ist es der Beginn einer Berliner Zwei-Klassen-Medizin in der Coronakrise? Mitten im Regierungsviertel entsteht die erste private Corona-Teststelle – ohne dass die Behörden davon gewusst hätten. Anwohner wurden per Aushang informiert, ab Mittwoch startet der Drive-In. Dahinter steckt offenbar das angrenzende Ärztehaus Mitte. Als ich am Freitag dort vorbeischaute, bot mir eine überraschte Mitarbeiterin an, mich auf die Warteliste zu setzen. Für 60 Euro bekomme man den Abstrich, „keine kassenärztliche Leistung“. Der Gesundheitsstadtrat von Mitte will die ganze Sache jetzt juristisch prüfen lassen. „Ich finde es problematisch, wenn das Coronavirus zu einer weiteren Kommerzialisierung im Gesundheitswesen beiträgt“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Thomas Isenberg, dem Checkpoint.
Ohne das nötige Kleingeld, aber nur für Neuköllner ist die Corona-Teststelle auf dem Parkplatz des „Estrel“. Am Freitag war Testlauf mit Mitarbeitern des Bezirksamts, ab Montag geht es los. Hunderte Tests pro Tag sind möglich, zu Beginn sollen es aber nur um die 70 sein. Nur nach Voranmeldung darf man vorbeifahren, Ergebnisse sollen innerhalb von Stunden vorliegen. Checkpoint-Kollege Julius Betschka hat sich die Auto-Teststelle angeschaut, sein Eindruck: „Es geht zu wie bei McDrive“.
Notwendig werden die neuen Teststellen (Mitte hat eine auf dem Festplatz, Charlottenburg-Wilmersdorf plant eine weitere), weil Berlin das öffentliche Leben schrittweise wieder hochfährt. Am Montag sollen Berlins Schulen für die Zehntklässler öffnen – trotz abgesagter MSA-Prüfungen und entgegen der Pläne der Bundeskanzlerin (erst ab 4. Mai). Schützen sollen sich Schüler und Lehrer nach dem Willen von Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) mit Masken. In Berlin sieht man die Vermummung kritisch und setzt auf den „Musterhygieneplan Corona“ (CP von gestern).
Unsere Rechenaufgabe zur Händewasch-Dauer am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow hat für viel Knobelei bei Ihnen gesorgt – und zu leicht abweichenden Ergebnissen. Eine Auswahl:
41,666 Minuten
1:10 Stunden
> 2 Stunden
3:36:06 Stunden
108 Stunden
201,66 Stunden
Ursula T. schrieb: „Wir haben kapituliert. Mein Mann empfiehlt den Einsatz der Feuerwehr – natürlich im Freien!“ Wir ziehen mal den Corona-Joker, bis zum Mathe-Abi übernächsten Dienstag müssen Sie aber noch viel üben. Deshalb gleich noch eine Runde Mathe mit dem Checkpoint: Am Montag kommen 28.000 Zehntklässler zurück in die Schulen, eine Woche später folgen Sechstklässler, Neuntklässler der Sekundarstufen, der Abiturjahrgang 2021 und Schüler der Notbetreuung. Um die Abstandsregeln einzuhalten, werden Klassen in drei Gruppen geteilt. Gleichzeitig fehlen Berlin 30 Prozent der Lehrkräfte, weil sie zu Risikogruppen gehören. Aufgabe: Wie viele Lehrer benötigen Berlins 773 Schulen?
Immerhin mit dem Desinfektionsmittel für Schulen klappt es – freut sich zumindest Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers (SPD) in einem Brief an die Stadträte. Sie schreibt, es „ist uns nunmehr gelungen, weitere 4000 Liter Desinfektionsmittel zu ordern.“ Diese würden in „Gebinden á 1000 Liter“ bereitstehen. Stoffers schlägt vor, je drei Bezirke bekommen ein Fass mit 1000 Liter und teilen den Inhalt. Damit erntet sie aber keine Dankbarkeit. „Wir brauchen das Desinfektionsmittel nicht“, heißt es aus Spandau. Und scheinbar hat Stoffers auch das Kleingedruckte nicht gelesen. Auf dem Beipackzettel des Herstellers steht, das Umfüllen sei „grundsätzlich nicht vorgesehen“, die Verantwortung trage der Anwender. Setzen, sechs!
