Sonnenschein bei 30 °C

Ingo Senftleben will BER abreißenAbgeordnetenhaus verklagt Innenministerium auf Herausgabe von Akten zum Fall AmriBei der Kommunalwahl in Brandenburg kam es zu Wahlbetrug

große Freude vergangene Nacht im Team Checkpoint: In letzter Sekunde hatten wir Lotto gespielt, um den Euro-Jackpot zu knacken – da waren immerhin 90 Millionen Euro drin. Und während wir noch davon schwärmten, was wir mit der Kohle alles anstellen würden (z.B. Checkpoint-T-Shirts bestellen), machte es „Pling“ – und wir bekamen die sensationelle Nachricht: „Herzlichen Glückwunsch, das Daumendrücken hat sich gelohnt. Das gesamte Team von Lotto24 freut sich mit Ihnen! Ihre Spielgemeinschaft hat gewonnen!“ Wahnsinn! Und das gleich beim ersten Mal! Und der Jackpot war auch geknackt.

Es mussten nur noch die Gewinnquoten ermittelt werden… und das war dann das Ergebnis: 17 Cent bekommen wir überwiesen. 17 Cent! Verbunden mit dem Hinweis, dass bei Spielgemeinschaften der Gewinn durch die Anzahl der Spieler zu teilen ist. Und seitdem sitzen wir da und rechnen das aus. Hilfe!

Die Checkpoint-T-Shirts haben wir dann aber trotzdem bestellt, schön schwarz mit rotem Logo, damit wir bei der Premierenfahrt unserer neuen Checkpoint-Radgruppe am 1. September im Gewimmel nicht verloren gehen (mehr zur Teilnahme unter „Telegramm“). Und wir haben noch bei Berlins Lotto-Stiftungs-Chefin Marion Bleß nachgefragt, welche Zahlen wir beim nächsten Mal tippen sollen – Sie werden es kaum glauben, aber sie hat sie uns tatsächlich verraten! (Auflösung heute unter „Interview“)

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Bevor wir zu den Meldungen des Tages kommen, noch kurz der Hinweis auf ein spannendes Projekt, das der Tagesspiegel und die „Berliner Zeitung“ am Montag gemeinsam starten, mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung.

Telegramm

Das BER-Unterhaltungsprogramm zur Überbrückung der Wartezeit hat qualitativ deutlich zugelegt – vor allem die Serie „Flight Club“ (FSK 16) hat’s in sich. Was bisher geschah: FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja nannte Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup einen notorischen Lügner, der forderte daraufhin wegen Beleidigung ein Duell vor der Pressekammer des Hamburger Landgerichts. Jetzt wirft die Flughafen-Anwältin dem Politiker einen Verstoß gegen Vertraulichkeitsvorschriften vor – er soll im Besitz geheimer Unterlagen sein. Da wird doch wohl nicht etwa der Eröffnungstermin…

Wo kommt die milliardenschwere „Agentur für Sprunginnnovation“ denn nun hin? Die Gründungskommission hatte sich auf „die Metropolregion Berlin“ festgelegt (CP v. 13.8.), Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera aber liebäugelt mit Leipzig und tönt: „Die finale Entscheidung treffe ich“ (CP v. 17.8.). Doch jetzt grätscht das Forschungsministerium dazwischen: In einer noch unveröffentlichten Antwort auf eine Anfrage des Berliner FDP-MdB Christoph Meyer heißt es, das BMBF und das Wirtschaftsministerium „werden zeitnah potenzielle Standorte aus der Metropolregion Berlin genauer prüfen“, und: „Die endgültige Standortauswahl wird im Einvernehmen mit dem Gründungsdirektor zu gegebener Zeit vom Gesellschafter, dem Bund, getroffen.“

Es lebe das Informationsfreiheitsgesetz! Pankows Stadtentwicklungsgeheimrat Vollrad Kuhn wollte die Details einer „Abwendungsvereinbarung“ mit der Erwerberin des Hauses Paul-Robeson-Straße 17 monatelang nicht herausrücken – jetzt musste er, dank der Hartnäckigkeit von Leonard Wolf (Open Knowledge Foundation). Gut für die Mieter: Sie können jetzt auch noch nach Jahren überprüfen, ob die kostengünstige Vereinbarung auch eingehalten wird – schauen wir mal rein, was die Erwerberin alles nicht darf:

