je zufriedener der Senat mit der eigenen Corona-Politik ist (Ramona Pop: „Wir reagieren früher als der Bund“ / Michael Müller: „Jetzt orientieren sich an uns viele, oder alle“), desto drastischer steigt in Berlin die Zahl der Neuinfektionen.
Fünf Bezirke gelten von heute an als Risikogebiete, weil sie die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gerissen haben (7-Tage-Inzidenz). Schleswig-Holstein hat bereits eine Quarantänepflicht für Reisende aus Mitte, Friedrichhain-Kreuzberg und Neukölln verhängt (Ausnahme: Bundespolitiker sowie ein Aufenthalt in den genannten Bezirken von weniger als 48 Stunden). Weitere Bundesländer erwägen ähnliche Maßnahmen, und bald könnte auch das gesamte Land Berlin auf die Liste kommen.
Die Bezirke, die über der kritischen Marke von 50 liegen:
Neukölln: 63,5
Mitte: 61,4
Friedrichshain-Kreuzberg: 56,2
Charlottenburg-Wilmersdorf: 53,1
Tempelhof-Schöneberg: 51,3
Zwei Bezirke haben die vom Senat festgelegte Höchstzahl von 30 Fällen überschritten:
Reinickendorf: 34,8
Spandau: 30,7
Zwei weitere Bezirke stehen auf der Kippe:
Treptow-Köpenick: 28,5
Pankow: 23,4
Steglitz-Zehlendorf 22,2
Zwei Bezirke weisen eine relativ niedrige Neuinfektionsrate aus:
Marzahn-Hellersdorf: 13,8
Lichtenberg: 12,1
Würden es Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf so machen wie Schleswig-Holstein, also die Berliner Bezirke jeweils als Landkreise bewerten, müssten Innenstadtbewohner für den Ausflug zu den „Gärten der Welt“ ebenfalls in Quarantäne (mehr dazu unter „Stadtleben“). Das ist unkontrollierbar und offenbart die Absurdität des politischen Handelns – aber auch die Tücke des Virus: Es gefährdet die Gesundheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Die meisten neuen Fälle gibt es bei den 20- bis 29-Jährigen. Und weil der Senat ausgerechnet an diesem Wochenende mitten hinein ins frische Infektionsgeschehen einen „Tag der Clubkultur“ feierte, wird das wohl auch so bleiben: Die als Rettungsmaßnahme gut gedachte 10.000-Euro-Auszeichnung von 40 Läden geriet nur hinter den Türen pandemiekonform – davor aber und in den Parks beteiligten sich tausende Tanzsehnsüchtige in der letzten lauen Nacht des Jahres mit dem Bier in der Hand am größten Corona-Inkubator der Stadt (hier ein kleiner Eindruck). Ich verstehe die Sehnsucht nach dem Nachtleben, nach Konzerten, nach dem Gemeinschaftsgefühl, und ich empfinde sie selbst (wie herrlich war’s z.B. beim letzten Lollapalooza). Ich verstehe die Lage der Clubs, die mehr als ein Almosen verdienen. Was ich nicht verstehe, ist die Rückkehr des Hedonismus in seiner hässlichen Art: ignorant und gemeingefährlich.
Am Bordsteinrand kontrolliert das Ordnungsamt die Parkscheine, direkt daneben im Restaurant wird maskenlos serviert – aber der Verstoß gegen die Covid-19-Regeln wird von den Knöllchenschreibern lässig ignoriert. Warum werden die Parkraumüberwacher nicht für Corona-Kontrollen eingesetzt? Na? Richtig – Senat und Bezirk spielen Behördenpingpong, und das geht so:
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Da gibt es überhaupt gar keine Verstärkung der Ordnungsämter! Temporäre Umschichtung, mehr ist das nicht - es wirklich unglaublich!!! 😡https://t.co/pFwCrObYHf
Ping: „Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller fordert mehr Engagement der bezirklichen Ordnungsämter bei der Durchsetzung von Corona-Regeln wie Maskenpflicht oder Abstandsgebot.“ (Q: dpa)
Pong: Bürgermeisterin Monika Herrmann (Friedrichshain-Kreuzberg) sagt: „Das ist rechtlich nicht möglich. Dürfen wir bezirklich leider nicht selbst entscheiden.“ (Q: Twitter)
Dabei hatte Innensenator Andreas Geisel bereits Mitte August angekündigt, dass 240 Mitarbeiter der Ordnungsämter statt parkender Autos ab September die Einhaltung der Corona-Regeln kontrollieren sollen. Und Monika Herrmann hatte diese Maßnahme im August auch gleich heftig kritisiert. „Es gibt gar keine Verstärkung der Ordnungsämter. Temporäre Umschichtung, mehr ist das nicht“, schrieb sie bei Twitter.