Anzeige
Jetzt die neuesten Frühjahr-/ Sommertrends entdecken bei leiser.de und 20% sparen mit dem GutscheinCode: online20
|*dieser Rabatt ist nicht mit anderen Rabatten kombinierbar, einlösbar bis zum 17.05.2020
Telegramm
Auch wenig Verkehr ist gefährlich. Am Freitag starben zwei Menschen auf Berlins Straßen. In Westend wurde gegen 12.30 Uhr eine Fußgängerin von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt, als diese den Spandauer Damm überqueren wollte. Die Frau starb noch am Unfallort. Auf der Schönhauser Allee in Pankow erfasste zwei Stunden später ein 66-jähriger Autofahrer mit seinem PKW zwei Bauarbeiter. Ein 35-Jähriger wurde gegen einen Stahlmast geschleudert, selbst eine zufällig anwesende Ärztin konnte dem Opfer nicht mehr helfen. Dem Autofahrer wurde Blut abgenommen.
Eigentlich ist der Diesel gerade billig, aber das wird teuer: Am Freitag kontrollierte die Polizei in der Leipziger Straße das Dieselfahrverbot. Ergebnis: Von 32 kontrollierten Fahrzeugen verstießen 13 gegen die Regularien.
„Wer Wege sät, wird Verkehr ernten“, sagt der Mann, der Xhain in der Coronakrise bewegt. Felix Weisbrich, Chef des Grünflächenamts, stampft einen Pop-Up-Radweg nach dem anderen aus dem Asphalt und schaufelt gleichzeitig am Vermächtnis der scheidenden Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). Checkpoint-Kollege Stefan Jacobs hat ihn porträtiert.
Die SPD will die Maskenpflicht (es gelten auch Schals und Tücher, wird nicht kontrolliert, keine Strafen) im ÖPNV auf den Einzelhandel ausweiten. Die Linken sind skeptisch und wollen die Bevölkerung erst einmal über eine vernünftige Nutzung informieren. Am Dienstag wird verhandelt, bis dahin verstecken sich alle hinter ihrem Gesichtsschutz.
Die „Bild“ fragt: „Ist Ausatmen unterm Mundschutz gefährlich?“ CP-Antwort: Wenn Sie vorher keinen Döner gegessen haben, nicht.
Tödlicher Humor: US-Präsident Donald Trump schlägt vor, Desinfektionsmittel gegen das Coronavirus zu spritzen. Nach heftiger Kritik und Warnung aller Experten spricht er von Sarkasmus. In den USA stieg unterdessen die Zahl der Corona-Toten auf mehr als 50.000.
Acht Millionen Masken aus China hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) Anfang April auf dem Rollfeld des Münchner Flughafens in Empfang genommen. „Auftrag, Entscheidung, Verlässlichkeit – das passt“, jubelte der Minister. Nach Spiegel-Informationen passt da nichts. Millionen Masken sind Mist. Auch aus Berlins Krankenhäuser wird von Rückrufen berichtet. Auf mehrmalige Checkpoint-Anfrage teilt die Gesundheitsverwaltung aber lediglich mit: „Lieferungen werden selbstverständlich auf Qualitätskriterien, Zertifizierungen und Vollständigkeiten geprüft. Wenn Material zu beanstanden ist, wird dies entsprechend aus dem Verkehr gezogen.“
Der Markt regelt das? Von wegen! Am Maybachufer drängten sich trotz Durchsagen Hunderte, um auf den Wochenmarkt zu gelangen. Die Polizei beendete den Einkaufstag. Kaum besser sah es am späten Nachmittag im Weinbergspark und anderen Orten Berlins aus. Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infizierten steigt in Berlin auf 5532 Fälle, 523 werden medizinisch behandelt. Infolge des Virus sind in Berlin bislang 113 Menschen gestorben.
Demos ins Netz, fordert Ex-Pirat und Ex-Politiker Christopher Lauer (CP von gestern). Fridays for Future haben es versucht – und scheiterten. 45 Minuten streikte die Technik für den Livestream, dann funktionierten Schalten nicht, Bild und Ton fielen immer wieder aus, ein Mikrofon wurde im Desinfektionsmittel ertränkt. Analog klappte es besser: Vor dem Reichstag lagen tausende Protestschilder – nur die Jugend fehlte aus Solidarität für die Alten.