1) das Haus in Eigentumswohnungen aufteilen (30 Jahre)
2) Bescheinigungen über Abgeschlossenheit beantragen (30 Jahre)
3) Rückbaumaßnahmen vornehmen (30 Jahre)
4) die Nutzung ändern (20 Jahre)
5) technische Anlagen verändern (20 Jahre)
6) Aufzüge anzubauen (15 Jahre)
7) an den Seitenflügeln Balkone anzubauen (10 Jahre)

Auskunftsersuchen für weitere Häuser wurden bereits gestellt.

Nicht alle sind begeistert über die Kreuzberger AntiA von Stadtrat Florian Schmidt – für immer mehr Initiativen führt der Kulturkampf gegen das Auto sogar in eine Sackgasse: Anwohner im Wrangelkiez haben nun eine Petition gestartet. Sie fühlen sich von der Politik überfahren und befürchten eine teure Aufwertung ihrer Straßen durch die Verkehrsberuhigung. Da ist offenbar irgendwo der Kommunikationskeilreimen gerissen.

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In Lichterfelde Süd ist die Welt noch in Ordnung: Checkpoint-Leserin Petra Krüger meldete an einem Abend nach 22 Uhr dem Online-Ordnungsamt drei seit Wochen defekte Straßenlaternen – schon am nächsten Morgen um 9.30 stand ein freundlicher Mann auf der Leiter und sorgte für Erleuchtung. Verrückt! Gehört Lichterfelde Süd etwa nicht mehr zu Berlin?

Die Meldung Fahrradfahrer erschießt Fußgängerklingt nach einem Kollateralschaden der Mobilitätswende, die Polizei spricht dagegen von einer „geschäftlichen Auseinandersetzung im kriminellen Milieu“ – das Opfer ist ein Islamist aus Tschetschenien, der mutmaßliche Täter wurde mit einer größeren Menge Bargeld gefasst (Tatort: Kleiner Tiergarten, Turmstraße).

Allparteienkoalition im Abgeordnetenhaus: SPD, Linke, Grüne, CDU, FDP und AfD stimmten im Amri-Ausschuss dafür, das Bundesinnenministerium auf Herausgabe von Akten zu verklagen – die bisher bereitgestellten Unterlagen seien „überwiegend nicht brauchbar“ (Vorsitzender Stephan Lenz).

Auf eine irre Geschichte ist meine Kollegin Magdalena Thiele gestoßen: Ein junger Mann erzählte ihr in einer Kneipe, dass er bei der Kommunalwahl in Brandenburg 50 AfD-Stimmen den Grünen gutgeschrieben hat – angeblich hat ihn niemand kontrolliert. Jetzt befürchtet er, dass es Manipulationen auch in die andere Richtung geben könnte. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Wahlbetrugs, und der Kreiswahlleiter sagt: „Die Wahrscheinlichkeit, dabei erwischt zu werden, ist relativ gering“ – wenn es nicht genug Wahlhelfer gibt. Bei den Landtagswahlen am nächsten Sonntag soll das anders sein.

Populismus I: Grünen-Chef Robert Habeck stimmt in den Chor der E-Roller-Verächter ein – für ihn ist das „Wildwest auf zwei Rädern“ (Q: „Morgenpost“). Am Montag kommen übrigens noch mal 100 Stück des Anbieters „Bird“ dazu. Fehlen also nur noch 1,205790 Millionen, um gleichzuziehen mit den vierrädrigen Berliner Blechhaufen.

Populismus II: CDU-Spitzenkandidat Ingo Senftleben will den BER abreißen, wenn der Eröffnungstermin nochmal verschoben wird – womöglich hat er Angst, dass er selbst abgerissen wird, wenn seine Partei die Regierungsbeteiligung in Brandenburg nochmal verschieben muss.

Heiße Nachrichten: Am Amazonas brennt der Regenwald, in Neukölln ein Schrottplatz – der ist zwar nur 100 qm groß, aber es qualmte gewaltig.

