Dass die Spree schon mal rückwärts fließt, ok – daran haben wir uns gewöhnt. Auch dass China-Export Meng Meng gelegentlich rückwärts läuft (vermutlich aus falsch verstandenem Assimilationsdruck), so wie der eine oder die andere von uns ja auch schon mal rückwärts kriecht (überwiegend aus Kneipen): Das kennen wir. Aber dass die Spree austrocknet, das ist neu. Und dazu gibt‘s auch gleich eine Checkpoint-Premiere: Dank der Wasserknappheit können wir hier zum ersten Mal das Musterwort der Rechtschreibreform mit den drei „f“ verwenden: Wenn es nicht bald schüttet wie aus Eimern, muss in spätestens zwei Wochen die Schifffahrt eingestellt werden.
Wir kommen vom nicht vorhandenen Regen zur Traufe, und von da geht’s exakt 22 Meter abwärts auf die Straße, und schon sind wir mittendrin im Geschehen:
In Bezug auf Timing lassen wir uns hier in Berlin von niemandem etwas vormachen – schauen wir auf die Schlagzeilen der Woche:
Montag: „Straßensperrungen für Diesel erwartet.“
Dienstag: „Gericht entscheidet heute über Dieselfahrverbote.“
Mittwoch: „Fahrverbote für Diesel in Berlin.“
Donnerstag: „Senat will Ausnahmen vom Dieselverbot für BVG.“
Freitag: „BVG kauft 200 neue Diesel-Doppeldecker.“
Ja, Zufälle gibt’s (doch, echt!). Die neuen Dieselbusse sollen aber wirklich gute sein, Euro 6, wenig Verbrauch und so. Doch, sagt sogar der Hersteller! Und der wird’s ja wohl wissen.
Falls Sie kein Ausnahmefall wie die BVG sind, sondern die selbstzündende Regel (vulgo Betrugsopfer der Automobilindustrie), hier ein kleiner Service von Klaus Stuttmann: Unser Karikaturist hat für die Zeit nach der Teilsperrung von Straßen für Dieselautos eine neue Streckenführung durch die Stadt gezeichnet – wenn Sie mal schauen wollen …
Allerdings fehlen hier einige der insgesamt 117 Straßenabschnitte, die der Senat prüfen und gegebenenfalls auch noch sperren muss. Um das zu verhindern, will die Verkehrsverwaltung aber lieber mehr Tempo-30-Zonen einrichten. Unsinn, sagt da der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier – er lässt sich seit Einführung von Tempo 30 auf der Leipziger Straße jeden Monat die Stickstoffoxid-Werte liefern, das Ergebnis: Seit August werden die Grenzwerte wieder überschritten (hier die gesamten Daten als PDF), ein Jahresmittel von unter 40 Mikrogramm zu erreichen ist so gut wie ausgeschlossen.
Kontrolliert werden kann aber bei der zu erwartenden Menge an Autos und Abschnitten weder das eine (Fahrverbote für bestimmte Diesel), noch das andere (nahezu flächendeckend Tempo 30). Aber da in Berlin die Kunstform der naiven Politik gerade eine Renaissance erlebt, malt sich Staatssekretär Stefan Tidow die Welt einfach schön – im Ausschuss verkündete er gestern seine Erwartung: „... dass sich die betroffenen Dieselfahrer an das Verbot halten werden.“ Ein verdienstvoller Beitrag zur allgemeinen Heiterkeit in schwieriger Zeit.
Wir bleiben noch kurz in der Verkehrsverwaltung, denn die sollte im rot-rot-grünen Berlin ja der Motor der Mobilitätswende werden – doch unter der Leitung von Senatorin Regine Günther knattert und keucht der Apparat vor sich hin wie ein Zweitakter auf Ölentzug im Riesengebirge. Für den schwer erkrankten Staatssekretär Jens-Holger Kirchner gab es keine adäquate Vertretung (was auch schwierig war, er ist der Beste für den Job). Die operativen Aufgaben wurden nach unten weitergereicht, dort ächzt Abteilungsleiter Hartmut Reupke unter der Doppellast - seine letzten Berufsjahre hat er sich wohl anders vorgestellt. Noch eine Etage darunter zieht sich Matthias Hort, Referatsleiter IV C (ÖPNV, gewerblicher Straßenpersonenverkehr, Kreuzungsrecht) jetzt selbst aus dem Verkehr – ihm bekommt das Klima nicht, er flüchtet unter die tiefstehende Sonne des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch die erfahrene Ursula Kempny macht einen Abflug – und wird durch eine 30-Stunden-Kraft ersetzt. Sie ist nicht die Letzte, wie zu hören ist. Ach ja, und die Verkehrslenkung (Berlins beliebteste Behörde) wird laut Organigramm noch immer von einem gewissen „N.N.“ geführt – das steht nach den schnellen Wechseln zuletzt sicher für „Nicht Nachhaltig“.
