gestern war’s hier abgefahren, heute soll es kindisch werden: Wir feiern den Sei-nochmal-ein-Kind-Tag. Tätää! Holen Sie aus sich heraus, was längst verschüttet schien: im Büro Sandburgen bauen, in der Kantine mit Wasserbomben schmeißen, wegen Bauchschmerzen nicht zur Matheklau…äh, Arbeit gehen. Aber es sind ja ohnehin Ferien. Einziger Wermutstropfen: Der Berliner Senat hat sich schon gestern getroffen. Für den Schaden eines Kindertags im Roten Rathaus wäre aber ohnehin keine Versicherung aufgekommen.
Kinder, Kinder… hatschi! Mal juckt die Nase, mal läuft sie ordentlich, aber eigentlich sind Tochter oder Sohn putzmunter. Bevor das Coronavirus sich in den Lungen ausbreitete und die Angst davor in vielen Köpfen, war das kein Problem. Weil Niesen jetzt aber als pandemisches Krankheitssymptom gilt, bitten Kitas Eltern schonmal, nach einem kleinen Hatschi ihre Kinder abzuholen – zurück dürfen Aida, Ole oder Elif erst, wenn ein Attest beweist, dass sie auch wirklich gesund sind. Medizinisch macht das keinen Sinn, deshalb stellt so etwas kaum ein Arzt aus, aber allein in einer Prenzlberger Praxis liefen 30 solcher Anfragen für „Gesundschreibungen“ auf. Mediziner und Wohlfahrtsverbände kritisieren deshalb die unklaren Corona-Regeln des Senats: Schon ein Husten oder leichtes Fieber kann den ganzen Wochenplan von Familien (meist ja den Müttern) umschmeißen, die Verantwortung liegt in der Hand einzelner Erzieher. Richtig akut wird’s aber noch im August: Neue Kinder werden dann in den Kitas eingewöhnt, sie sind anfangs meist häufiger krank. In diesem Jahr könnte gelten: Wer niest, der fliegt. Oder frei nach Fassbinder: Angst fressen Kindergarten auf.
Wir bleiben jung (und naiv): In Berlins Gesundheitsämtern rufen immer mehr Eltern an, die nicht wissen, wie sie sich nach einem Auslandsurlaub in den Sommerferien verhalten sollten – und in welchen Fällen ihre Kinder zur Schule gehen dürften. Vielen sei gar nicht klar, sagt eine Mitarbeiterin eines Gesundheitsamtes dem Checkpoint, wo sie sich über Quarantäneregeln informieren sollten, wo und wann sie einen Corona-Test machen könnten und woher sie das vorgeschriebene „ärztliche Zeugnis“ bekommen, das Symptomfreiheit attestiert. „Es fehlen eindeutige Informationen gerade für Rückkehrer aus Risikogebieten wie der Türkei“, sagt die Ärztin. Ähnlich verhält es sich mit Treffen im Freien: Jeder Bezirk behandelt Zulassungen von Veranstaltungen (auch mit Hygienekonzept) unterschiedlich, teils widersprechen sich Ordnungs-, Grünflächen- und Gesundheitsämter. Erst am Wochenende wurde eine Party aufgelöst, die die Organisatoren zugelassen wähnten. Ein weiterer Veranstalter sagte dem Checkpoint: „Zwei Ämter hatten unsere Feier und den Hygieneplan abgesegnet, das dritte hat sich plötzlich quergestellt. Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen.“ Ist der private Geburtstag im Park nun wieder erlaubt? Und was gilt wirklich, wenn mein Kind in der Kita niest? Wir wollen wissen: Blicken Sie noch durch?