Die Rubrik „Alles muss man selber machen“ wird Ihnen heute präsentiert von Antje Kapek – die Grünen-Fraktionschefin liefert eine plausible Erklärung, warum es in der Koalition so oft kracht: „Die Opposition ist ein eklatanter Totalausfall, wenn es darum geht, die Regierung kritisch konstruktiv zu begleiten.“ (Q: „Berliner Zeitung“).

Sie fühlen sich ausgegrenzt oder abgeschottet? Da hätten wir was für Sie: Die Londoner Ainsworths-Apotheke vertreibt ein Pulver aus fein geriebenen Berliner Mauerteilen, berichtet der Londoner „Telegraph“. Wofür die Pillen mit den bis zur Unkenttlichkeit verdünnten Mauerteilen gut sein sollen, wollte die Ainsworths-Apotheke dem „Telegraph“ nicht sagen. In Onlineforen heißt es: Die Tableten sollen gegen innere Blockaden helfen. Andere glauben, das Mittel helfe gegen Asthma und Depression. Und das hat seien Preis. Für eine 500-Gramm-Packung sollen 76 Pfund fällig werden. Ainsworth ist seit 1980 offizieller Hoflieferant des britischen Königshauses für homöopathische Heilmittel.

Sonntag in einer Woche ist es soweit: Wir starten am Brandenburger Tor zur ersten Tour unserer neuen Checkpoint-Radgruppe. Wir werden zwei Gruppen für unterschiedliche Anforderungen bilden (50 und 75 km in unterschiedlichem Tempo), werden eine kurze Kulturpause einlegen und die Fahrt auf dem Tagesspiegel-Hof ausklingen lassen. Die Route führt uns über Neu Fahrland, Potsdam und Wannsee. Sie können sich gerne noch anmelden unter checkpoint@tagesspiegel.de – weitere Details, u.a. über den Start, folgen nächste Woche per Mail und hier im Checkpoint.

Korrektur zur Meldung „Mathe lernen mit dem Checkpoint“ (CP von gestern): Gleich zwei Checkpoint-Leser weisen darauf hin, dass der Quadratmeterpreis der Wohnung von Katarina Barley 22 Euro beträgt, „was 40% über dem von Ihnen genannten Wert von 15,70 EUR liegt“ (Richard Praetorius). Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir da einen Fehler gemacht haben, auf… einen Moment bitte... genau, auf exakt 200%.

Nachtrag zur Meldung „Senat schreibt ‚Entwicklung einer ‚Definition des Qualitätstourismus‘ aus“ (obwohl er seit Jahren mit dem Q. angibt / CP v. 17.8.) - einer Anfrage des CDU-MdA Maik Penn zur City-Tax verdanken wird jetzt die gut versteckte Erkenntnis, was dem Senat die Sache wert ist: 100.000 Euro sind dafür in diesem Jahr vermerkt (DS 18/20332, S. 17). Übrigens: Im vergangenen Jahr brachte die so genannte „Übernachtungssteuer“ die Rekordsumme von 51 Millionen Euro ein, ein Teil davon wird zur Förderung des dezentralen Tourismus über die Bezirke verstreuselt - in Tempelhof-Schöneberg wollen sie damit z.B. „Hidden Treasures“ finden (doch nicht etwas das Bernsteinzimmer, oder?), in Treptow-Köpenick die „Nutzung der Marke ‚dein TTK‘ in TK“ und die „Nutzung der Marke ‚dein TTK‘ außerhalb TK“ fördern. Dagegen kannst du das Brandenburger Tor natürlich echt vergessen.

Nachtarbeit womöglich krebserregend“ ist als Nachricht echt das Letzte – aber vorsichtshalber machen wir hier mal Schluss mit dem Meldungsblock…

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Marion Bleß leitet die Lotto-Stiftung Berlin und ist Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.

Gestern Abend wurde der EuroJackpot geknackt – gefüllt mit 90 Millionen Euro. Ist das nicht ein bisschen verrückt?
 
Das ist in der Tat eine hohe Summe, die schwer vorzustellen ist. Mir sagte einmal eine Gewinnerin, die 30 Millionen gewonnen hatte, dass sie sich lieber eine kleinere Summe gewünscht hätte. Andererseits gibt es in den USA mit „Mega Millions“ eine äußerst beliebte Lotterie, deren Jackpot auf über eine Milliarde anwachsen kann.