Aus Anlass der Bayernwahl schauen wir heute mal etwas mehr nach Süden (u.a. in der Kurzstrecke), und was sehen wir da? Claudia Roth vom Grünen-Kreisverband Augsburg-Stadt hat einen Änderungsantrag zum Antrag EP-S-01 für die Bundesdelegiertenkonferenz vom 9. bis 11.11. eingereicht, der so richtig rockt: In Zeile 28 stand da bisher: „… unveräußerlichen Rechten im Mittelpunk“. Hm, „Mittelpunk“? Ist das so ein Übergangsphänomen zwischen Jungpunk und Altpunk? Oder zwischen Linkspunk und Rechtspunk? Um sicher zu gehen, beantragt die Ex-Vorsitzende deshalb, ein „t“ nachzureichen, Begründung: „Punk war schon immer links, nie Mitte. Es muss sich um den Punkt handeln.“ Das sind mal echte Probleme!
Der Spandauer FDP-Fraktionsvorsitzende Matthias Unger wollte das Volk zwischen zwei toten Bürgermeistern abstimmen lassen: Soll der Rathausvorplatz nach Werner Salomon (SPD) oder nach Konrad Birkholz (CDU) benannt werden? Herzzerreißend ... Wir hätten als salomonische Lösung den Namen „Werner Birkholz (FDP)-Platz“ vorgeschlagen, dann wäre die Sache (inkl. aller Beteiligter) endlich beerdigt gewesen, aber die BVV hat der Idee jetzt den Stecker gezogen. Auch Vater Unger war nicht beglückt über das Engagement seines Sohnes, das sich gegen Salomon richtet. Also schrieb er ihm: Die Mail, mit „Gruß Papa“ unterzeichnet, trägt den „Betreff: Rüge“. (Was der Herr Papa stattdessen vorschlägt, steht im nächsten „Leute“-Newsletter von André Görke).
Berliner Schnuppen
Telegramm
Zurück nach Bayern: Wegen der Wahl am Sonntag spielen wir unser Betriebsstörungsbingo heute mal in München – Ansage in der U6 (fährt von Garching nach Großhadern und zurück, wenn sie denn fährt): „Wegen erhöhtem Fahrgastaufkommen kommt es vereinzelt zu vorzeitigen Wendungen“ (gehört von CP-Leser Erik Wolfram). Tja, da ist der MVV der Politik womöglich eine kleine Schleife voraus ...
... denn die letzten Umfragen deuten für CSU und SPD auf Entgleisungen hin. Schuld sind mal die Zustände in Berlin (Söder), mal die Zuwanderer aus Restdeutschland (Stoiber), mal die Umstände von Söder (Seehofer) ... und bei den Sozialdemokraten redet gerade jeder mit jedem, weil alle wissen: So geht‘s nicht weiter – aber niemand weiß wie. Fest steht nur eins: Kevin Kühnert wird wieder einen großen Abend haben (Andrea Nahles eher nicht). Das Willy-Brandt-Haus hat jedenfalls schon mal die Wahlparty abgesagt.
Nachdem wir hier mit den Bayerischen Münchnern (oder waren‘s die Münchner Bayern) ein kleines Battle über die tölpelhafteste Stadt Deutschlands hatten (CP v. 8.10.), haben wir vor der Wahl am Sonntag mal darüber nachgedacht, was wir als Berliner an Bayern vielleicht sogar mögen. Ehrlich, es war eine echte Quälerei – aber am Ende haben wir doch tatsächlich 10 Punkte gefunden, und dazu sogar noch einen Extra-Obatz. Sie werden nicht glauben, was dabei rausgekommen ist ... (aber Sie können es nachlesen, am Sonntag in unserem Bayern-Spezial im Tagesspiegel).
Wir kommen zu unserer beliebten Rubrik „Berlin, aber Schnauze“, heute mit einer großartigen Variante der klassischen BVG-Replik „Fahren Sie Steglitz?“ „Nein, Bus“ – und los: Weil die digitale Linienanzeige nicht funktionierte, fragte ein Fahrgast an einer Reinickendorfer Haltestelle verunsichert den Busfahrer: „Sind Sie 125?“ Dessen ehrliche Antwort: „Nee, 53.“ Bis auf einen der Beteiligten haben sich alle im Bus schlappgelacht. (Gehört von CP-Leserin Gabriele Helbig).