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Für völlig unzureichend hält allerdings auch Neuköllns Ordnungsstadtrat Falko Liecke (CDU) Geisels Vorschlag. „In Neukölln zum Beispiel gibt es gar keine Parkraumüberwachung, wir können niemanden umsetzen“, sagte er am Wochenende dem Tagesspiegel. Im Ordnungsamt des Bezirks arbeiten laut Liecke etwa 50 Mitarbeiter im Außendienst. Neben der Corona-Überwachung müssen diese aber trotz klarer Prioritätensetzung auch noch das Alltagsgeschäft erledigen. Gerade mal vier Streifen mit je zwei Mitarbeitern könne er pro Schicht auf die Straße schicken, erklärte Liecke. „Wir bräuchten aber fünf Mal so viele.“
Mehr Mitarbeiter hat Liecke jedoch nicht eingestellt. Doch die Schuld dafür gibt er dem Senat, der den Bezirken keine entsprechenden Mittel zur Verfügung gestellt habe. Das Ergebnis: In der Welthauptstadt der organsierten Unzuständigkeit hat Corona ein Heimspiel.
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Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci will „angesichts anhaltend sehr hoher Infektionszahlen und Inzidenzen“ am Dienstag im Senat eine schärfere Corona-Verordnung durchsetzen – hier die wichtigsten Punkte der Vorlage, die Staatssekretärin Barbara König („auch mit besten Grüßen von Martin Matz“) zur Vorbereitung an ihre Kolleginnen und Kollegen schickte:
+ Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum bis zu 5 Personen
+ Bei privaten Zusammenkünften darf pro 10 qm jeweils nur eine Person anwesend sein (max. 25 innen, max. 50 außen)
+ Verbot von Ausschank, Abgabe und Verkauf von Alkohol zwischen 23 Uhr und 6 Uhr.
Entsprechend angepasst werden soll der Bußgeldkatalog. Ein Verstoß gegen die Kontaktbeschränkung (max. 5 Personen) wird demnach mit bis zu 500 Euro geahndet, ein Verstoß gegen die Quadratmeterregel (min.10 qm pro Person) zwischen 1.000 und 5.000 Euro, und ein Verstoß gegen die Alkoholbestimmung (§7, Abs. 4) kostet die „ausschenkende, abgebende oder verkaufende Person“ zwischen 5.000 und 10.000 Euro – selbstverständlich nur im Falle einer der seltenen Kontrollen. Die Mail von König endet erwartungsvoll: „Wir freuen uns auf Euer Feedback und die Diskussion in der STK am Montag.“ Da die Grünen, die Linken und auch der Regierende Bürgermeister von einem Alkoholverbot bisher nichts halten, dürften die Staatssekretärsrunde am Montag und die Senatssitzung am Diensttag mit hochprozentiger Wahrscheinlichkeit tatsächlich heiter verlaufen. Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek gibt den Ton vor: Sie schreibt über Kalayci neuerdings abfällig distanziert als „unsere ‚Gesundheits‘-Senatorin“.
Die rigide politische Aufräumaktion von Frank Balzer in der Reinickendorfer CDU wird ein Jahr vor der Wahl nun auch zur akademischen Belastung für die Landespartei: Nachdem der Bezirksbürgermeister den falschen Doktor Frank Steffel als CDU-Kreisvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten abgesägt hat, schlägt er als seinen eigenen Nachfolger im Rathaus (Balzer zieht’s ins Abgeordnetenhaus) jetzt ausgerechnet einen fragwürdigen Professor vor: Der 62-jährige Balzer-Buddy Michael Wegner trägt stolz einen Titel der rumänischen Universität Pitesti („Prof.“), von dem allerdings jede Spur fehlt. Wir haben die für Internationales zuständige Vizepräsidentin Corina Amelia Georgescu gefragt, seit wann Wegner Honorarprofessor ihrer Hochschule ist und welche wissenschaftlichen, beruflichen oder sonstigen Leistungen er als „Profesor de onoare“ erbracht hat – hier ihre Antwort: „Ich konnte Herrn Michael Wegner nicht in den Aufzeichnungen finden, die uns für die vergangenen zehn Jahre zur Verfügung stehen.“ Das klingt nach einer lohnenden Forschungsaufgabe für den CDU-Landesvorstand.
