Wir starten heute mit einem Frühstücksinterview - bisher hatte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop zur erhitzten Wohnungsdebatte geschwiegen, jetzt sagt sie: „Kein Regierungsmitglied sollte das Wort Enteignung leichtfertig in den Mund nehmen“ – der Regierende Bürgermeister will Enteignungen „im dritten, vierten, fünften Schritt“ nicht ausschließen, die Linke unterstützt das Volksbegehren „Deutsche Wohnen enteignen“. Pop ist dafür, „stark regulierend einzugreifen“ und fordert die Bundesregierung auf, das Mietrecht zu ändern: „Die Rendite der Vermieter ist hoch, besonders der großen Unternehmen. Eigentum verpflichtet zu vernünftigem, sozialem Verhalten, nicht zu Turbokapitalismus.“ Das ganze Interview gibt’s hier.
Zündstoff birgt nicht nur die Enteignungsdebatte, sondern auch der Zustand der Verwaltung – in der Wirtschaft wächst die Wut. Hinter den Kulissen werden seit Dezember die Kräfte gesammelt, zwei Dutzend Organisationen machen jetzt Druck: Sie fordern Sofortmaßnahmen und die Einleitung einer Reform. „Eins ist klar: So geht‘s nicht weiter!“, schimpft einer der Aufständischen.
Internes Rundschreiben des Chefs der Senatskanzlei, Stichwort: „Öffentlichkeitsarbeit“. Na, da schauen wir doch mal rein… „Bei ausdrücklich als persönliche Ansicht erkennbaren Äußerungen außerhalb des Dienstes ist jeglicher Hinweis auf ein bestehendes Dienstverhältnis zur Senatskanzlei zu unterlassen“, schreibt Christian Gaebler. Da aber nicht auszuschließen ist, dass eine Beziehung hergestellt wird, „kommt der Beachtung des Gebots der Mäßigung und Zurückhaltung eine besondere Bedeutung zu.“ Dies gelte es auch „im Umgang mit sozialen Medien“ zu beachten. Hm, also eine „Lex Chebli“, wie zu hören ist? Die twitternde Staatssekretärin eckt ja immer wieder mal an, obwohl es in ihrem Twitterprofil heißt: „Hier privat“. Im Rathaus wird dementiert: Das Rundschreiben sei als anlasslose Aktualisierung einer älteren Hausmitteilung über die Grundsätze der Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen. Es kommentiert Capital Bra (frisch von Bushido getrennt): „Jaja okay, Jaja okay okay.“
Vor zwei Wochen schrieb Elisabeth Raether in der „Zeit“: „Michael Müller wollte sich mit Sawsan Chebli schmücken, doch inzwischen treibt sie ihn in den Wahnsinn, sagt sein Umfeld. Er gilt als vorsichtig und konfliktscheu, worauf sie keinerlei Rücksicht nimmt. Er hätte nichts mehr dagegen, heißt es, dass sie auf Twitter einen richtigen Fehler macht, sodass er sie entlassen muss.“ Im Parlament wurde der Regierende Bürgermeister damit gestern konfrontiert. Er dementierte. Jaja okay…
Neues vom Fall Flierl (Beratervertrag ohne Ausschreibung) – Stadtrat Ephraim Gothe gestern Abend in der BVV Mitte: „Dass mir ein Bürgerverein über den Checkpoint erklärt, was ich zu tun habe, habe ich so noch nicht erlebt. Und es macht mich betroffen“. Flierl sei „eine laute Stimme für die Ostmoderne“ und „ein sehr seriöser Wissenschaftler“. Auf die fehlende Ausschreibung angesprochen (Sebastian Pieper, CDU: „Sie kennen ja vielleicht nicht jeden Menschen in dieser Stadt“), gab Gothe zu: „Wir hätten das machen können.“ Bei einer Fortsetzung des Projekts „Doppeltes Berlin“ hält Gothe eine Ausschreibung jetzt für „sinnvoll“, Flierl sei aber „in einer herausragenden Pole-Position“.