So, am Montag ist es soweit: Wir starten gemeinsam mit der Redaktion von „Correctiv“ unser großes Recherche-Projekt „Wem gehört Berlin?“. Zwei Monate lang sammeln wir Informationen, um den Wohnungsmarkt Berlins transparenter zu machen. Aber keine Sorge (und keine falsche Erwartung): Es läuft alles im Einklang mit dem Datenschutz. Am Sonntag stellen wir die Aktion groß im Tagesspiegel vor, am Montag laden wir Sie zur Auftaktveranstaltung ein. Wenn Sie dabei sein wollen: Hier geht’s zur Anmeldung – ich freue mich auf Sie!
Und dann gibt’s ja noch unsere Verkehrssicherheits-Aktion „Radmesser“ – Hendrik Lehmann und sein Team haben inzwischen das 100. Fahrrad mit einem Seitenabstands-Sensor ausgestattet. Wie eng überholen Autofahrer wirklich – und wo ist es am gefährlichsten? Zum Stand dieser exklusiven Datenrecherche heute auch unser Podcast-Tipp.
Am Multifunktionsbad Pankow wird umgeplant: Der Sprungturm kommt jetzt nach draußen, weil er nicht in die Halle passt – es bleibt in Berlin eine einzige echte Sorge: Dass uns irgendwann der Himmel auf den Kopf fällt.
Berlin ist zwar nicht das Letzte (das ist Brandenburg) – aber leider fast: Nur noch 16. Platz beim „Glücksatlas“. Hm, was ist hier los? Niemand mehr happy? Ach was, die Humorlosigkeit der Fragesteller ist schuld: Hier gilt schließlich „Nicht gemeckert, ist genug gelobt“ – ein trockenes „Jeht so“ als Antwort auf die Frage nach dem werten Befinden ist in Berlin Ausdruck höchster Verzückung.
Um das Chaos am Flughafen TXL in den Griff zu bekommen, setzen die Bodendienstleister jetzt Rennbusse von Ferrari ein. Glauben Sie nicht? Na dann schauen Sie mal hier.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Das hätte ich Berlin gar nicht zugetraut.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel war zuletzt ziemlich zufrieden mit der Performance ihrer Wahlheimat (z.B. beim Einheitsfest).
Tweet des Tages
„Ah, gleich die erste namentliche Erwähnung im Checkpoint ... soweit allet jut, der Schertz soll sich heute mal um was Anderes kümmern.“
Antwort d. Red.: Puh, Glück gehabt … Und damit ist Jan Thomsen, neuer Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther, gleich zum zweiten Mal erwähnt (reicht aber jetzt auch erstmal bis zum Dienstantritt am 1.11.). Und Rechtsanwalt Schertz ist zurzeit tatsächlich gerade mit etwas Anderem beschäftigt: Er vertritt Ronaldo gegen den „Spiegel“ – wegen „einer der schwersten Verletzungen von Persönlichkeitsrechten aus den letzten Jahren“.
Stadtleben
Essen Der kulinarische Dunstkreis um den Anhalter Bahnhof, wir sprechen aus Erfahrung, ist wahrlich nicht von einer Mannigfaltigkeit an Möglichkeiten geprägt – mit Spannung erwartet wird deshalb die heutige Eröffnung des Layla in der Halleschen Straße 10. Nach Tel Aviv und New York ist die nächste Station von Starkoch Meir Adoni nun Kreuzberg. Im Gespräch mit Bernd Matthies verriet er kürzlich, welche Ausrichtung das Restaurant haben wird: Weg vom Avantgardistischen, der „teuren Pinzettenküche“ – familiär, lässig, bodenständig will das Layla werden, traditionelle Gerichte der nahöstlichen Küche in moderner Stilistik neu auslegen. Ein Konzept, das sich schon in New York bewährt hat, das dortige „Signature Dish“ - geräuchertes Auberginen-Carpaccio mit Feta, Tahin, Datteln, Pistazien und Rosenwasser - wird es auch in Berlin geben. Ob er sein Versprechen gehalten hat, deutsche Küche konzeptionell zu integrieren - „etwas mit Würsten vielleicht?“ - können Sie ab heute täglich ab 18 Uhr herausfinden.
Trinken Kein Einzelfall in der Berliner Gastroszene: Vor knapp einem Jahr musste das Jamón Jamón schließen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Team Checkpoint ließ sich dort gerne spanischen Wein und Tapas aus der Extremadura schmecken - daher freuen wir uns umso mehr, dass die Betreiber nun eine neue Heimat, ebenfalls im Graefekiez, gefunden haben. In der Dieffenbachstraße 36 hat Ende September das Oh Madriz! eröffnet. Der Tempranillo „Heiliger Gral“ führt nach wie vor die Rotweinkarte an, Gin und Tonic haben glatt ein eigenes Menü bekommen - dazu gibt’s Tapas, Toasts und Flammkuchen. Di-So, ab 18 Uhr bis open end