Einsam demonstrierten die Aktivisten der „Seebrücke“ für mehr Solidarität mit den Geflüchteten, die in griechischen Lagern festsitzen. Mit einem Flugzeug samt Leave-no-one-behind-Banner flogen Sie am Freitagmittag über Berlin und Potsdam. Protest über den Wolken.
Er war das soziale Gewissen der CDU, jetzt ist Norbert Blüm nach schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren gestorben. 16 Jahre diente er als Arbeitsminister unter Bundeskanzler Kohl und wachte über Rente und Pflege. In Erinnerung bleiben wird ein Mann mit großem Herz, der mit 80 Jahren noch im Flüchtlingslager Idomeni übernachtete und einmal sogar einen finnischen Polizeiwagen wusch.
Er ist der schnellste Mann Berlins (2:14:02 Stunden über 42,195 Kilometer), doch der Angreifer überraschte Marathon-Läufer Mustapha El Quartassy in der Tram in Marzahn. Der glatzköpfige Mann habe ihn gestoßen und bedroht: „Ick schwör dir, ick werde dich töten“ (Q: Berliner Zeitung). Trotz Zeugen und Videoaufnahmen blieb das LKA bislang untätig. Dem Checkpoint bestätigte er den Angriff und sagte: „Ich hoffe, dass das LKA endlich aktiv wird.“
Warum dauerte es 19 Stunden, bis die Ermittler nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz den Geldbeutel samt Duldungspapieren (lag in der Fahrerkabine) des Attentäters Anis Amri fanden? Im Untersuchungsausschuss erklärten zwei Zeugen die Pannenserie: Die Zugmaschine ließ sich nicht vom Sattelschlepper trennen, Luftdruckbremsen des Lkw waren beschädigt, im Schritttempo ging es zur Julius-Leber-Kaserne, die Zugmaschine war zu groß für die Halle. Amri nutze die Zeit zur Flucht aus Berlin.
Die gute Corona-Meldung: Straßenkriminalität, Wohnungseinbrüche und Sexualdelikte außerhalb des eigenen Haushalts sind in Berlin laut Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) um teils 60 Prozent zurückgegangen. (Q: Morgenpost)
Die fettige Corona-Meldung: Belgiens Vereinigung der Kartoffelhändler ruft die Bevölkerung auf, zwei Mal pro Woche Pommes zu essen. Aufgrund von Restaurantschließungen drohen 750.000 Tonnen Kartoffeln schlecht zu werden. CP-Empfehlung: Zu Pommes Schranke die Currywurst nicht vergessen.
Wer es etwas edler will, kann ab heute wieder ins KaDeWe. Viele Abteilungen sind noch geschlossen, aber die Feinkostetage im 6. Stock öffnet fast ganz. Schließlich gilt auch in der Krise: Wenn es keine Hefe gibt, sollen sie eben Kuchen essen.
Durchgecheckt
Michael Bohmeyer (36) ist der Initiator des Berliner Vereins „Mein Grundeinkommen“, der am 29. April wieder 12 Monate à 1.000 Euro an zehn Menschen verlost. Foto: Christian Stollwerk
Herr Bohmeyer, das Grundeinkommen wird in dieser schwierigen Zeit wieder viel diskutiert. Ein Krisenmodell?
In der Krise braucht es resiliente Menschen, um sie zu überstehen. Das Grundeinkommen nimmt Stress und Druck, sodass – auch langfristige – Entscheidungen besser getroffen werden können. Im Moment hat fast jeder eine diffuse Angst. Mit einem Grundeinkommen würden sich die Menschen möglicherweise nicht so leicht verunsichern lassen.
Unsicher ist gerade, wie es wann weitergeht. Hätten wir mit einem Grundeinkommen keine „Öffnungsdiskussionsorgien“?
Dass Politik und Gesellschaft diskutieren, welche Bereiche wieder öffnen können, hat zwei Gründe: Erstens ist der Mensch ein tätiges Wesen und will nicht länger zu Hause sitzen. Übrigens das beste Argument gegen das Hängematten-Vorurteil, das uns immer vorgeworfen wird. Zweitens gibt es eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Den ökonomischen Druck hätten wir mit einem Grundeinkommen in diesem Maße nicht. Wir von „Mein Grundeinkommen“ setzten uns deshalb dafür ein, in der Coronakrise zumindest ein temporäres Grundeinkommen einzuführen.