Wir wagen einen knallharten Blick nach Rechtsaußen. Dort hat AfD-Fraktionschef Georg Pazderski höchste Mühe sich im blauen Sattel zu halten. Neun von 22 Abgeordneten sehen keine Grundlage mehr für eine weitere Zusammenarbeit mit ihrem Chef und tun, was Politiker dann eben tun: Sie schreiben einen Brief. Wir zitieren: „Klima des Misstrauens und der Destruktivität“, „jede sachliche Arbeit behindert und unsere Zusammenarbeit nachhaltig beschädigt“, „die Zukunft unserer Fraktion aufs Spiel zu setzen“. Unter den Abgeordneten ist sogar von Spaltung die Rede. Anlass des Schreibens ist der mögliche Finanzskandal um Pazderskis Vertrauten Frank-Christian Hansel, der Grund der schleichende Machtverlust des Fraktionschefs. Für den Ex-Oberst kommt der Brief besonders ungünstig, hatte er doch erst am Montag im sogenannten „Hauptstadt TV“ glamourös seine erneute Spitzenkandidatur verkündet (Relevanz-Vergleich: Der AfD-Rechtsextremist Andreas Kalbitz geht für gemütliche Interviews einfach zum rbb). Aber ein Soldat mit Marschbefehl lässt sich nicht beirren: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diesen Streit beilegen und dann alles wieder so läuft, wie ich mir das vorstelle“, sagte Pazderski meinem Kollegen Robert Kiesel. Wenn nur alles immer liefe, wie ich, ich, ich mir das vorstelle…
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Sido gefällt das: Die Maskenpflicht macht’s! Seit das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Berlin nicht mehr nur müde vorgeschrieben ist, sondern auch kontrolliert wird, verhüllen wieder mehr Menschen ihr Gesicht. Auf Checkpoint-Anfrage teilte die BVG mit: „80 bis 85 Prozent tragen mittags und nachmittags Maske, im Berufsverkehr rund 95 Prozent.“ Vor zwei Wochen waren es im Schnitt nur noch 75 Prozent gewesen. Gestern wurde die Pflicht zur Maske deshalb auch in die Beförderungsbedingungen geschrieben. Die Sicherheitsmitarbeiter der BVG können Unmaskierten ab jetzt eine Strafe von 50 Euro aufdrücken, die Polizei braucht nicht extra hinzukommen. Laut Unternehmenssprecherin Petra Nelken sollen die Mitarbeiter aber erst berlinisch höflich nach der Maske fragen und erst dann Bußgeld einfordern. Hach, wie sie uns lieben.
Volle Möhre(nstraße) rückwärts: Anscheinend hat doch noch jemand mehr als nur den Wikipedia-Artikel über Michail Iwanowitsch Glinka gelesen (oder gestern aufmerksam den Checkpoint). Deshalb ist auch bei der BVG noch rechtzeitig aufgefallen, dass der russische Komponist nicht nur ein glühender Nationalist war, sondern ebenso antijüdisch drauf – und eine Umbenennung der Station Mohren- in Glinkastraße deshalb vielleicht nur eine halbgute Idee ist. Also: Notbremse! „Wir haben euch gehört und sind in alle Richtungen offen, über den Namen der Station zu sprechen und eine Lösung zu finden“, teilen die Verkehrsbetriebe mit. Ich habe gestern länger mit dem Berliner Kulturhistoriker Wolfgang Kaschuba über das Thema gesprochen: „Der Mohr war Eroberer, nicht Sklave“, sagt er, ordnet den Begriff historisch ein und rät von überstürzten Namenstilgungen ab (für Abonnenten).
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„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten schaffen. Den Auftakt dieser Woche machte Annett Gröschner (hier zu lesen). Heute folgt Teil drei.
Destination
Von Annett Gröschner, Jan-Gunnar Franke und (heute) Manfred Füger
Sie muss sich setzen, und rennt doch los... während sie fieberhaft nachdenkt, was nun zu tun ist. „Bin ich denn die einzige, die von der Schließung nichts mitbekommen hat?“, geht es ihr durch den Kopf. „Und wie komme ich jetzt zum BER?“ Sie stürzt zurück zum Bus, mit dem sie hergekommen ist. Der Fahrer kaut seelenruhig auf seiner Wurststulle herum und bedeutet ihr, draußen zu warten, bis seine Pause vorbei ist. Sie hämmert verzweifelt gegen die Tür, bis der Mann ein Einsehen hat. „Ick hab' mir och schon jewundert, dass außer Sie keener im Bus war“, antwortet er auf ihre atemlose Frage. „Aber wejen Corona fliegt ja och kaum noch eener. Na, komm'Se, wir schaukeln denn mal nach Schönefeld...“ Erleichtert und dankbar steigt sie in den Bus, der sofort losfährt. Und mit entschlossener Miene braust der Fahrer sogar bei Rot über die nächste Ampel...
