum Ziel.“ (Q: Website der Verwaltung).
In Berlin gibt es übrigens immer noch Schüler, die es während ihrer gesamten Schulzeit nie mit einem ausgebildeten Mathelehrer zu tun haben. Ob das mal anders wird? Schauen wir rasch in einen Hörsaal der HU, Matheübung für Grundschulpädagogen: Für 25 Studierende ist dort Platz, 58 sind drin. Sie finden keine Stühle, keine Praktikumsplätze, keine Prüfungsslots. Sie können sich sicher selbst ausrechnen, was dabei rauskommt. (Q: „Hearing Lehrkräftebildung“).
Ganz kurz: Am S-Bahnhof Nikolassee wurde ein Mann mit Kippa antisemitisch beleidigt und mit einem Stein beworfen / Nach einem Vierteljahrhundert verlässt Leiter Dieter Puhl die Bahnhofsmission / Spandaus Schüler fehlen am häufigsten unentschuldigt / Die von Kommissar Geisel eingeleitete Fahndung nach den Trickbetrügern seiner Nachbarin war erfolgreich / Die Schöneberger Schwulenkneipe „Hafen“ kann jetzt doch noch mindestens ein Jahr geöffnet bleiben.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Berlin ist und bleibt eine Baustelle – und das ist auch gut so."
Handwerkskammerpräsident Stephan Schwarz
Tweet des Tages
Erkältungszeit. Erzieherinnen klar im Vorteil."
Antwort d. Red.: Kommentar zu folgendem Eintrag der „Berliner Liste“: Zwei Freundinnen unterhalten sich in der U-Bahn über die Gefahren der Erkältungszeit. „Fass‘ bloß nicht die Haltestange an!“, sagt die eine. Darauf die andere: „Hey, ich arbeite im Kindergarten. Ich könnte die Stange ablecken."
Stadtleben
Essen im Restaurant kann ja jeder, findet unser Spandau-Korrespondent André Görke. Mal was anderes, weniger gehoben, dafür sättigend und nah am Bürger, ist – natürlich – die Kantine. Spandau hat etliche davon, nur gehören viele zu Firmen und öffnen nur für Mitarbeiter. Nicht so „Die Kantine“ des Spandauer Finanzamts, die öffnet für alle – im Sommer sogar mit Terrasse. Wer sich zwischen 11.30 bis 13.30 Uhr im Dallas Berlins rumtreibt, kann sich für günstige 5,40 Euro die selbstgemachten Königsberger Klopse oder die Zucchini-Piccata mit Reis und Tomatensauce gönnen. Nonnendammallee 15-21, U-Bhf Haselhorst
Trinken in Neukölln, besser gesagt, der Weserstraße: Bekannt ist sie als touristen- und hipsterüberlaufene Partymeile (liebevoll gemeint!), doch befindet sich in Richtung Hertzbergplatz, in der Nummer 79, eine wahre Insel der Bodenständigkeit: Die trägt den Namen Poropati. Benannt nach dem Herkunftsort des Besitzers in Kroatien, macht die schummrig-rustikale Kneipe ihrem Namen alle Ehre: Mit kroatischem Rakija (nicht exen!) und gelegentlichen Balkan-Folk-Abenden. Živjeli! Tägl. 18-4 Uhr, U-Bhf Rathaus Neukölln