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Samstagabend gegen 20.30 Uhr: Mitten auf der Neuen Jakobstraße bei uns ums Eck steht im Dunklen eine alte Frau, gestützt auf ihren Stock; sie wirkt verwirrt. Autos rasen links und rechts vorbei, sie schlurft in ihren Hausschuhen einen Schritt weiter, dann noch einen. Wir helfen ihr auf den Gehweg.
Wohin sie denn wolle? „Nach Hohenschönhausen, zu meiner Tochter.“ Sie hat kein Geld dabei, keinen Schlüssel, kein Handy, keine Nummer. Aber sie weiß, wo sie selbst wohnt, „seit 1955“. Sie hat nur ein paar Dutzend Meter geschafft. Ob wir bei den Nachbarn klingeln sollen? „Die sind mir nicht wohlgesonnen. Ich gehe denen auf den Senkel.“ Und einen Schlüssel haben die auch nicht. Hat sie einen Pflegedienst? Ja, hat sie. Wir schauen nach, es gibt keine Notfallnummer. Können wir die Tochter anrufen? „Die ist nicht da, die hat Schicht.“ Also die Polizei? „Dann ist meine Tochter wieder böse auf mich.“ Aber was sonst? Den Schlüsseldienst holen? Und dann? So können wir sie nicht allein lassen.
Wir rufen die Polizei, zwei sehr freundliche junge Beamte steigen aus. Sie kennen die Frau schon länger und begrüßen sie mit ihrem Namen: „Was machen Sie denn, wir waren doch heute schon bei Ihnen!“ Vor Stunden hatten die Beamten mal wieder die Tochter anrufen und herbitten müssen. Jetzt ist sie nicht zu erreichen. Die alte Frau kann kaum noch stehen, sie lehnt an der Haustür, wir stützen Sie. Es geht ihr nicht gut. „Sie hätten überfahren werden können“, sagen wir zu ihr. „Ich habe keine Angst vor Autos“, erwidert sie. „Ich bin ein bisschen lebensmüde. Ich wollte schon mal ins Wasser.“ Sie streichelt unseren Pomeranian-Welpen, zieht den kleinen Hund sachte mit einer Hand ganz nah an sich heran und flüstert: „Ich liebe Tiere. Tiere sind immer ehrlich. Nicht so falsch wie Menschen.“ Dann fährt ein Krankenwagen vor.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Florian Schmidt bekommt einen Eintrag ins rot-goldene Buch der Stadt Berlin: Der Landesrechnungshof würdigt in seinem Jahresbericht (wird heute veröffentlicht) eine „pflichtwidrige Ausübung von Vorkaufsrechten“ durch den Baustadtrat. Berlinkenner wissen: Das sind beste Voraussetzungen für eine große Karriere. (Q: „Berliner Zeitung“).
Das „Pferdekompetenzzentrum“ der FU erhält eine Rüge des Landesrechnungshofs– schauen wir uns doch mal das hippologische Angebot der Veterinärmediziner an...