Und jetzt sind Sie gefragt – Wie soll es weitergehen? Schicken Sie uns Ihre Fortsetzung (maximal 600 Zeichen) bis spätestens heute um 16 Uhr an checkpoint@tagesspiegel.de. Die beste Idee veröffentlichen wir morgen im Newsletter. Und die gesamte Geschichte (deren Ende wiederum Annett Gröschner am Freitag schreiben wird) lesen Sie am Wochenende im Tagesspiegel und auf Tagesspiegel.de.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Bevor ich nach Berlin kam, bedeutete die Abkürzung „SPK“ für mich vor allem eines: Sparkasse. Dabei ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – mit eben jenem Kürzel – eine der größten Museumsorganisationen auf der Welt. Noch. Ein Gutachten über den Zustand der Stiftung, das Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrage gegeben hatte, kommt zum Ergebnis: Auflösung ist die beste Lösung. Die Stiftung arbeite „dysfunktional“ und sei „strukturell überfordert“. Welches kräftige Sommergewitter Berlin deshalb droht, hat mein Kollege Rüdiger Schaper aufgeschrieben. Es knarzt im Gebälk.
„Berlin fährt Fahrrad“ – was früher als eher öde geratener Sponti-Spruch kritisiert worden wäre, wird schleichend Realität: Mehr als 2,3 Millionen Radfahrer haben die 16 automatischen Dauerzählstellen in Berlin im Juni erfasst. Das sind 25 Prozent mehr als noch vor einem Jahr – damals zählten die Detektoren 1,8 Millionen Radfahrer. Welche Infrastruktur Radfahrer bevorzugen und wie Radwege und Straßen (zumindest gefühlt) am sichersten gebaut sein sollten, haben die Kollegen vom „Innovation Lab“ des Tagesspiegel herausgefunden. Lesen Sie mal!
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Der Brand in einem libanesischen Restaurant am Wochenende wurde laut Landeskriminalamt „wahrscheinlich fahrlässig ausgelöst“. Es gebe keine Hinweise auf Brandstiftung oder einen rassistischen Anschlag, heißt es. Für die Besitzer werden jetzt Spenden gesammelt, damit das (wirklich tolle!) Restaurant renoviert werden kann.
Nochmal BVG, wieder wird’s historisch: Der Senat beschließt einen neuen Verkehrsvertrag mit seinem Landesbetrieb und investiert bis 2035 19 Milliarden Euro in Betrieb und Ausbau von Bus und Bahn. Bislang steckte das Land jährlich 300 Millionen Euro in Fahrzeuge und Infrastruktur der BVG, jetzt werden es 800 Millionen Euro pro Jahr. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) spricht schon vom „Aufbruch in eine neue Ära des Nahverkehrs in Berlin“. Abwarten. Finanziert wird damit erstmal folgendes:
+ 40 Prozent mehr Tram-Strecken
+ zusätzliche 10-Minuten-Takte in den Außenbezirken
+ 2030 sollen alle 1500 Busse mit E-Motor fahren (bisher: 61)
Nicht finanziert wird:
– U-Bahn-Ausbau.
Horst Seehofer hat die Studie zu rassistischen Polizeikontrollen – aus seiner Sicht – endgültig abgesagt (das findet sogar die Polizei unklug). Seehofers bestechendes Argument: „Wir können nicht jede Woche ein Wünsch-Dir-was spielen.“ Schade, echt! Sonst hätte ich mir nämlich gleich einen Innen- und Heimatminister gewünscht, der die Probleme nicht-weißer Menschen für mehr als nur „ein Wünsch-Dir-was“ hält.

Das Projekt @wasihrnichtseht macht Rassismuserfahrungen von Schwarzen sichtbar. Wir machen das durch eine Kooperation an dieser Stelle auch.
Apropos wünschen: „Bürohunde herzlich willkommen!“, titeln die Kollegen der „Morgenpost“. Dahinter steckt – kein Scherz! – ein Antrag der FDP-Fraktion, der den Namen „Bürohunde in Senatsverwaltungen zulassen“ trägt. Der Antragssteller, Henner Schmidt, hat zwar selbst gar keinen Hund, aber laut „Mopo“ vom Fraktionskollegen Bernd Schlömer mal gehört, wie toll sich dessen Dalmatiner im Bundesverteidigungsministerium mache. Schmidt vermutet, so eine hundefreundliche Regelung könnte auch die Attraktivität der Berliner Verwaltung als Arbeitgeber stärken. Herrchen dieser Welt, schaut auf diese Stadt!