Wie viele Berlinerinnen und Berliner spielen eigentlich Lotto und was setzen sie ein?

Das sind in Berlin etwa 600.000 Spieler pro Woche. Diese machen über das Jahr hinweg 270 Millionen Euro Umsatz – entweder in einem der knapp 1000 Lotto-Kioske oder online bei lotto-berlin.de
 
Und was passiert eigentlich mit dem ganzen Geld?

Das Geld wird zu hundert Prozent an die Berliner und Berlinerinnen zurückgegeben. Lotto ist im Prinzip ein Non-Profit-Unternehmen. Von einem eingesetzten Euro werden 50 Cent als Gewinn ausgeschüttet. 20 Cent sowie der gesamte Bilanzgewinn fließen in die Lotto-Stiftung und kommen somit zahlreichen gemeinnützigen Projekten in Berlin zugute. Hierbei erhält der Sport und die Jugendarbeit eine feste Quote von je 25 Prozent. Die andere Hälfte der Stiftungsgelder wird von einem unabhängigen Stiftungsrat an Projekte aus der Kultur, dem Umweltschutz oder aus sozialen Bereichen verteilt. Weitere 17 Cent fallen für die Lotterie-Steuer an und etwa 7 Cent werden an Provisionen für die Annahmestellen gezahlt. Mit dem Rest wird die Verwaltung finanziert, für die 150 Mitarbeiter tätig sind.
 
Die Länder verhandeln derzeit über einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, der Berliner Chef der Senatskanzlei Christian Gaebler koordiniert dabei die SPD-Länder. Was spricht eigentlich gegen eine Liberalisierung?
 
Glücksspiel ist kein Wirtschaftsgut wie jedes andere. Wir haben faktisch keinen Wareneinsatz, sondern verkaufen den Traum vom großen Glück. So etwas gehört nicht in private Hände, denn nur ein staatlicher Anbieter garantiert, dass alle Einnahmen aus dem Spiel wieder an die Gesellschaft zurückfließen. Außerdem basiert das Lotteriemonopol auf Suchtprävention. Sollte es im Zuge einer Liberalisierung zur Freigabe von suchtgefährlichen Spielen aus privater Hand, wie z.B. Online-Casinos kommen, wäre das Lotterie-Monopol aus juristischer Sicht in Gefahr. Dies ist ein Kernthema in der Diskussion um einen neuen Glücksspiel-Staatsvertrag. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Wenn eine Glücksspielart, die stark süchtig machen kann, privatisiert wird, warum sollte Lotto, dessen Suchtpotenzial denkbar gering ist, im Monopol bleiben können. Das bedeutet aber auch: Wenn private Anbieter beim Glücksspiel mitverdienen, fließt weniger Geld an das Gemeinwohl. Dann gibt es „Goldkettchen und Porsche“ statt Förderung sozialer Projekte. Zudem könnte mit der Einführung von Online-Casinos die Abstandsregel für Spielhallen kippen. Denn mit dem Smartphone ließe sich von überall aus spielen. Warum sollte der terrestrische Bereich dann noch 500 Meter Abstand wahren müssen. Womöglich entwickeln sich Teile von Berlin zu einer Art Las Vegas. Das alles spricht gegen eine Liberalisierung von Glücksspiel.
 
Sie sitzen ja an der Quelle: Welche Zahlen werden denn an diesem Sonnabend gezogen?

Ach, das wird immer wieder gefragt, von Journalisten, aber auch von Politikern. Mit meinen Zahlen hat aber noch nie jemand gewonnen – ist eben alles ohne Gewähr bei uns! Vielleicht versuchen Sie es mal mit 1,2,3,4,5 und 6, Superzahl 7. Viel Glück!

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Na klar ist Berlin der Mittelpunkt der Welt, daran will hier auch niemand etwas ändern. Wir werfen trotzdem erst mal einen Blick nach Dresden. Und nicht nur einen Blick. Zwischen 8 und 9 Uhr schickt die Bahn Sonderzüge in die Hauptstadt Sachsens zur Unteilbar-Demo - und zwischen 22 und 23 Uhr zurück. Wahrscheinlich ist das nur knapp zu früh, um vorher noch einen Kaffee in einer der besten Meisterbäckereien Berlins, dem Domberger Brotwerk, zu sich zu nehmen (Essener Straße 11 ab 8 Uhr). Und zu spät um abends noch was von den Philharmonikern mitzubekommen, die um 20.15 Uhr unter ihrem neuen Chefdirigenten Kiril Petrenko am Brandenburger Tor Beethovens Neunte aufführen, um sich und ihr Publikum auf den bevorstehenden gemeinsamen Weg einzustimmen.