Apropos Mitte: Kleine Anfragen von Bezirksverordneten müssen in der Regel innerhalb von zwei Wochen beantwortet werden – als regelmäßiger Leser der Drucksachen weiß ich: Meistens dauert es länger, überall. Aber was sich das Bezirksamt Mitte leistet, ist rekordverdächtig: Drei Anfragen (je eine an Sabine Weißler, Stephan von Dassel und Ephraim Gothe) liegen seit zwei Jahren unbeantwortet herum. Es kommentiert Jean Paul: „Man hört in der Welt leichter ein Echo als eine Antwort.“
So, dann kommen wir mal zu unserem beliebten Freitagsrätsel, heute: „Schneckenpost mit 3 Buchstaben“. Na? Zu leicht? Also, „DHL“ ist zwar schon ein heißer Kandidat, aber die richtige Lösung lautet „BND“. Satte zwei Monate brauchte der so genannte Nachrichtendienst für folgende Antwort: „Mit Ihrer Mail vom 26. November 2018 bitten Sie um Auskunftserteilung zu den beim Bundesnachrichtendienst zu Ihrer Person gespeicherten Daten auf der Grundlage des Artikels 15 DSGVO in Verbindung mit Artikel 12 Absatz 3 DSGVO. Hiermit bestätigen wir Ihnen den Eingang der vorbenannten E-Mail.“ Hm, da gibt’s ja eigentlich nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder wird unsere Mail noch immer erkennungsdienstlich behandelt – oder seit dem Eingang der Anfrage werden Tag und Nacht hektisch unsere Daten geschreddert.
PS: Aus anderen, zeitgleich angefragten Behörden (u.a. BMI, AA, Kanzleramt) liegen bereits substanzielle Antworten vor.
Wir bleiben noch kurz beim deutschen Versandservice und wenden uns dem Lieferdienst „Hermes“ zu – nehmen Sie sich bitte 1:20 min Zeit und beobachten hier, wie einem der Götterboten des Unternehmens im dritten Versuch eine der beliebten Balkonzustellungen gelingt (2. Stock). CP-Tipp: Stellen Sie sich beim Betrachten des kurzen Videos vor, Sie hätten ein Paket voller Meißner Porzellan bestellt...
Nochmal eine kleine Erinnerung: Morgen startet unser erster Checkpoint-Lauftreff (11 Uhr, Tempelhofer Feld, Eingang Tempelhofer Damm nahe U- und S-Bahnstation Tempelhof). Den bisherigen Anmeldungen zufolge wird es eine große Sache! Wenn Sie mitlaufen wollen: Alle Infos gibt’s hier, Anmeldung bitte an checkpoint@tagesspiegel.de – und unsere fabelhafte Naomi Fearn läuft mit ihren „Berliner Schnuppen“ gleich schon mal vor.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Jetzt neu in Berlin: Der 8. März ist nicht mehr nur Frauentag, sondern auch Feiertag (gestern vom Agh beschlossen). Genutzt werden soll er auf Wunsch der Koalition „zum Feiern, Demonstrieren, Kämpfen“, Sie dürfen aber auch über die Grenze nach Brandenburg fahren und den Nachbarn beim Arbeiten zuschauen (als kleine Rache für den Reformationstag, da ist es umgekehrt). Praktischerweise fällt der erste dieser Feiertage in diesem Jahr auf einen Freitag, das bedeutet aber auch: 2020 haben wir schon nichts mehr davon. Der Checkpoint beantragt deshalb bei den Vereinten Nationen eine Flexibilisierung des Frauentags, damit künftig jeder 2. Freitag im März ein Frei-Tag wird.
Und hier für die Fans der Serie „Berlin ist wie…“ eine Liste der Länder, in denen der Internationale Frauentag ebenfalls ein gesetzlicher Feiertag ist: Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Giunea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgistan, Kuba, Laos, Madagaskar, Moldau, Mongolei, Nordkorea, Nepal, Russland, Sambia, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, Ukraine, Usbekistan, Vietnam, Weißrussland. Hinweis für den Kollegen Jan Fleischauer vom „Spiegel“: Venezuela ist nicht dabei.
Hier eine echt affige Meldung aus dem Ressort „Tierleben“: „Gorilla Ivo wird wegen Zeugungsunfähigkeit ins Saarland abgeschoben“ – den bisherigen Berliner Zoobewohner erwarten dort „drei Damen, die altersbedingt nicht mehr für Nachwuchs sorgen sollen“. Tolles Thema für einen tragikomischen Film von Andreas Dresen, Titel: „Wolke 10“.
Und wild geht‘s gleich weiter – wir schauen nach Brandenburg: „Autofahrerin kollidiert mit Couch“, meldet die Polizei aus dem Elbe-Elster Kreis. Tja, was soll man dazu noch sagen… vielleicht „Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch“?
Wir schalten um zur Übertragung von „Betriebsstörungsbingo spezial“, heute live aus dem Hauptbahnhof: Seit Oktober 2018 stehen hier im ersten Obergeschoss bunte Eimer, um Tropfwasser aufzufangen. Ein Bahnsprecher sagte jetzt der „Morgenpost“: „Die Undichtigkeit konnte bisher nicht eindeutig lokalisiert werden.“ Es kommentiert Johann Wolfgang von Goethe: „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und wieder nieder zur Erde muss es.“
Das legendäre „Rizz“ im Kreuzberger Graefe-Viertel wird zum „Lausebengel“ – der neue Betreiber Janosch („Ich bin 1982 im Urban-Krankenhaus geboren“) dankt seinen Vermietern dafür, dass sie „einen Nachfolger finden wollten, der dem Kiez gerecht wird.“ Heißt konkret: „Modern“, „kein Fußball“, „großartige Biere“ – also genau so, wie noch überall der Anfang vom Ende einer Kultur definiert worden ist. Merke: Berlin wird immer kleiner, je schneller es wächst. (Q: Aushang).