Der ein oder andere Laden schließt in diesen Tagen, viele für immer. Das Schwarze Café sammelt zum Beispiel Spenden, das Traditionsgeschäft Deko Behrendt hat’s schon erwischt. In einem offenen Brief an Senat und Abgeordnete („außer AfD“) schlagen Musiker, Hoteliers, Messeveranstalter und Gastronomen jetzt konkrete Hilfsmaßnahmen vor: Umsatz- und Gewerbesteuer runter, Mietübernahme, Ausnahmen vom Lärmschutz. So soll „das urbane Leben Berlins nach der Pandemie aus einem tödlichen Eindämmungsschlaf“ erweckt werden, schreiben die Initiatoren. Aufwachen, bitte!
Bei den Grünen drängt ein alter Bekannter zurück in die erste Reihe: Özcan Mutlu, Bundestagsabgeordneter zwischen 2013 und 2017, will es nochmal wissen. Er wird in Mitte um ein Mandat kämpfen, hat aber parteiintern sehr starke Konkurrenz. Mutlu will die Grünen weniger weiß machen, schreibt er in seinem Bewerberschreiben, und „neben den klassischen Grünen-Wähler*innen auch die vielen Menschen mit Migrationshintergrund für grüne Politik begeistern“.
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Aus der Kategorie: Huch, Überraschung! Bis 2023 soll in der CDU eine verbindliche Frauenquote von 50 Prozent durchgesetzt werden, das hat Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt vorgeschlagen. Angela Merkel war für leises Lob an Quoten in Konzernvorständen kürzlich noch vom Wirtschaftsrat der CDU getadelt worden. The times they are a changin’.
Feucht-fragliche Statistik: Eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim hat ergeben, dass 37 Prozent der Erwachsenen seit Beginn der Pandemie mehr Alkohol als vorher trinken. Acht Prozent gaben an, überhaupt erst mit Beginn der Ausgangseinschränkungen mit Bier, Wein oder Schnaps angefangen zu haben. Woran das liegt und welche anderen Drogen vom Anstieg betroffen sind, hat Marie Rövekamp aufgeschrieben (Abo).
Zum Schluss: Der Bezirk Mitte sucht dringend eine Firma für den „Verkehrsversuch: autofreie Friedrichstraße“. Bewerbungszeitraum bis zum 28. Juli, Ausführungszeitraum: „August 2020 bis Januar 2021“. Gefragt sind folgende Leistungen: „Aufstellung Verkehrstafeln, Einbau Poller, Herstellung von Fahrbahnmarkierung“. Vielleicht können die Bezirksnachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg helfen? Pollern können die...
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Schaut mir ins Gesicht, mir geht es gut.“
Jair Bolsonaro wird positiv auf Covid-19 getestet und reist sich die Maske vom Gesicht, um zu zeigen: Alles halb so wild.
Tweet des Tages
#Maskenpflicht und #Frauenquote oder: Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Stadtleben
Lesereise – Checkpoint-Leser Gerrit Fichtner empfiehlt allen „Wasserwanderer oder solchen, die es werden wollen“ „Mein grenzenloses Seestück“ von Wilfried Erdmann (1991, Neuauflage bei Delius Klasing) – ein Buch über eine Jollenfahrt von der Schlei über die Ostsee und weiter durch Mecklenburg-Vorpommern, kurz nach der Wende. Am besten zusammenlesen mit Cecil Scott Foresters „Eine Bootsfahrt in Deutschland“ (1938, nur noch antiquarisch). Fasziniert hat Fichtner, selbst begeisterter Segler, „dass zwei Schriftsteller, deren Thema hauptsächlich das offenen Meer war (Forester berichtete von den Seeschlachten eines fiktiven Kapitän Hornblower aus der Zeit von Napoleon und Erdmann von seinen Weltumseglungen im 20. Jahrhundert) einen Reisebericht über eine Bootsfahrt auf den norddeutschen Binnengewässern schreiben. So unterschiedlich die Zeiten und Reisebedingungen waren, haben sie beide das Land und die Leute, gleichermaßen plastisch und liebevoll beschrieben, wobei auch die Widrigkeiten der Reise nicht ausgelassen wurden.”
Urlaub ganz nah – Es gibt viele Möglichkeiten – auch ohne Segelschein – von Berlin aus die Weltmeere, oder sagen wir, die brandenburgischen Binnengewässer, zu erkunden. Kollege Stefan Jacobs hat es mit einem Hausboot probiert. Sein Fazi: Obacht bei den Schleusen!
