Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, ansonsten alles weitgehend friedlich – auch bei meiner kleinen Kreuzberger Kontrollfahrt mit dem Fahrrad heute früh um 3 Uhr: keine besonderen Vorkommnisse. Die Feuerwehr hatte ihren Einsatz bereits um 23.45 für beendet erklärt, die Stimmung im Epizentrum der revolutionären Getränkevernichtung entsprach den vereinheitlichten Straßenschildern: „Ballermann 36“. Ansonsten: ein bisschen Gerangel, ein paar Bengalos, demolierte Autos bei einer satirischen Klassenkampf-Demo in Grunewald, Israel-feindliche Töne am Hermannplatz und Arbeiterlieder am Brandenburger Tor. Wer’s nochmal nachlesen will – bitte hier entlang.
Die neue „Zweckentfremdungsverbotsverordnung“ ist in Kraft, und in der „Abendschau“ versuchte Bürgerdienste-Stadträtin Sandra Obermeyer (Mitte) zu erklären, wie das funktioniert, Quintessenz: Wer seine eigene Wohnung während des Urlaubs vermieten will, braucht eine Registriernummer für die Suchanzeige im Netz, aber wie kontrolliert werden soll, ob die dann auch stimmt – unklar, wie so vieles andere. Aber die Höchststrafe für Vergehen steht fest (500.000 Euro) und der Preis für das Anmeldeverfahren auch (225 Euro). Spricht alles für einen Urlaub auf Balkonien.
Unterdessen klagt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Silke Gebel via Facebook: „In Berlin eine Familienwohnung zu finden, ist schwerer als am Rosenthaler zur Rush Hour über Rot zu gehen“ – seit fünf Jahren sucht sie vergeblich. Trost spendet Fraktionskollegin Katrin Schmidberger: „… es ist krass überall in der Stadt. Und bei euch scheitert es nicht mal am Geld… viel Glück.“ Der Ex-SPD-Abgeordnete Ole Kreins kommentiert den Dialog bei Twitter so: „Aber bitte nicht das Tempelhofer Feld bebauen, nicht Baulücken schließen, nicht die Elisabeth-Aue, nicht die Buckower Felder. Zwei Grüne Abgeordnete beklagen im Netz die auch von ihnen verschuldete Wohnungsnot in Berlin.“
Die SPD hat offenbar Schwierigkeiten mit der vorgeschriebenen Trennung von Partei und Fraktion – und auch mit dem Datenschutz. Unter dem Betreff „Beitragsorganisation – bundesweite Übersicht“ wurden auch im Abgeordnetenaus sozialdemokratische Parlamentarier angeschrieben – sie sollten Auskunft geben über die Zahl ihrer Mitarbeiter und das jeweilige Vertragsverhältnis („Teilzeit oder Vollzeit“), und: „Des Weiteren bräuchten wir auch die Namen der Mitarbeiter sowie etwaige Kontaktdaten (E-Mail, Telefon). Diese würden wir dann in der Mavis verschlüsseln und zu einer Datenbank zusammenfassen um somit die Kommunikation zu verbessern.“ Immerhin: Das Wort „Beitragsorganisation“ war ein (Freud’scher?) Verschreiber: Gemeint ist „Parteiorganisation“.
Aus der Antwort auf die Bewerbung um Mitgliedschaft in einem Brandenburger Gartenverein: „Hallo Frau XY, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Vorsitzende des Gartenvereins mitgeteilt hat, dass keine Berliner und Ausländer in diesem Verein aufgenommen werden. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Suche.“ Es kommentiert Rainald Grebe: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt“. Zur einschlägigen Erheiterung trägt aber auch die Lektüre des Brandenburger Koalitionsvertrags bei – wir lesen auf Seite 7: „Brandenburgs große Stärke liegt im gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Motto: gemeinsam gegen alle anderen.
Den Grünen traut die Parlamentsverwaltung offenbar alles zu – einen Antrag auf Nutzung des Raums 377 für ein „Fachgespräch Regenwasseragentur der Grünen Fraktion“ lehnte sie deshalb prompt ab, Begründung: „Das Fraktionsgesetz lässt die Gründung einer Regenwasseragentur nicht zu.“ Da liegt allerdings ein lustiges Grammatik-Missverständnis vor: Eine eigene Agentur plant die Fraktion nicht (obwohl – warum eigentlich nicht?) – und die Gründung einer Berliner Wasseragentur hat das Parlament selbst beschlossen: im vergangenen Jahr, nachzulesen in der Drucksache 18/0212.