„Wohlfühl-Atmosphäre für Pferd und Reiter garantieren wir mit unserer Pensionspferdehaltung. Derzeit stehen 28 Boxen für Ihre Pferde als Dauergäste zur Verfügung. Sehr gern können Sie Ihr Pferd auch während Ihres Kuraufenthaltes bei uns einstellen. In Zusammenarbeit mit privaten Hengsthaltern stehen bei uns leistungsbereite Zuchthengste für Ihre Stuten bereit. Darüber hinaus bieten wir Tiefgefriersamenproduktion und Embryotransfer an. Die Besamung Ihrer Stute mit Frisch- und Tiefgefriersperma vom Hengst Ihrer Wahl ist bei uns selbstverständlich.“
Dazu ein Plakat-Vorschlag für die neue Senatskampagne: „Ich so: hüh“. „Du so: hott“. „Wir so: jottojott…“
Einen „Stinkefinger aus der CDU gegenüber Mieterinnen und Mietern“ nannten Cansel Kiziltepe und Kevin Kühnert in einem Tagesspiegel-Beitrag das Bemühen, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen weiter zu ermöglichen (hier nachzulesen). Heute antwortet der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak: „Die vorgebrachten Argumente sind falsch, sie spielen mit den Ängsten der Menschen. Das ist unseriös und zynisch.“
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Nach einem Wochenende auf dem Rennrad wieder die Erkenntnis: Außerhalb des S-Bahnrings wird’s lebensgefährlich (ganz egal in welche Richtung). Aber immer nur die paar hundert Meter autofreie Friedrichstraße hoch und runter fahren, ist auch nicht so prickelnd (zumal mit Vmax 20).
Apropos autofrei: Auch die Tauentzienstraße könnte bald für Privat-Pkw gesperrt werden (zunächst gibt’s mal ein Experiment) – zu befürchten ist nur, dass die lebensgefährliche PS-Show dann einfach eine Ecke weiterzieht.
Apropos Raser: Mehr Blitzer wären eine sichere Bank für den Finanzsenator – leider gibt es zu wenig Leute, die das Bußgeld eintreiben. Oder, in den Worten der Innenverwaltung: „Vor diesem Hintergrund kann bei einer noch weiteren Steigerung an Überwachungsanlagen bei gleichbleibendem Personalkörper durch die Bußgeldstelle nicht vollumfänglich gewährleistet…“ – usw. (Q: „Morgenpost“). Die Berliner Lösung: Dann gibt’s halt weniger Blitzer. Es kommentiert Markus Mörl: „Ich will Spaß, ich geb‘ Gas.“

Das Projekt @wasihrnichtseht macht Rassismuserfahrungen von Schwarzen sichtbar. Wir machen das durch eine Kooperation an dieser Stelle auch.
Aus der Reihe „Berlin, aber Schnauze“ – ein Kapitäns-Witz via Lautsprecher gestern bei der Brückenfahrt auf der „Spree-Comtess“: Vater und Sohn stehen auf einer Brücke an der Spree. Sagt der Kleine: „Vadder, Vadder, kiek mal, lauter Kahns.“ Vater: „Dit sind Kähne.“ Sohn: „Wie, dit sind keene? Ick weeß doch, wie Kahns aussehen!“
So, wie bekommen wir jetzt die Brücke zu Hertha… Ach ja: Kahn hat mal nicht keene reinbekommen, sondern drei – aber weil Lewandowsky gleich viermal getroffen hat, ging das dramatische Spiel (bis zur 85. Minute stand es noch 2:2) mit 4:3 für die Bayern aus.
Die Mitte-Grünen haben offenbar zu viel „House of Cards“ geschaut – Özcan Mutlu ist in der nächsten Staffel aber nicht mehr dabei. Einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten finden Sie hier.
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„Die Tiefkühlpizza wird 50 Jahre alt“ („Morgenpost“) ist als Überschrift zwar nicht so lecker, aber ein guter Anlass, mal eine Kühlschrankrevision vorzunehmen. Ich verrate lieber mal nicht, was bei mit dabei herausgekommen ist…
Teil II unserer Serie „75 Visionen für Berlin“ kommt von IHK-Präsidentin Beatrice Kramm – die „Traumschiff“-Produzentin fordert: „Weg mit den Zuständigkeitsmauern zwischen den Senatsverwaltungen, zwischen Senatsverwaltungen und Bezirken, weg mit den Mauern zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Berlin und Brandenburg und vor allem in unseren Köpfen.“ Na dann mal los.
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Das Theaterstück „Als die Mauer fiel“,entstanden aus unserem Tagesspiegel-Schülerwettbewerb, bei dem Kinder und Jugendliche ihre Eltern und Großeltern nach dem Umbruch befragten, musste wegen Corona mehrmals verschoben und umgeschrieben werden. Nun war doch noch Premiere im Theater an der Parkaue – und Robert Ide war ganz begeistert. Seinen Bericht finden Sie hier.