Samstagmittag – Einen ganz anderen Weg nimmt die Führung im Hamburger Bahnhof zum Thema Sprechen über Kunst. Kunst- und Museumspädagogin Eva Sturm will ungewöhnliche Perspektiven und Zugänge zu einzelnen Werken der laufenden Ausstellung Jack Whitten - Jack's Jacks eröffnen und mit Ihnen drüber reden. Der reguläre Eintritt von 8/4 Euro in die Ausstellung ist auch hier zu entrichten, darüber hinaus ist die Führung aber kostenfrei (16.30 Uhr). Typisch übrigens, dass dem großen Namen so viel Raum eingeräumt wird, den vielen kleinen nur so wenig: Um 16 Uhr ist in den Weddinger Uferhallen Ausstellungseröffnung (Uferstraße 8) zum Thema „Eigenbedarf – prekäre Arbeitsbedingungen von Kunstschaffenden mit Werken von fünfundsechzig Künstlerinnen. Mit der Ausstellung protestieren die Künstler auch gegen einen möglichen Verlust ihrer Ateliers – mehr dazu hier. Wie heißt es im Marketingsprech: Ein Name ist eine Geschichte fürs Herz, fünfundsechzig sind eine Statistik. Wir wollen doch hoffen, dass unsere Medienkompetenz uns in dieser Hinsicht etwas schlauer macht.

Samstagabend – Von den Uferhallen zum Verhallen: Manche Musiker sind geborene Solisten, andere bessere Teamplayer. Man kann Musik als soziales Ereignis denken, oder radikal essenzialistisch. Solche Dialektik funktioniert in den meisten Settings. An ihre Grenzen kommt sie aber im großen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg, in dem Solistisches und Zusammenspiel im spektakulärsten Nachhall der Stadt verschwimmen. Es ist nämlich, als spiele man stets mit einer anderen, alten Version seiner Selbst, wenn man hier Musik macht. Diese Erfahrung macht heute Abend auch Saxophonist und Synthesist Thomas Ankersmit – und das gewissermaßen gleich in doppeltem Sinne. Sein Serge-Synthesizer ist nämlich von einer Bauart, die für ein gewisses Eigenleben bekannt ist, das sich nie ganz bändigen lässt. Somit spielt das Trio Ankersmit / Serge / Wasserspeicher ab 21 Uhr in der Belforter Straße. Einlass 20 Uhr, Eintritt 10 Euro. Bitte warm anziehen, im Mauerwerk sind es nur etwa 14 °C.

Sonntagmorgen – Vom unterirdischen Funktionsgemäuer zu Frischluft und kühlem Wasser: An den Wannseeterrassen gibt es für 39/18 Euro ein Glas Champagner beziehungsweise Orangensaft zum offenen Brunch-Buffet von 10 bis 14 Uhr. „Showcooking“ und ein wenig kurzweiliges Randprogramm mit Seeblick gibt es nebenbei auch dazu. Die Verfügbarkeit von Tickets unterstreicht den Eventcharakter des Frühstücks mit Extras – zu beziehen unter 030 80908218 via Mail.

Sonntagmittag – Für die ganz klassische Flaneurie ist Berlin klassischerweise prädestiniert. Bei wem allerdings schon die Vorstellung, sich alles per pedes zu ergehen, den Wunsch nach Calcium, Magnesium und Wadenmassagen weckt, könnte im Berliner Zimmer im Märkischen Museum eine milde Abkürzung finden – oder vielfältige Gründe, sich bei nächstmöglicher Gelegenheit doch noch selbst aufzumachen. Die Künstlerin Sonya Schönberger lässt Berlinerinnen und Berliner in zuvor aufgezeichneten Interviews zum Thema Stadtplanung zu Wort kommen. Im Podiumsgespräch mit ihren Aufnahmen sind Jürgen Ledderboge, verantwortlicher Planer beim Wiederaufbau der nördlichen Friedrichstraße in den 1980er Jahren sowie Architekt und Stadtplaner Christian von Oppen, es moderiert der Berliner Autor Sebastian Orlac. Der Eintritt ist frei.