Gibt es eine bessere Stadt als Berlin für die internationale Tagung des größten Projektmanagementverbands der Welt (PMI EMEA)? Was für eine Frage! Und gibt es einen besseren Ort als den BER für einen Kongressausflug der Projektmanager? Natürlich nicht! Und deswegen machen sich die Experten, die sich hier vom 4. Mai an versammeln, dorthin auf: „Take part in this unique learning session“, heißt es auf der Veranstaltungswebsite – die Nachfrage ist offenbar groß, eine Reservierung notwendig: „Space is limited and available on a first come, first served basis.“ Schöner Claim auch für den Flughafen, falls Willy Brandt seinen Namen zurückhaben will.
Telegramm
Nach nicht mal zwei Jahren im Amt flüchtet Claudia Langeheine von ihrem Posten als Präsidentin des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten – oder wurde sie von Sozialsenatorin Elke Breitenbach abgeschoben? Offizielle Sprachregelung: „im gegenseitigen Einvernehmen“, „unterschiedliche Vorstellungen über die Weiterentwicklung der Behörde“, Danke und Tschüss. Die Geschäfte übernimmt fürs Erste Staatssekretär Daniel Tietze.
Showdown an der FU: Die 61 Mitglieder des Akademischen Senats bestimmen heute über die Nachfolge von Ex-Präsident Peter Alt – zur Wahl stehen die Politologin Tanja Brühl (z.Zt. Ffm/M) und der hauseigene Mathematiker Günter M. Ziegler.
Wenn die Verkehrsverwaltung demnächst neue „Dialog Displays“ in Betrieb nimmt (CP v. 31.4.), sollte sie diesmal zur Installation einen Kompass mitbringen (oder nur bei Sonnenschein arbeiten) - die Digitalanzeigen auf der Prinzregentenstraße am Volkspark Wilmersdorf funktionieren nämlich nicht, weil hier alle Solarmodule nach Norden ausgerichtet sind.
Der „Weltbaum“ von Ben Wargin an der Brandwand des Sigmunds Hof am S-Bahnhof von 1975 gilt als eines der ersten Berliner Murals und ist Teil der offiziellen Stadtwerbung – jetzt verschwindet es hinter einem Neubau (wie so viele andere auch). Doch das ist nicht das Ende der Geschichte: Gemeinsam mit den „Dixxons“ und anderen Street-Artisten pflanzt Wargin seinen Baum einfach um und malt ihn neu - an die Fassade der Lehrter Straße 27-30. Fertigstellungsfeier: Am kommenden Sonnabend ab 18 Uhr.
Ein Audi ist kein Amphibienfahrzeug – steht auch in der Gebrauchsanleitung. Aber um die zu lesen, hatten drei Männer in Kreuzberg keine Zeit: Auf der Flucht vor der Polizei steuerten sie ihren Wagen in den Landwehrkanal und mussten alleine weiter schwimmen.
Apropos Schwimmen: Post von Andreas Scholz-Fleischmann, Chef der Bäder-Betriebe – anders als in der Tagesspiegel-Übersicht zunächst geschrieben, ist das Sommerbad Kreuzberg bereits geöffnet, und zwar außerplanmäßig: Die Bauarbeiten waren überraschenderweise schneller fertig als gedacht.
Die Urberlinerin Corinna Segelken rechnet im FU-Campusmagazin „Furios“ mit jungen, nörgelnden Neuberlinern ab, die bei Poetry Slams „das eigene Ringen mit den überwältigenden Gefühlen“ vertexten: „Hört auf zu heulen, ihr wusstet, worauf ihr euch einlasst.“
Eine echte S-Bahn-Perle hat Checkpoint-Leserin Isa Strübing gefunden – und zwar in der S5 auf dem Weg zum Olympiastadion, eine Durchsage des Zugführers: „Ich kann im Bahnhof Zoo noch nicht einfahren. Vor uns steht noch ein Vorzug. Und vor dem steht auch noch ein Vorzug. Die S-Bahn hat heute nur Vorzüge.“ Lautes Johlen und Klatschen.