Mehr Ideen für den Urlaub vor der Haustür finden Sie auf tagesspiegel.de.

Essen & Trinken – Zwischen Landwehrkanal und Treptower Park liegt die Neue Republik Reger. Sie steht für „Gemeinwohl“, „Liebe“ sowie „genussvolle Eskalation“. Dazu gehören vegane Burger (mit Seitan, Tempeh oder schwarzen Bohnen) genauso wie veganes Soft- und Kugeleis – denn „denn wer die Welt verändern will, braucht einen klaren Kopf und einen vollen Magen.“ Nachdem das „Refugium für Angelegenheiten aller Art“ anderthalb Monate geschlossen bleiben musste, herrscht wieder reges Treiben auf der Terrasse in der Bouchéstraße 79a (S-Bhf Treptower Park). „Familien kommen am besten tagsüber, denn Eis gibt es nur bis 18 Uhr. Und wer sehr hungrig ist, sollte vor 19 Uhr da sein.“, erklärt uns Inhaber Tatze die „Einreisebestimmungen“ ins Republikrefugium, und verrät gleich noch sein Rezept für den „besten Eiskaffee“: „Große Eiswürfel, mit Hafermilch und einem kleinen Spritzer Agavendicksaft.“ Mi-Mo 12.30 bis 22 Uhr (Foto: promo)
Hingehen – „Für die meisten Menschen war der Parkspaziergang in dieser Zeit Balsam für Seele und Gemüt.“, resümiert Michael Rohde, Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) die Bedeutung der historischen Parkanlagen während des Lockdowns. Und wir dürfen hinzufügen: Und er wird es auch bleiben. Wann waren Sie zuletzt in einem der mannigfaltigen Schlossgärten in und um Berlin? Derzeit blühen hier die Sommerblumen (#Parkrisart) und ähnlich wie in den Museen hat man manche Ecken ganz für sich allein.
Geschenk – Passend zur Blütenpracht, die sich in den Parks präsentiert, schillern auch manche Aufnahmen, die der Berliner Fotograf Leo Seidel von der hiesigen Schlösserlandschaft gemacht hat. Seine Leidenschaft gilt der Polaraoidfotografie und dem Experimentieren bei der Entwicklung. Die so entstandenen „Traumsequenzen“ sind kürzlich in der Edition Braus erschienen (128 Seiten, 24,95 Euro) – und wir verlosen ein Exemplar (bis 12 Uhr).
Karten sichern – Wo wir schon bei den Schlössen sind: Der Theatersommer in Sanssouci findet statt! Es gibt Shakespeare’sches Volkstheater im Heckentheater unter freiem Himmel am Neuen Palais (9.-16. August) und Goehtes „Faust“ zur Eröffnung des Schlosstheaters (17. September bis 3. Oktober). Der Vorverkauf hat bereits begonnen, aber noch sind Plätze frei! Tickets unter www.theater-poetenpack.de.
Last-Minute-Auktion – Auch Berlins Galerien machen jetzt Auktionen: Kilian von Seldeneck versteigert heute Abend bei Julia Stoschek ab 19 Uhr „Contemporary art from Berlin galleries and studios“ (Vorbesichtigung bis 18 Uhr). Den Auftakt für diese ungewöhnliche Allianz aus Kunsthandel und Gallerien machte Johann König mit seiner Kunstmesse in St. Agnes – Corona verbündet eben auch. Ebenfalls bemerkenswert: Grisebach mischt in seiner Sommerauktion (Do & Fr) die Epochen.
Last-Minute-Kino – (ein Tipp von Ticket-Kollege Jörg Wunder) Dass der 1920 in Berlin geborene Helmut Newton einer der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts war, ist unbestritten. Doch nicht erst seit der MeToo-Bewegung wird sein Werk, in dem sich ein männlicher Blick auf den – häufig unbekleideten – Frauenkörper spiegelt, kritisch hinterfragt. In Gero von Boehms facettenreichem Filmporträt des 2004 verstorbenen Künstlers kommen sowohl Newtons Kritikerinnen wie Susan Sontag zu Wort als auch Verteidigerinnen seiner Arbeit, darunter Stars wie Grace Jones, Isabella Rossellini oder Charlotte Rampling, die Newton einst Modell standen. Einen Tag vor dem Kinostart ist die Doku im Sommerkino auf dem Kulturforum zu sehen. Letzte Tickets (10 Euro) gibt es hier.