Eine Petition für ein temporäres Grundeinkommen – für sechs Monate für Selbstständige – hat fast 500.000 Unterschriften.
Das ist das Spannende. Alleinerziehende, SozialunternehmerInnen, Selbstständige, KünstlerInnen... jeder hat jetzt eine eigene Petition! Die Coronakrise ist ein enormer Beschleuniger für diese Idee – weltweit. Auch in den USA, wo innerhalb eines Monats 27 Millionen Menschen arbeitslos wurden, wird darüber viel diskutiert. Ich glaube, dass es in Deutschland schnell möglich ist, ein Krisengrundeinkommen zu garantieren. Bayern bietet jetzt 30.000 KünstlerInnen für drei Monate 1.000 Euro als Hilfe an. Nach der Definition von Joseph Beuys sind wir alle KünstlerInnen. Lasst es uns ausprobieren!
580 Menschen haben bei Ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen. Was ist Ihre Erfahrung?
Nirgends haben sich die Hängematten- und Müllmann-Argumente bestätigt. Ein paar TeilnehmerInnen haben zwar ihren Job gekündigt, aber nicht um auf der faulen Haut zu liegen. Sie konnten zum Beispiel einen von vier Jobs kündigen und sich auf die Suche begeben nach dem Beruf, der sie erfüllt. Ohne das erstbeste Angebot annehmen zu müssen. Mit Grundeinkommen entsteht überhaupt erst ein Arbeitsmarkt, weil Jobs attraktiv werden müssen. Viele unserer TeilnehmerInnen haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und sind selbstbewusster geworden. Frauen konnten frei von finanziellen Sorgen überlegen, ob sie sich von ihren Partnern trennen. Auch das bringt uns als Gesellschaft weiter, wenn wir keine Duckmäuser mehr sein müssen.
Ihre Vision eines unabhängigen Grundeinkommens sieht vor, dass jeder Mensch 1.000 Euro im Monat bekommt. Also auch Millionäre. Ist das gerecht?
Das ist die große Herausforderung: Es ist verdammt schwer, den wenigen MillionärInnen das gleiche wie allen zuzugestehen. Deshalb akzeptieren wir lieber, dass ein Viertel der Bevölkerung arm ist, als dass wir den reichsten drei Prozent auch 1.000 Euro überweisen. Dabei würden diese drei Prozent unser System auch mehr stützen, denn das Grundeinkommen muss finanziert werden, durch Steuern. Einkommens-Millionäre würden mehr Steuern zahlen als sie Grundeinkommen erhalten. Die Berechnung erfolgt aber erst nachdem wir das Geld überwiesen haben – ein System des Vertrauensvorschusses. In der Vergangenheit haben wir als Gesellschaft Milliarden in Großbanken investiert in der Hoffnung, dass es zurück in die Wirtschaft fließt. Wieso vertrauen wir Menschen nicht mehr als Banken? Das Grundeinkommen ist die direkteste Form der Wirtschaftshilfe.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Tausend Schritte soll man bekanntlich schon nach dem Frühstück tun, geruht hat man ja schon davor. Wohin soll man aber gehen, wenn auf den beliebtesten Pfaden kaum Mindestabstände eingehalten werden? Vielleicht kommt es ja weniger auf das Wo an als auf das Wie. Die Situationisten um Guy Debord hatten dafür das Konzept Dérive parat: Eine Form des experimentellen, oft ziellosen Spazierens, das auf einer gesteigerten Wahrnehmung der Umgebung beruht. Eine schöne Spielart besteht darin, die Landkarte (Papier, kein GPS) einer fremden Stadt auf die eigene anzuwenden: Man stelle sich etwa mit der von London an eine Berliner Kreuzung und versuche, sich anhand von Indizien der Umgebung zu verorten. Dann setze man sich ein Londoner Ziel und in Bewegung. Never mind the gap, wenn Karte und Umgebung nicht ganz aufeinander passen.