Aber es geht noch weiter, zweite Perle – zehn Minuten später, der Zug steht jetzt vor Charlottenburg, neue Durchsage: „Werte Fahrgäste, ich würden Ihnen gerne sagen, warum wir hier immer noch stehen, weil ich auch weiterfahren möchte und in der Zentrale nachgefragt habe, aber es kommt einfach keine Antwort. Man will anscheinend heute nicht mir reden.“ Erneut frenetischer Applaus. Und wer noch mehr schöne Zugdurchsagen hören möchte: Bitte ein wenig Geduld, im „Encore“ haben wir auch noch eine aus der U-Bahn.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Unsere sehr fleißige Abgeordnetenhausfraktion treibt die rot-rot-grüne Landesregierung munter vor sich her…“
… sagt die CDU-Landesvorsitzende Monika Grütters. Wann dieser außergewöhnliche Vorgang zu beobachten ist, sagt sie leider nicht.
Zitat
„Wir haben Regeln in unserer Stadt und ich glaube, wir leben alle lieber in der Stadt, wenn sich alle an die Regeln halten.“
Bürgermeister Stephan von Dassel verteidigt im aktuellen „Straßenfeger“ seinen Kurs der „harten Kante“ gegenüber Zeltlagern von Obdachlosen im Tiergarten. Seit Oktober 2017 gab es in Mitte laut von Dassel 130 Räumungen solcher Lager, 90 Prozent der dabei angetroffenen Menschen kommen demnach aus Polen.
Tweet des Tages
Funkmeldung zum 1. Mai: „Oranienstr. gemeldetes Feuer auf dem Dach ist keins, ist nur ein rauchender Grill.“ Gut so. Wir wünschen guten Appetit.
Stadtleben
Aus der südamerikanische Küche wird derzeit am ehesten die peruanische wirklich zelebriert - mit hohem Anspruch, aber dennoch weit entfernt vom Ambiente weißer Tischtücher mit Kristallgläsern auf dem Tisch. Wer also Fisch, respektive Ceviche, und kreative Köstlichkeiten à la frittierte Maniokstäbchen im Chicha probieren möchte, darf harte Holzhocker und wuselige Enge nicht scheuen. Dafür landen erfrischend säuerlich-scharfer Adlerfisch mit Süßkartoffelwürfeln, gelbem Chili, Zwiebeln und geröstetem Mais (12,50 Euro) auf dem Teller. Aus der warmen Abteilung erfreut der marinierte Schweinebauch auf Bananenpüree mit enormer Aromenfülle, berichtet Bernd Matthies über das Neuköllner Trendlokal in der Friedelstraße 34 (U-Bhf Schönleinstraße, Mi-So ab 18 Uhr, barrierefrei).
Trinken Für die Koffein-Infusion nach dem langen Wochenende lohnt ein Schlenker in die Wühlischstraße 12 in Friedrichshain (Bhf Ostkeuz): Dort hat im April das Kaffee Ingwer aufgemacht, eine vegane Trink- und Snackstätte, die im gewohnt urbanen Holz-Glas-Used-Look Smoothies, Stullen (z.B. mit Avocado, Zitronensaft, Meersalz und schwarzem Sesam) und vor allem Kaffee mit Hafer-, Soja- oder Mandelmilch anbietet - extra für frühe Vögel (öffnet um 8 Uhr).
Berlinbesuch den neu eröffneten Müggelturm in Köpenick zeigen. Einst ein Wahrzeichen von Ost-Berlin, lag der Turm auf dem Müggelberg zwei Jahrzehnte verschlossen und vom Verfall bedroht im Dornröschenschlaf. Seit gestern kann in knapp 30 Metern Höhe wieder eine baumwipfelfreie Aussicht bis Berlin genossen werden (geöffnet täglich von 10-20 Uhr, vier Euro Eintritt). Matthias Große hat den Bau für mehrere Millionen umfassend saniert, dank Denkmalschutz ziemlich DDR-getreu, dazu barrierefrei und ab Juli mit einer Ladestation für E-Bikes. Auch eine extra Terrasse für Ausflügler mit Hunden ist geplant - fehlt nur noch der Außenanstrich, Farbton: Eierschale.