So aufregend wie heute war es bei der CDU unter Angela Merkel noch nie. Die Euphorie scheint auch das Wahlvolk angesteckt zu haben: Im ARD-Deutschlandtrend legt die CDU gleich um vier Punkte auf 30 Prozent zu. Interessant wird, wie viele davon sie nächste Woche wieder abgeben muss.
Die Berliner Grünen haben andere Sorgen. Bei ihnen fliegen nach der vorläufigen Zwangsverrentung des erkrankten Verkehrsstaatssekretärs Jens-Holger Kirchner die Fetzen. Sie bestehen u.a. aus dem Briefpapier, auf dem sich die beiden Landesvorsitzenden „sehr schweren Herzens“ an die Mitglieder wenden, um ihnen den Abgang des einzigen Verkehrsexperten an der Spitze der Verkehrsverwaltung zu erklären, von dem die meisten aus der Zeitung erfahren hatten. Tenor: furchtbare Situation für alle, wahnsinnige Mehrbelastung fürs Team – und nur Absagen beim Versuch, eine Übergangslösung zu basteln. Jetzt gehe es ohne Ersatz nicht mehr. Und: „Es ist unser großer Wunsch und unser klares Ziel, dass er (Kirchner) wieder in leitender Funktion für diese Koalition tätig wird“, wenn er wieder gesund ist.
Vielleicht wird Kirchner ja der nächste Verkehrssenator, sollte er bald wieder fit sein und das Gegrummel der Grünen über seine Chefin weiter anschwellen. Vor allem in Kirchners Pankower Kreisverband wollen sie Regine Günthers Entscheidung nicht hinnehmen – auch wenn man ihr bis zum Beweis des Gegenteils vielleicht glauben muss, dass ihr die wirklich schwergefallen ist. Matthias Oomen, Ex-Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität, kündigt schon mal einen selbst auferlegten Burgfrieden und bezeichnet Günther offen als Fehlbesetzung im Verkehrsressort, das den Grünen 2016 so wichtig war und bisher praktisch nichts von dem geliefert hat, was den Wählern versprochen wurde.
Zum Beispiel, den Autoverkehr Unter den Linden zu dezimieren. Was die Verwaltung nicht tut, will jetzt ein Bündnis versuchen, das sich „Stadt für Menschen“ nennt: Verkehrsberuhigung in der City Ost. Premiere ist am 15. Dezember, wenn für zwei Stunden die Friedrichstraße in Höhe Stadtmitte zum Flanieren, Diskutieren und Spielen freigegeben werden soll – diverse Promi-Besuche inklusive. 13 Uhr geht’s los, und bis 15 Uhr muss allen klar werden, dass der Normalzustand, sich auf schmalen Gehwegen am stinkenden Dauerstau vorbeidrängeln zu müssen, nicht wirklich normal ist. Und weil es alle toll finden werden, wird die Aktion schrittweise ausgedehnt, bis Autos zwischen Pariser Platz und Gendarmenmarkt nur noch als Kreidezeichnungen auf dem Asphalt vorkommen. Soweit der Plan.
Dabei fällt einem als älterem Mensch doch glatt die „Fußverkehrsstrategie 2011- 2020“ ein. Was aus den darin geplanten lokalen Pilot-Fußverkehrsnetzen geworden sei, wollte Kristian Ronneburg (Linke) vom Senat wissen. Und was bei den vorgesehenen Befragungen herausgekommen sei? Und wie es um den Leitfaden zur Schwachstellenanalyse stehe? Antwort der Verkehrsverwaltung: Alle drei Themen „befinden sich aktuell in der Phase der internen Vorabstimmung“ (Betonung auf der ersten Silbe), mangels Ressourcen sei „eine Intensivierung des Bearbeitungsprozesses hierbei nicht möglich“. Läuft also.
Meine Kollegen aus der Politikredaktion haben Franziska Giffey im Interview u.a. folgende Frage gestellt: „Aber Sie wollen schon, dass das Rote Rathaus rot bleibt und würden dazu auch einen Beitrag leisten?“ Genau genommen handelte es sich um eine Art trojanische bzw. Matroschka-Frage, wie Giffeys Antwort zeigt: „Natürlich will ich, dass das Rote Rathaus rot bleibt.“ Und? Sagen wir so: Sie hat das mit dem eigenen Beitrag nicht dementiert. Und die Berliner SPD kann die Frage, was aus ihr nach dem zurzeit laufenden Projekt 15 werden soll, nicht mehr ewig vertagen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Auch in der Silvesternacht 2018/19 müssen die Berliner nicht auf kriegsähnliche Zustände im Kiez verzichten: Die immer mal wieder diskutierten Ideen zu einem Böllerverbot sind verpufft. Ein rot-rot-grüner Antrag, der nächste Woche ins Parlament eingebracht werden soll, beschränkt sich auf Wünsche an den Bund. Halten Sie also Fenster und Türen geschlossen, wenn der Little Rocket Man von nebenan die Lunte zündet.
Nach dem einjährigen Test zur kamerabasierten Gesichtskontrolle am Bahnhof Südkreuz soll Anfang 2019 die nächste Stufe starten. Wie das Innenministerium der Linksfraktion auf Anfrage mitteilte, sollen „intelligente Videoanalysesysteme“ beispielsweise hilflose Personen und stehen gelassene Gegenstände erkennen. Herrenlose Damenhandtaschen etwa, falls es so etwas überhaupt gibt.
