Hoffentlich hält die Welt uns Deutsche jetzt nicht für beschränkt. Google hat die Liste der Suchtrends fürs zu Ende gehende Jahr veröffentlicht, und in der stehen „Dschungelcamp“, „Kader Loth“ und „Promi-Big-Brother“ ganz vorn. Okay, noch ein bisschen gefragter waren noch „Trump“ und „Bundestagswahl“, aber der wichtigste Suchbegriff 2017 lautet dann doch „WM-Auslosung“. Soviel zum Land der Dichter und Denker. Und Bahningenieure. Damit Fahrt frei für die Meldungen aus Berlin:
„Wann ist die Eisenbahn endlich wieder pünktlich wie die Eisenbahn?“ ist eine Frage, bei der nicht mal Google hilft. Im Augenblick holpert es immer wieder auf den neuen Gleisen von der wahren in die heimliche Hauptstadt: Irgendwie versteht die Technik nur Bahnhof auf der Schnellstrecke, und dann wurde es zur Überraschung der DB AG auch noch Winter – gemein, ausgerechnet in der kalten Zeit des Jahres. Jetzt fehlen lauter ICE-Züge, allesamt Opfer dieser Wintereinbruchserie. Bis zum Wochenende soll sich der Fahrplan aber stabilisieren, verspricht Bahnvorstand Birgit Bohle. Und damit im Verhältnis zu den Fahrgästen keine Eiszeit anbricht, gibt’s immerhin das volle Geld zurück, wenn die Verspätung auf der neuen Strecke mehr als 60 Minuten beträgt, plus Reisegutschein. Sollte man aber vielleicht sicherheitshalber nicht für eine Tour nach München einsetzen.
Da können sie beim BER aber froh sein, dass sie nicht den Fluggästen (und Steuerzahlern), sondern nur den Baufirmen die Verzögerungen vergoldet haben. Für jede Stunde Verspätung seit 2012 hätte das Geld wohl nicht mal dann gereicht, wenn der Senat mit der Kryptowährung Bitcoin spekuliert hätte. Vor allem soll es ja auch noch drei Jahre dauern, bis der erste Passagier am BER abhebt. Denn Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup wird zur BER-Aufsichtsratssitzung am morgigen Freitag wohl den Herbst 2020 als Eröffnungstermin für Berlins Kryptoflughafen nennen. Am Mittwoch hatte der Termin zuerst via „B.Z.“ die Runde gemacht, später kam die Bestätigung aus Flughafen- und Gesellschafterkreisen.
Laut den Baufirmen Siemens und Bosch soll der BER sowieso fast fertig sein, also so bautechnisch. Vertreter der beiden Firmen, die zu den „Big Five“ am BER gehören, mussten im Beteiligungsausschuss des Berliner Parlaments antanzen. Die Bosse machten da auf Optimismus vor den Politikern, die ihrerseits nicht ganz so zuversichtlich darauf reagierten. Es sei inakzeptabel, was die Firmen im Ausschuss abgeliefert hätten, schimpfte Ausschusschef Jörg Stroedter (SPD). Die Aussagen erklärten nicht, warum es die jahrelange Verzögerung gibt (siehe oben).
In der offiziellen Pressemitteilung des Senats steht zwar, dass der Opferbeauftragte der Bundesregierung das Land Berlin als „beispielgebend“ in Sachen Opferschutz gelobt hat. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn SPD-Politiker Kurt Beck, der sich um die Betroffenen des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt kümmert, hat den Umgang mit den Opfern kritisiert. Angehörige sind damals drei Tage in Ungewissheit gelassen worden, sie irrten durch die Stadt, um in Krankenhäusern nach Verwandten zu suchen. Obendrein fand der Trauergottesdienst ohne die Hinterbliebenen statt, und ein offizielles Schreiben der deutschen Behörden kam erst nach Wochen. Als Lehre daraus hat der Berliner Senat auf Initiative von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) eine Anlaufstelle für solche Fälle auf den Weg gebracht – in der Tat lobenswert, aber doch erst vor wenigen Wochen beschlossen.