Samstagmittag – Gehobene Küche goes Fast Food? Um 12.30 Uhr, wenn die Speisenausgabe im Barra endlich beginnt, ist die Schlange in der Okerstraße 2 (U-Bhf Leinestraße, Neukölln) bereits einen halben Block lang, um kurz nach eins sind die 60 Chicken Sandwiches (zu 10 Euro) ausverkauft. Mehr geht an einem Tag nicht, sagt Chef Daniel Remers. Die Zubereitung beginnt kurz nach Sonnenaufgang und bis zur Öffnung schafft sein Team eben genau so viel. „Sandwich“ ist dabei ein wenig tief gestapelt: Das Filet ist eine zarte Punktlandung, der Salat knackig und die Honig- und Senfnoten in der hausgemachten Soße perfekt balanciert. Natürlich werden Filet und Brötchen erst bei Bestellung erhitzt. Daneben gibt es immer wechselnde Speisen zum selber Fertigbacken, -kochen und -braten.
Samstagabend – Bereits 2012 haben vier, damals noch recht unbekannte Berliner Jungs ihrer Band den prophetischen Namen Isolation Berlin verpasst. Als hätten sie es kommen sehen. Zu den Krisenprofiteuren dürften sie dennoch nicht zählen – falsche Branche leider. Und zum Glück für uns, denn so kommen wir in die Gunst einer alles andere als eintönigen Musik und der Texte von Tobias Bamborschke, die immer wieder zeigen, mit wie viel Style Selbstzerstörung und Weltuntergang einhergehen können. Um 20 Uhr geben die vier ein Konzert, natürlich im Live-Stream.
Sonntagmorgen – Wer seinen Dérive gerne mit xenogalaktischen Ansichten garniert, nehme sich am besten eine Karte vom Mars statt London und orientiere sich damit in Lichterfelde. Früher oder später wird er dabei nicht nur Leben entdecken, sondern auch den Mäusebunker des Urberliner Architekten Gerd Hänska, der in jedem Licht anmutet als wäre er direkt einem Sci-Fi-Comic aus den 60ern entsprungen. Das wahrscheinlich radikalste Stück brutalistischer Architektur Berlins soll demnächst wieder in unendliche Weiten entschwinden, es steht nämlich auf der Abrissliste der Stadt. Spaziergänge werden damit in Zukunft kontrastärmer. Kleiner Trost: Gleich nebenan befindet sich das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. Brutalistisch erinnert es daran, die 1,50 Meter Mindestabstand auch beim Dérive einzuhalten.
Sonntagmittag – Aufgeklärt und liberal, wie wir sind, können wir ja über alles reden. Aber können wir das wirklich? „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse“, hieß es mal in einer Tamponwerbung. Und wenn, erstens, Missverständnisse im Dialog ausgeräumt werden und, zweitens, wir über alles reden können, wie kommt es dann, dass der Gyncast (auch auf Spotify und Apple Podcasts), mit Chefärztin Dr. Mandy Mangler noch so viel zur Normalisierung der normalsten Sache der Welt beitragen und im besten Sinne aufklären kann?
Sonntagabend – Das Video Art Festival der Berlinischen Galerie und des Forums Videoart at Midnight, das normalerweise monatlich Film, Video- und Medienkunst der internationalen Berliner Szene im Kino Babylon ausrichtet, zeigen ihr Programm diesmal im Netz, Samstag und Sonntag ab 20 Uhr. Heute Abend sehen wir unter anderem die Arbeiten „Breakfast with Dinosaurs“ (2018) von Shahram Entekhabi und „Cooking with Mama“ (2006) von Hiwa K., die das Wochenendeende kulinarisch rahmen.
Mein Wochenende mit
Sarah Sandring, gebürtige Berlinerin, Dokumetarfilmregisseurin (u.a. JONATHAN, 2011 für WDR/3Sat) und Fotografin, nimmt ihre Nachbarn im Lockdown mit auf Reisen durch die Filmgeschichte.