Nach 12 Jahren Arbeit bei laufendem bzw. oft humpelndem und rumpelndem Betrieb ist der Neubau des Ostkreuzes so weit fertig, dass ab Sonntag noch mehr S-Bahnen als bisher dort halten können. Außerdem wird die Regionallinie von und nach Küstrin verlängert, die bisher in Lichtenberg beginnt und endet. Schon ohne diesen Zu-zug ist das Ostkreuz mit mehr als 1500 Stopps pro Tag der meistfrequentierte Bahnhof Deutschlands.
Die Straßenbahn zum Ostkreuz verspätet sich allerdings um voraussichtlich einige Monate bis Jahre, weil es gegen die Trasse durch die Sonntagstraße mehr als 1000 Einwendungen gibt. Zum Vergleich: Bei den ebenfalls avisierten Neubaustrecken in Moabit und Adlershof-Schöneweide sind es nur ein paar Dutzend.
Der innere Schweinehund ist eine Metapher, aber den äußeren gibt’s wirklich: „Dogs of Berlin“ steht auf einem Plakat, das über vier Etagen an einem Wohnhaus in der Schlesischen Straße für Bezahlfernsehen wirbt. Tagsüber ist es in den Wohnungen dahinter duster, nachts flutlichthell. Das Plakat dürfte der Hausverwaltung also doppelt bei der Sanierung helfen: finanziell und um die Mieter loszuwerden. Untertitel: „Die Stadt ist ein Pulverfass.“ Und die Mieter haben allen Grund zu explodieren.
„Eine absolut irrationale Hexenjagd“ nennt Trockland-Chef Heskel Nathaniel im Interview mit der Morgenpost die Kehrtwende des Senats wegen seiner CP-Charlie-Baupläne. Und sein Finanzchef Wladimir Sokolow, Schwiegersohn des 2006 verstorbenen turkmenischen Diktators Saparmurat Nijasow (selbstgewählter Ehrentitel: „Diamantenkranz des Volkes“), versichert, er habe sich sein Geld komplett selbst erarbeitet.
Die City-West kommt – insbesondere freitags in Form des Leute-Bezirksnewsletters von Cay Dobberke. Diesmal berichtet er aus Charlottenburg-Wilmersdorf u.a. über Streit um weitere Hochhausprojekte und über Baumfällungen am Lietzensee-Park, über die man sich echauffieren kann. Zum Runterkommen gibt’s weihnachtliche Konzerte und Märkte. Und natürlich noch viel mehr – hier kostenlos zu abonnieren.
Im Abgeordnetenhaus erwartet der BER-Untersuchungsausschuss heute die Gäste Dr.-Ing. Manfred Körtgen und Prof. Dr. Rainer Schwarz. Für die Jüngeren: Schwarz wollte 2012 eine als Flughafenterminal getarnte Ruine eröffnen. Sein Technikchef war Körtgen, der nebenbei darüber promovierte, wie man komplexe Bauvorhaben schneller und kostengünstiger realisiert. Sind die Märchentage nicht immer im November?
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wenn ich Dir verspreche, dass du dadurch nicht arm wirst, würdest du mir dann etwas Geld geben?"
Mit dieser Frage wandte sich eine junge Frau an meinen Kollegen Ingo Salmen. Der verwickelte sie in ein Gespräch, das überraschende Wendungen nahm.
Tweet des Tages
"Seit wir eine Tochter haben, gibt es jedes Jahr eine Diskussion darüber, wo wir denn jetzt hl. Abend feiern. Überlege, dieses Jahr einen Wettkampf/Faustkampf zwischen den Großmüttern auszurichten. Der Gewinner bekommt uns am 24. Das wäre fair, oder?"
Stadtleben
Essen Fettig, deftig, fleischlastig: So sieht das traditionelle Weihnachtsmenü aus. Dass Gesundes, oder gar Veganes zum Fest aufgetischt wird, bleibt die Ausnahme. Eine ziemlich gute stellt da das Kopps in der Linienstraße 94 (U-Bhf Rosenthaler Platz) dar. Das mondäne, geradlinig und hell eingerichtete Restaurant setzt auf lokale Zutaten und verzichtet auf tierische Produkte. Ihre Mission: Gemüse „sexy machen“. Auf jene begibt sich das Team auch an Weihnachten und tischt ein 3- bis 5-Gänge-Menü (75-120 Euro) u.a. mit Grünkohl-Chili-Hanf-Suppe, Sellerie mit Backpflaumen, Rotkohl und Kartoffeln sowie eine Haselnuss-Käse-Platte auf – mit Weinbegleitung natürlich. Mo-Sa 18-22 Uhr, Sa 9.30-16 Uhr, So 9-17 Uhr, zur Reservierung geht’s hier lang.
Trinken Mit das Schönste an der doch recht stressigen Adventszeit, ist der kulinarische Aspekt. Das weiß auch die Weinhandlung Vinum und öffnet mit ihrem Wintermarkt im Dezember auch sonntags (13-18 Uhr) ihr Türchen. Geöffnet werden auch ausgewählte Festtagsweine, fürs Essen rücken extra Berliner Feinkostläden, wie „Blomeyer’s Käse“ und „The Sausage Man never sleeps“ in der Danckelmannstraße 29 (U-Bhf Sophie-Charlotte-Platz) in Charlottenburg an. Der Eintritt ist frei.