Die Premiere des neuen Bond-Films „Keine Zeit zu sterben“ wurde jetzt zum vierten Mal verschoben (diesmal auf April 2021) – Ähnlichkeiten mit einem gewissen Flughafen sind allerdings rein zufällig. Es kommentiert Pierce Brosnan: „Ich wusste doch, ich habe mich die ganzen Jahre geirrt.“ (Aus: „Der Morgen stirbt nie“, 1997).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Grundsätzlich ist ein Leben mit den Wildtieren ohne Konflikte in der Stadt möglich.“
Staatssekretär Stefan Tidow über Wildschweine in Berlin – dennoch wurden im laufenden „Jagdjahr“ bereits 1563 Bekannte von unserem Lieblingsschwein Kevin abgeknallt. (Q: Anfrage Mario Czaja)
Tweet des Tages
Spaziere im Wedding durch einen Park und an mir rennen eilig Superwomen, Superman, ein Koch und jemand mit Skiern vorbei. Das Schöne ist: In Berlin wundert man sich nicht, man winkt nur.
Stadtleben
Essen – Berlins Fallzahl steigt rasant – und lässt Viele in die eigenen Wände zurückkehren. Wer dennoch fürstlich dinieren mag, wählt die Nummer des feinen Borchardts: Schon diCaprio und Tarantino knusperten hier ihr wohl-bewachtes Premieren-Schnitzel. Seit Beginn des Shutdowns liefert die Küche ihr berüchtigtes Kalbsschnitzel auch in die Home-Offices der Hauptstadt: Eine Box samt Kartoffelsalat packen die Köche für 26,50 Euro, die Variation mit Beelitzer Spargel ist ab 32 zu haben. Ausgefahren wird nach ganz Berlin, bestellt wird täglich von 10-20 Uhr unter der 030/81886262 – Prominenzen einfach dazufantasieren.
Trinken – Vitaminkick? Aber hallo! Health is sexy, sagt Prenzlbergs Juicery – und mixt Smoothies, die zum Trinken beinah zu schade sind. Vor einer Woche weihte die Saftbar ihre zweite Filiale in der Oderberger Straße 28 ein: Pünktlich zur Eröffnung wandern nun Kakao, Avocado und Datteln in den Blender, obendrauf gibt’s frische Feigen, Physalis und Pfefferminzblättchen. Den „Inner Beauty“ schlürfen Gäste ab 5,90 Euro, einen fixen Ingwer-Shot gibt’s für 2,50. Mit Smoothie in der Hand geht’s hinaus auf die Terrasse – oder auf die Hügel des Mauerparks. Mo-Fr 8-20, Sa-So 9-20 Uhr, U-Bhf Eberswalder Straße
Berlinbesuch – Seinen exklusiven Geheimtipp-Status mag der Park verloren haben, doch noch immer finden Flanierende im Schöneberger Südgelände rare urbane Einsamkeit. Abseits der rostigen Eisenstege erspähen Besucher Kunst und Loks, deren Geschichten Tafeln verraten. Bisher gab es diese nur in 2D – jetzt sind die Infos hindernisfrei: In Berlins erster barrierearmer Ausstellung ertasten Spazierende Vögel und Bienen, Waldohreulen und Bahnhofshallen – auch Braille-Texte erheben sich künftig aus den Schildern. Ebenfalls spannend: der Audio-Guide, dem per QR-Code gelauscht werden mag – wer reinhören will, klickt sich hier entlang. Die Ausstellung ist täglich ab 9 Uhr zu bewundern, Eintritt gibt’s für einen Euro. Prellerweg 47-49, S + U-Bhf Priesterweg
Karten sichern – Eine Mauer zieht sich durch den Sommergarten. Nicht nur Schauspieler, sondern auch das Publikum in der ufa-Fabrik werden durch die Wand getrennt – und gegeneinander ausgespielt. Mit Livemusik und Filmelementen erzählt die Drehbühne von Teilung, Flucht und Wiedersehen, heute wie vor dreißig Jahren. Tickets für „mauerland - borderland“ erstehen Sie für 20/16 Euro hier – oder bei uns: wir verlosen zwei Plätze für die Premiere am Donnerstag (19 Uhr).