„Am Samstag überlege ich mir das Programm für unseren nachbarschaftlichen Filmabend. Die Idee ist, gemeinsam eine Reise durch die Historie des Films zu unternehmen. Letzte Woche hatten wir schon die fünfte Vorstellung. Angefangen haben wir mit den ersten Kurzfilmen der Gebrüder Lumière, also aus der Geburtsstunde des Kinos, und bewegen uns überwiegend chronologisch durch die Zeit. Etwa über Porters „The Great Train Robbery“ (1903), bis aktuell Charlie Chaplin. Besonders begeistert war das Publikum vom ersten dänischen Erotikfilm „Afgrunden“ (1910) von Asta Nielsen, der seinerzeit in den meisten Ländern stark zensiert dennoch zum Vorreiter des Genres wurde. Wenn ich weiß, was wir beim nächsten Mal sehen werden, gestalte ich ein Plakat. Wir haben eine Wandzeitung im Haus, auf die die Nachbarn schreiben, was sie gerade beschäftigt und wie ihnen der Alltag gerade so begegenet. Wir sind eine außergewöhnlich solidarische Hausgemeinschaft, so habe ich das zuvor in Berlin noch nicht erlebt. An die Wandzeitung kommt am Sonntag auch mein Programmposter, das die Titel und etwas Hintergrund zu den Filmen enthält, die wir an unserem Jour Fixe sehen werden. Ich komme dann mit dem Bügelbrett, auf dem der kleine Projektor und die Tonanlage Platz finden, in den Hof, der Nachbar mit der Kabeltrommel schließt sich gleich an. Geschaut wird vom Fenster oder Balkon aus, manche bringen Schaukelstühle in den Hof oder extra für den Abend zubereitete Feuerzangenbowle. Das nimmt immer witzigere Ausmaße an. Eingangs begrüße ich das Publikum und sage einige Worte zum Film und seinem Platz in der Filmgeschichte, dann schlägt ein Nachbar seinen original Gong aus Wuhan und auf geht der imaginäre Vorhang.“
Leseempfehlungen
Wer das subversive Potenzial des Spaziergangs voll ausreizen möchte, kommt an den Schriften der Situationisten nicht vorbei. Eine kleine Übersicht und als Einleitung ins Thema mehr als zu gebrauchen, ist die Gebrauchsanleitung zur Situationistischen Internationale von Simon Ford, der damit noch etwas leistet, was die Originaltexte aus der Zeit nicht können: Die kulturgeschichtliche Einordnung des Projektes, die zeigt, in welchen Bereichen die radikalen Konzepte von 67 noch heute nachhallen – oder zumindest bis vor Corona.
Denn möglicherweise muss man Protestkultur und Subversion zumindest in der Coronazeit ein wenig neu denken. Wer sich zuvor als jeglichem politischen Lager zugehörig gefühlt hat, sich für soziale Themen engagiert hat, steht heute möglicherweise ziemlich verwirrt dar, wenn etwa Verschwörungstheorien ums Virus, wie das Virus selbst, keine Unterschiede zwischen ihren Wirten machen. Beispiel: Ist es sozial, sich mit gewohnter Anti-Unterdrückungsrhetorik auf die Kontaktsperren zu stürzen oder die körperliche Distanz zu wahren? Unterdrückt der Staat der, das Virus oder die Medizin, wo sitzt das Machtzentrum? Einen persönlichen Blick auf die Fragen wirft Julia Lorenz in der aktuellen Spex. Und schließt gleich noch eine Kaskade von Hör- und Lesetipps für die Gegenwart an.
Wochenrätsel
Um eine „erhöhte Aerosolproduktion“ zu vermeiden, muss laut „Musterhygieneplan Corona“ an den Schulen auf Folgendes verzichtet werden:
a) Frontalunterricht
b) Händewaschen
c) Theaterproben
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenEncore
Auch heute schließen wir mit einem Tipp aus der Ticket-Redaktion, diesmal von Jörg Wunder: Al Pacino und Giorgio Moroder werden dieses Wochenende 160, also jeweils 80. Auch wenn sie vermutlich keine Nachbarschaftsvorführungen der Film- und jungen Musikgeschichte veranstalten (obwohl, der Checkpoint weiß auch nicht alles), haben sie doch der Popkultur ihre Stempel aufgedrückt. Am Einzug von Tony Montana als Identifikationsfigur aus De Palmas „Scarface“ in die Hip-Hop-Kultur waren sie sogar gemeinsam beteiligt — Pacino als Schauspieler und Moroder als Lieferant des hochenergetischen Synthiepop-Soundtracks. Richtig berühmt wurde Pacino übrigens an der Seite von Marlon Brando in Coppolas „Der Pate“. Beide wurden für ihr Schauspiel 1973 mit Oscars ausgezeichnet. Allerdings fand Pacino die Kategorie „Nebendarsteller“ unangemessen, Brando lehnte aus Protest gegen den Umgang der Filmindustrie mit den indigenen Völkern Amerikas ab. Beide reagierten mit prophetischer Voraussicht: Sie blieben zu Hause.
Wir wünschen Ihnen ein ausgezeichnetes Wochenende und gehobenen Höflichkeitsabstand in Ihrer Umgebung.