Sonntagabend – Es scheint Paradox: Tanz gilt als immaterielle Kunstform, weil er keine materiellen Erzeugnisse hinterlässt. Zugleich ist der Tanz aber die zweifelsohne körperlichste aller Künste – und welche Erfahrung von Materialität könnte intensiver sein, als die des eigenen bewegten Körpers? Wo diese scheinbare Paradoxie eine Rolle spielt, ist in der Tradition, das heißt in der Weitergabe von Wissen über den Tanz von Generation zu Generation. Und eben um die Aktualität des Tanzerbes und darum, was der Körper erinnert, geht es auch bei Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich. Das weltbekannte Stück stammt von Tänzerin und Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker, die es unzählige Male aufgeführt hat. Im letzten Jahr hat sie es an zwei junge Tänzerinnen ihres Vertrauens weitergereicht und was die damit tun, ist um 20 Uhr in der AdK am Hanseatenweg gegen 28/18 Euro zu sehen.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

John Kleckner ist Maler, in Berlin repräsentiert durch die Galerie Judin, und Dozent am Berliner Ableger des New Yorker Bard College.

„Mein Wochenende ist ganz und gar auf Erholung ausgerichtet. Kaffee auf dem Balkon über dem Weinbergspark, Spaziergänge im Humboldthain oder vor der Haustür. Noch vor einem Jahr hätte ich eine ganz andere Geschichte erzählt. Zum Beispiel habe ich früher beim Malen mehrere Musikstücke gleichzeitig laufen lassen und mich von dem kakophonischen Chaos einnehmen lassen. Seit neun Monaten bin ich Vater einer wunderbaren Tochter – seitdem male ich oft mit Ohrstöpseln, obwohl es hier in meinem Atelier sowieso ziemlich ruhig ist. Tipp Nummer Eins also: Ohrstöpsel. Neulich habe ich dennoch die „Disintegration Loops“ von William Basinski beim Malen gehört, um einem Bild eine ganz bestimmte Stimmung zu verpassen – das hat auch gut funktioniert, weil ich, seit ich Vater bin, wahnsinnig empfänglich für musikalische Stimmungen bin. Tipp Nummer Zwei fürs Wochenende: Musik gezielt hören, wenn überhaupt. Und damit zu Tipp Nummer Drei: Wenn es wirklich mal ganz still sein soll und ich die Zeit finde, bin ich im Tranxx Floating Pool in Schöneberg. Man mietet sich einen kleinen Pool, gerade groß genug, um darin alle Körperteile von sich zu strecken. Das Wasser enthält eine Salzlösung, die schwerer ist als der Körper – man sinkt also nicht. Man legt sich hinein, macht das Licht aus, setzt sich wieder Ohrstöpsel ein und schickt seine Sinne für eine Stunde in Urlaub. Wer wirklich will, kann dabei zwischen verschiedenen Lichtfarben wählen und Musik hören – aber wer will das schon?“

Lese­empfehlungen

Mit den 15 bis 18 Sekunden Nachhall des großen Wasserspeichers in Prenzlauer Berg (siehe Samstagabend oben), der übrigens mal die zentrale Wasserversorgung der Stadt bilden sollte, aber vom Bevölkerungswachstum der Gründerzeit überrascht wurde, haben sich schon viele Künstlerinnen und Künstler auseinandergesetzt. Nachdem das Tanzfestival„Kryptonale“die Gemäuer 2004 verlassen hatte, bezog die Singuhr Hörgalerie sie 2007 und blieb, solange sie sich im Prenzlauer Berg halten konnte, bis 2013 – mit einem fulminanten Echo im Sommer 2014, als zum Abschluss der Arbeit an diesem Ort eine Art multi-orchestrales Open-air-Happening den ganzen Wasserspeicherhügel zwischen Belforter und Knaackstraße mit Auftragskompositionen von Wolfgang Mitterer, Daniel Ott und einer Neuinterpretation von Charles Ives bespielte. Der Klangraum der beiden Wasserspeicher war hier jahrelang musikalisches Instrument, die Musik eine Möglichkeit des Raums. Wem das kryptisch klingt, bilde sich doch, zum Beispiel durch Literatur mit beiliegender DVD wie dem Katalog zur Singuhr 2007-2014 vom Kehrer Verlag (39 Euro), der die ganz verschiedenen Herangehensweisen an die Räume in Text, Bild und Ton dokumentiert.