Beck, der seinen Abschlussbericht zu den Folgen des Anschlags vorgestellt hat, forderte zudem höhere Entschädigungen für die Opfer. Im Fall des Todes eines Partners, Elternteils oder Kindes gibt es nach seinen Angaben aus einem Härtefallfonds höchstens 10.000 Euro (der leerstehende BER kostet btw. mehr als 10 Millionen Euro - im Monat). Hoffnung ist zumindest in Sicht, denn der Bundestag hat die Bundesregierung per Beschluss dazu aufgefordert, die Opferentschädigung zu verbessern. Nachtrag noch zum CP von gestern: Bei der Gedenkveranstaltung nächste Woche wird außer der Bundeskanzlerin auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf jeden Fall anwesend sein (was seit einer Woche wohl schon feststand).
Telegramm
Beinahe hätte der Döner sein Fett weggehabt. Denn nur einer Mehrheit von drei Stimmen im EU-Parlament ist es zu verdanken, dass der Döner Döner bleibt. Und das heißt: Wie Kassler oder Burger darf er Phosphat enthalten. Der umstrittene Zusatz bindet Wasser, wodurch eigentlich trockenes Fleisch saftiger wird und besser pappt – unbedingt nötig bei der Herstellung.
Auf sehr kleiner Flamme geschmort hat ein Antrag der FDP im Parlament. Die „Missbilligung der Ernennung von Dr. Andrej Holm als Staatssekretär für Wohnen“ steht auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung – elf Monate nach seinem raschen Rücktritt. Mal sehen, ob da überhaupt noch was im Hohen Haus hochkocht. Was seither geschah, hat übrigens CP-Autor Robert Ide im Tagesspiegel erzählt.
Für umgerechnet 120 Jahre Parken hätte die Geldstrafe gereicht, zu der eine Autobesitzerin aus Friedrichshain-Kreuzberg verurteilt wurde: Sie hatte eine Anwohnervignette gefälscht. Kostet 20,40 Euro für zwei Jahre.
Über 5000 Euro freuen kann sich dagegen der Gewinner des diesjährigen Berlin-Brandenburger Justizpreises: Der Jurist Alexander Tischbirek hat ihn für seine Dissertation zum Thema „Die Verhältnismäßigkeitsprüfung. Methodenmigration zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht“ erhalten. Worum es dabei geht? Am besten mal googeln. Wäre doch mal ein schöner Suchtrend fürs nächste Jahr.
60 Tage darf künftig jeder Berliner Vermieter spielen – seiner eigenen Wohnung. So lange kann diese Feriengästen überlassen werden, ohne dass Behörden um Erlaubnis gefragt werden müssen. Registrierung beim Amt ist aber trotzdem nötig. Gilt voraussichtlich ab Mai. Airbnb freut sich schon.
Schätzungsweise zehn Millionen Ratten leben in Berlin. In der Nahariya-Siedlung, einem Plattenbau-Viertel im Tempelhof-Schöneberger Ortsteil Lichtenrade, sind sie gar zur Plage geworden. Wie sich jetzt herausstellt: Die Ratten vermehren sich dort wie die Karnickel, weil Näpfe mit Nahrung herumstehen (vermutlich für Katzen oder Vögel gedacht). Kommentar des Umweltstadtrats Oliver Schworck (SPD), der sich wegen der Tiere nagenden Fragen in der Bezirksverordnetenversammlung stellen musste: „Eine Ratte kommt selten allein.“
Mit einem anderen Schädling muss sich dagegen das Bezirksamt Mitte herumplagen – mit dem Amtsschimmel. Das Bauaktenarchiv ist geschlossen, weil dort eine erhöhte Konzentration von, nun ja, Sporen gemessen wurde. Mehr Nachrichten aus den Berliner Bezirken stehen in unseren „Leute“-Newslettern. Zum kostenfreien Abo bitte hier entlang.