Neu in Marzahn – Noch ein Grund, in die entlegenen Gärten der Welt zu pilgern: In einem neuen Hörspiel-Walk lauschen Besucher den Geschichten des Parks – von der Herkunft der Apfelsine bis zu den Pflanzen der Mega-Cities. Neugierige laden sich den Guide aufs eigene Smartphone, wer keines besitzt, leiht sich den Player vor Ort. Eintritt zum Park gibt’s für 7/3 Euro, die Audio-Tour ist kostenfrei.
Rausfahren – und durch den rauen Herbstwind stapfen! Wem die bloße Natur nicht genügt, fährt zum Flanieren in den Hohen Fläming: Quer durch abgegraste Felder und Wälder, die sich langsam gen Röte verfärben, schlängelt sich der Kunstwanderweg. Neben Moos und knirschendem Laub zieren 28 Skulpturen den Pfad – von heulenden Brandenburger Wölfen aus Stahl bis hin zu riesigen Eutern im Gras. Auf vier Routen zieht sich der Weg knapp 40 Kilometer von Wiesenburg/Mark bis zu den Mauern der Burg Bad Belzig, Zeit pro Etappe: ca. 5 Stunden. Karten und Kunstwerke finden Sie hier, für Schänken auf dem Weg geht es hier entlang.
Last-Minute-Tanz – (ein Tipp von Sandra Luzina) Fred Herko war eine Schlüsselfigur des New Yorker Undergrounds der 1960er. Andy Warhol war fasziniert von dem attraktiven Tänzer, der dem legendären Judson Dance Theater angehörte, und ließ ihn in drei seiner Filme auftreten. Der Choreograf Przemek Kamiński geht in seiner Tanzperfomance „Sunrise Sunset“ (19 Uhr im HAU2) von den verstreuten Dokumenten zum Leben der queeren Ikone aus. Auch die Berichte von Herkos künstlerischen Partnern sind in das Stück eingeflossen. Für seine Hommage hat Kamiński in dem Tänzer Martin Hansen einen kongenialen Partner gefunden. Karten gibt’s für 13/8 Euro hier.
Berlin heute
Verkehr – Berliner Straße (Pankow): Sperrung zwischen Elsa-Brändström-Straße und Borkumstraße in Richtung Breite Straße, Rad- und Fußverkehr darf passieren (bis Mitte Dezember).
Hohenschönhauser Straße/ Oderbruchstraße (Fennpfuhl): Sperrung zwischen Judith-Auer-Straße und Landsberger Allee in Richtung Landsberger Allee, Rad- und Fußverkehr frei. Die Anbindung Maiglöckchenstraße ist ebenfalls gesperrt.
Mitte: Aufgrund einer Demonstration kommt es rund um Wilhelmstraße, Glinkastraße, Unter den Linden, Luisenstraße und Invalidenstraße zu Verkehrseinschränkungen (10-12.30 Uhr).
Kreuzung Prenzlauer Allee/Grellstraße/Wichertstraße (Prenzlauer Berg): Im gesamten Kreuzungsbereich kommt es zu Verkehrsbeschränkungen. Ausgehend von der Grellstraße ist das Queren der Prenzlauer Allee nicht möglich, eine Umleitung ist ausgeschildert (bis Mitte November).
Ebertstraße (Mitte): Auf Höhe Lennéstraße ist in Richtung Potsdamer Platz nur ein Fahrstreifen frei (7-17 Uhr, bis Freitag).
Sachsendamm (Schöneberg): In Richtung Schöneberger Straße ist auf Höhe S-Bahnhof Schöneberg nur eine Spur frei (7-16 Uhr, bis morgen).
Kantstraße (Charlottenburg): Zwischen Fasanenstraße und Joachimsthaler Straße ist die Fahrbahn in Richtung Budapester Straße verengt und verschwenkt (bis Anfang März 2021).
Landsberger Allee (Fennpfuhl): Auf Höhe der Kreuzung Landsberger Allee/ Oderbruchstraße sind nur zwei Spuren verfügbar, Radfahrende nutzen den Fußweg (bis Ende Oktober).
Landsberger Allee (Marzahn): Hinter der Ringenwalder Straße steht stadteinwärts nur eine Fahrbahn zur Verfügung.
Malteserstraße (Lankwitz): Auf Höhe Preysingstraße ist in Richtung Friedenfelser Straße nur eine Spur verfügbar (bis Anfang Oktober).
Köpenicker Straße (Adlershof): In Richtung Ernst-Ruska-Ufer ist vor der Straße Am Studio nur eine Spur frei.