Eine ganz andere Perspektive auf die Musikwelt als etwa Samstagabend mit den Philharmonikern am Brandenburger Tor oder mit Ankersmit im Wasserspeicher liefert Hans Ulrich Treichels Roman „Tristanakkord.  Eine Warnung vorab: Das Buch schafft mit seinem Ton um den Star- und Geniekult der klassischen Musikwelt eine Stimmung, die fortan auf viele echten Namen und Ereignisse abfärben könnte – man hört hinterher womöglich ein wenig besser. Die Kurzfassung: Ein mittelmäßiger Musikwissenschaftler begegnet dem sprichwörtlichen Genie des größten Komponisten seiner Zeit und versucht, ihm gerecht zu werden. Die Langfassung gibt's bei Suhrkamp für 12,90 Euro.

Wochen­rätsel

CP-Betriebsstörungssbingo, Wochenend-Ausgabe: Welche Erklärung für Störungen im Betriebsablauf wurde in dieser Woche nicht ausgegeben?

a) Streckenausfall durch Bauarbeitenverängerung
b) Verspätung aufgrund von Schienenmängeln
c) Sperrung verschiedener Bahnhöfe wegen Abflussverstopfung
 

Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.

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Encore

Der ganze Alexanderplatz ist vom Veganen Sommerfest besetzt. Wirklich der ganze Alexanderplatz? Nein! Ein von einem unbeugsamen Katzenliebhaber bestellter Stand trotzt jedem Ernährungs-Trend. Unauffällig ins Programm des Fests gemischt, hinkt seine thematische Anbindung ein wenig oder umschleicht schnurrend die Stände: Es handelt sich nämlich um eine Katzenverhaltensberatung. Wer seine Katze nicht versteht, kann sich hier melden – statt womöglich frustbedingt wieder Carnivor zu werden. Oder so ähnlich. Ein erster Schritt könnte so aussehen: Hierzulande sagen Katzen genauso miau wie weißrussische, bulgarische, kroatische, finnische, ido sprechende, litauische, polnische, portugiesische, romanische und spanische Katzen. Die Chancen, hierzulande mit ihnen klarzukommen, stehen also ganz gut. Aber Obacht, arabische Katzen sagen مٌواء, vietnamesische meo, indonesische meong, englische meow, französische miaou, niederländische miauw, chinesische (Mandarin) , italienische miao, türkische miyav, dänische miav. Auf Bengali machen sie ম্যাঁও, auf Kyrgysisch meogre, auf Esperanto miaŭ, auf Filipinisch ngiyaw, auf Urdu میاؤں, Isländisch mjá, Tschechisch und Slowakisch mňau, auf Kapampangan ngeung, Estnisch njäu, Lettisch ņau, Ukrainisch nyav, Lojbanisch mi‘au, Griechisch νιάου, Japanisch ニャー, Koreanisch 야옹, Hebräisch מיאו, Yiddisch מיאַו, Serbisch mjay, Ungarisch miáú oder nyaú, Malaysisch miaw, Slowenisch mijav. Auf Afrikaans heißt das miaau, auf Albanisch mjau. Auf Finnisch machen sie auch mal kurnau, Kroatisch auch mal mijau, Norwegisch und Schwedisch mjau, Russisch мяу. Natürlich gibt es auch lokale Dialekte und ganz individuelle Varianten. Persönlicher Favorit: Bei James Joyce macht die Katze Mrkgnao. Mrkgnao, wie süß ist das denn? Nein, natürlich sind Katzen nicht wirklich süß. Zucker ist süß.

Haben Sie ein schönes Wochenende und wenn Missverständnisse, soll ja vorkommen, dann nur der süßen Art.

Lorenz Maroldt