Heute leider keine „Nachrichten vom DHL-Boten“, sondern, tada!, zur Abwechslung vom Hermes-Versand: Neben einem „zugestellt“ grinste ein Smiley auf der Benachrichtigungskarte, die ein treuer CP-Leser in seinem Kasten entdeckte und das Ganze wiederum nicht ganz so zum smilen fand. Der Bote hatte ein Zwei-Kilo-Paket über die Brüstung des Balkons geschleudert, hinauf in den ersten Stock. Ein Behältnis für die Reste der Balkonbotanik hat er dabei gleich mitentschärft. War wohl eine Wurfsendung.
Kundenorientierung bleibt eben unbezahlbar – das hat Anfang der Woche auch CP-Leser Ernst Karbe erfahren. Er ist in den Bus am Schlossparktheater gestiegen, nur mit einem 20-Euro-Schein in der Tasche. Auf die Frage, ob Mann am Steuer den Schein akzeptiere, gab’s ein klares „Nein. Aber Sie sind herzlich eingeladen.“
Seit 304 Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel im türkischen Gefängnis. Daran hat jetzt auch Hertha BSC erinnert. Beim Spiel gegen Hannover 96 (3:1) wurde statt Bandenwerbung das Foto des Reporters und „Free Deniz“ eingeblendet.
Die Generation, die den Krieg erlebt hat, dürfte bei Christbäumen am Himmel (leuchtende Markierungen für folgende Bombardements) noch angst und bange werden. Das hat den Flugzeughersteller Airbus aber nicht davon abgehalten, das Thema Christbäume am Firmament mal neu zu interpretieren, ist ja schließlich auch schon alles ewig her. Die Firma ließ am Mittwoch jedenfalls einen A 380 eine Testroute über Deutschland fliegen, die dem Umriss eines riesigen Weihnachtsbaums entspricht.
Wer mal den Newsletter von AirBerlin abonniert hat, bekam bislang ja immer noch Nachrichten unter dem Absender der Schokoherzlinie (CP von gestern). In den Mails steckte seit der Pleite allerdings Werbung der Tochtergesellschaft Niki („Mallorca. Da ist immer was los!“). Jetzt hat auch sie Insolvenz angemeldet, der Flugbetrieb ist eingestellt. Die Kaufinteressentin Lufthansa war ausgestiegen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich weiß noch, dass es Rumms gemacht hat, aber ich habe erst gar nicht gemerkt, was passiert ist.“
Sänger Adel Tawil, der sich beim Badeunfall den Halswirbel gebrochen hat, im Gespräch mit Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt. Tawil ist seit kurzem Präsident der ZNS-Stiftung.
Tweet des Tages
Meine Mutter hat einen alten Gutschein gefunden, für einmal abwaschen, den ich ihr als 5-Jähriger geschenkt habe. Und dann löst die den auch noch ein! Scheiß Vergangenheits-Ich! *mit Spülhänden gesendet*
Stadtleben
Neu in Mitte ist die zweite Dependence des What do you fancy love in der Linienstraße 41. Vorher bezirzten Giacomo und Ritchie ihre Gäste nur in der Knesebeckstraße mit selbstgemachten Smoothies, ausgefallenen Bagels und herzerweichenden Kuchen - auch in ihrem Frühstückcafé A Never Ending Love Story in der Bleibtreustraße geht Liebe mit Mexican Breakfast und Pancakes durch den Magen. U-Bhf Rosa-Luxemburg-Platz, tägl. 8-18 Uhr
Übrigens: Im neuen Genuss-Guide zeigt Ihnen Kai Röger, wo Sie sonst noch in der Stadt richtig guten Brunch bekommen - etwa im Roamers im Farm-House-Style in Neukölln (Pannierstraße 64, U-Bhf Hermannplatz). Aber auch für den nächsten Potsdam-Ausflug sind Sie damit gewappnet: Die kulinarischen Insider-Tipps in und um Berlins Schwester, sollten Sie sich nicht entgehen lassen (passt ebenfalls gut unter den Weihnachtsbaum).