A 113 (Schönefeld-Zubringer): Nächtliche Sperrung stadtauswärts zwischen AS Adlershof und AS Schönefeld-Nord (21-5 Uhr).
Demonstration – Unter dem Motto „Marsch der toten Bäume – Unser Wald stirbt – Stoppt die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen“ ziehen 1200 Personen vom Landwirtschafts- zum Wirtschaftsministerium (10-12.30 Uhr). Am Alexanderplatz protestiert „Berlin4Future“ „gegen die aktuelle, völlig unzureichende Klimaschutzpolitik“, hier werden 300 Umweltschützende erwartet (18-20 Uhr). Auf der Marschallbrücke in Mitte kommen 100 Teilnehmende zu einer Demonstration „gegen eine mögliche Bewaffnung von Bundeswehrdrohnen“ zusammen (13-14.30 Uhr, angemeldet von der Deutschen Friedensgesellschaft). Vor der russischen Botschaft findet eine „Versammlung für die Unterstützung der gläubigen Christen in Russland“ statt (7.30-19.30 Uhr, 100 Personen).
Gericht – Der Prozess gegen Clanchef Arafat Abou-Chaker (44) und drei seiner Brüder wird fortgesetzt. Es geht um mutmaßliche Straftaten zum Nachteil von Rapper Bushido (42), nachdem der Musiker die Geschäftsbeziehungen aufgelöst hatte. Am letzten Prozesstag hatten Anwälte im Zusammenhang mit einer kürzlich durchgeführten Razzia bei Arafat Abou-Chaker die Einstellung oder Aussetzung des Verfahrens beantragt (9.30 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 500).
Berliner Gesellschaft
Geburtstag –Renate Bröder, „Glück, Gesundheit und genüssliche Gaumenkitzel im neuen Lebensjahr wünscht dein Küchenhelfer“ / Gudrun Doll-Tepper (73), Sportwissenschaftlerin und Sportfunktionärin / Hanne Epinatjeff (70), „Bleib wie du bist, vor allem gesund und munter, wünscht dein alter Freund“ / Franziska Fettback (40), „Bleib wie du bist“ / Florian Graf (47), für die CDU im AGH / Stefan Klein (55), Physiker und Sachbuchautor / Sarah Knappik (34), Reality-TV-Darstellerin / „Liebe Nadja, einen superheldenhaften Geburtstag wünscht die FG 2.“/ Alexandra Thein (57), ehem. FDP-Landeschefin in Berlin (2014-15) und ehem. MdEP / „Gratulation, liebe Brigitte Walcebok! Alles Liebe & Gute für Dein neues Jahrzehnt. Bussi“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Dr. Torsten Bischoff, verstorben am 6. September 2020, Ministerialrat / Susanne Halbach, * 21. April 1941 / Karsten Thielker, * 12. November 1965, „Fotograf und Freund“ / Ruth Zimmermann, * 16. Dezember 1933
Stolperstein – Margarete Minner wurde am 13. Mai 1898 in Berlin geboren. Im Oktober 1941 wurde die Buchhalterin von Grunewald ins Ghetto Łódź / Litzmannstadt deportiert, wo sie heute vor 77 Jahren ermordet wurde. In der Gubener Straße 36 in Friedrichshain liegt zu ihrem Gedenken ein Stolperstein.
Encore
Die Innenverwaltung wird bescheiden: Berlin gilt hier nicht mehr als beste Stadt des Universums. Und auch die eigene Pressestelle… aber lesen Sie selbst: „Arbeiten für die beste Stadt der Welt? Arbeiten in der besten Pressestelle der Welt? Wir machen es möglich. Jetzt bewerben als stellvertretende/r Pressesprecher/in.“ Falls Sie Interesse haben: Hier geht’s zur Ausschreibung. Sie müssten aber schon mindestens der oder die beste stellvertretende/r Pressesprecher/in der Welt sein (wenn nicht gar des Universums).
Das beste Stadtleben unseres Sonnensystems wurde heute in aller Bescheidenheit von Lotte Buschenhagen zubereitet, und das gesamte Menü hat Ihnen Caspar Schwietering frisch in die Mailbox serviert. Morgen früh sehen wir uns hier wieder – bis dahin,