Angebot per Mail: „Haben Sie Interesse an einem Interview mit Tom Kummer, der mit gefälschten Promi-Interviews für einen Medienskandal sorgte?“ Nein danke – Interviews mit Tom Kummer schreiben wir uns selbst.
Falls Sie in Köpenick wohnen und vorhatten, den Südosten auf dem Landweg zu verlassen – vergessen Sie’s: Jetzt ist auch noch die Allende-Brücke gesperrt (Einsturzgefahr). Am besten, Sie machen es sich gemütlich und warten auf Dorothee Bärs Flugtaxis. Oder Sie kaufen sich ein Kanu…
… Oder Sie nehmen Bus und Bahn – lachen Sie nicht: Bereits im Jahr 2035 soll im Berliner ÖPNV wieder alles tippi toppi sein (Investitionen bis dahin: 28 Milliarden Euro). Der Regierende Bürgermeister ist dann übrigens 70 und längst im Besitz einer Seniorenkarte.
In den Tinder-Top-Ten (gezählt werden die Rechtswischer) landet Berlin hinter Stuttgart und Frankfurt nur auf Platz 3 – was ist da los? Alle hässlich? Alle glücklich? (Q: Tinder)
Kleiner Selbstversuch: Mitten in der Nacht runter auf die Straße und sich intensiv vorstellen, jetzt draußen schlafen zu müssen. Grausig – und lebensgefährlich. Wenn Sie also jemanden sehen, der Hilfe zu brauchen scheint, rufen Sie vorsichtshalber den Kältebus an, die Nummer: 01785235838.
Nachspielzeit – Völlig unautorisiert (und aus Versehen) haben wir hier gestern Christian Gaebler zum Regionalliga-Schiedsrichter befördert. Heute müssen wir den Chef der Senatskanzlei leider zurück in die Bezirksliga relegieren, verbunden mit dem Hinweis, dass er auch als Assistent in der Landesliga amtiert.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“
Berlins Landwirtschaftssenator Dirk Behrendt gestern in der Plenardebatte im Abgeordnetenhaus – der Spruch war vor zwei Jahren Teil einer Kampagne des Umweltministeriums.
Tweet des Tages
„Hallo, ich bin ein Bundesliga-Verein, und Sie kennen mich vielleicht von meinen Greatest Hits wie ‚Nein, das heißt nicht Hertha BSC Berlin‘, ‚Mit guter Tagesform können wir jeden schlagen‘ oder ‚Ja, unser Stadion ist trotz Berlin nicht bei jedem Spiel ausverkauft.‘ #hahohe“
Stadtleben
Essen in Kreuzkölln, wo es zwar nicht die leckerste, aber die angesagteste Pizza gibt. Findet zumindest unsere „Mehr Genuss“-Redaktion auf der Suche nach den spektakulärsten Neueröffnungen des vergangenen Jahres. Was macht die Pizza im Gazzo in der Hobrechtstraße 57 (U-Bhf Schönleinstraße) also so hip? Eindeutige Indikatoren sind selbst angesetzter Bio-Saugerteig, ungewöhnlicher Belag wie gerösteter Grünkohl (schön saisonal), karamellisierte Zwiebeln (fancy!) und geräucherter Filon-Käse (klingt extravagant). Natürlich auch alles regional. Das Softeis etwa wird mit Milch von „italienischen Exil-Büffeln, die in Brandenburg weiden“, zubereitet. CP-Urteil: Mehr Kreuzkölln geht nicht! Di-So 17-22 Uhr
Direkt am Fuße der Hasenheide (Flughafenstraße 84, U-Bhf Boddinstraße) mixt Barkeeperin Isabelle Fouquet im B.Horn Drinks mit Lokalbezug: Die Qiez-Kollegen empfehlen etwa den Hasenheide Spritz (7 Euro) aus Wodka, Thymiansirup und Grapefruit. Kiezkenner ahnen es: Die Besitzer des A.Horn am Carl-Herz-Ufer 9, Ludwig Horn und Alexandra Vlachopoulou, wollten damit zeigen, dass sie nicht nur Frühstückscafé, sondern auch Nachtleben können. Üppige Küche übrigens auch: Die Foodbar führt auch BBQ-Ribs, Pulled Pork und Aligot, auf der Karte. Di-So 18-2 Uhr, Küche bis 23 Uhr