Last-Minute-Fernsehen – Die Schlecht-Wetter-Alternative wären Geschichten, die das Lebens schreibt: Eine Frau glaubt, dass ihre Mutter im Altenheim schlecht behandelt wird. Also organisiert sie einen 83-jährigen Rentner, den sie als V-Mann in die Einrichtung einschleust… Das ist nicht etwa der Plot einer neuen Serie auf Netflix, diese hier ist echt (aus Chile) und wird als Dokumentarfilm heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt. In der Mediathek finden Sie den Maulwurf-Thriller schon jetzt.
Da Stadtleben heute von: Stefanie Golla.
Insel-Check
Team Checkpoint hat die Segel gehisst und alle Berliner Inseln besucht – es sind mehr als 50. An dieser Stelle und auf Instagram stellen wir Ihnen täglich eine davon vor. Und oben drauf gibt’s unser Inselquartett – zum Ausschneiden für lange Autofahrten in den Ferien und Sommer-Sehnsucht im Winter.
Es hätte durchaus passieren können, dass das Zentrum Berlins vor ein paar hundert Jahren hier am Zusammenfluss von Dahme und Spree entstanden wäre, statt aus den Hütten des am sumpfigen Mühlendamm gelegenen Doppeldorfes Berlin-Cölln. Besiedelt und mit wechselnden Burgen bewehrt war der strategisch günstig gelegene Flecken Land bereits im Mittelalter. Ab 1558 folgte ein Renaissanceschloss, der heutige Barockbau entstand ab 1678 für den späteren Preußenkönig Friedrich I. In der Schlosskirche ist Prinzessin Henriette Marie beigesetzt, das Hauptgebäude ist seit 1963 ein Kunstgewerbemuseum. Dass die Schlossinsel überhaupt als Insel durchgeht, verdankt sie dem flachen Wassergraben zur Altstadt hin, den ein Holzsteg überbrückt. Während um den Schlossplatz vor der Insel immerwährendes Verkehrschaos herrscht, ist der Park zum Schloss ein Idyll für kurze Spaziergänge und längere Pausen. Besonders lohnt sich der Besuch zur Zeit der Rhododendronblüte.
Text: Stefan Jacobs
Berlin heute
Verkehr – Turmstraße (Moabit): Ab morgens beginnen Kanalarbeiten. Im gesamten Kreuzungsbereich Oldeburgerstraße/Ottastraße kommt es daher bis Anfang August zu Fahrbahneinengungen.
Fennstraße (Niederschönweide): Wegen Leitungsarbeiten in Richtung Michael-Brückner-Straße zwischen Schnellerstraße und Michael-Brückner-Straße bis Anfang August gesperrt. Eine Umleitung ist ausgeschildert. Radfahrende müssen absteigen. Fußverkehr ist frei.
Potsdamer Straße (Schöneberg): Aufgrund einer Demonstration Sperrung in beiden Richtungen auf Höhe Pallasstraße (13-22 Uhr).
Demonstration – Unter dem Motto „Potse bleibt“ versammeln sich 50 Teilnehmende am Potsdamer Platz (13-22 Uhr). In der Willy-Brandt-Straße 1 in Mitte fordern ca. 20 Teilnehmende: „PKK gib mir meine Tochter zurück“ (8.30-12 Uhr). Wie jeden Mittwoch findet die durch das Bündnis Candles4Assange angemeldete Kundgebung „Kerzen für Assange“ am Pariser Platz mit ca. 50 Teilnehmenden statt (19-21 Uhr).
Gericht – Im Prozess wegen Mordes an dem Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker gegen einen 57-Jährigen soll plädiert und nach bisherigen Planungen auch das Urteil verkündet werden. Der geständige Angeklagte hatte den Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nach einem Vortrag in der Schlosspark-Klinik erstochen – laut Anklage aus langjährigem Hass auf die Familie Weizsäcker (9.30 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 700).
Universität – Wurzelökonomie: Eine Internationale Forschungsgruppe unter Beteiligung der FU Berlin hat untersucht, welche Strategien Pflanzen zur Ausbildung ihres Wurzelwerks verfolgen. Welche Rolle Pilze dabei spielen, berichten die Forschenden im Wissenschaftsjournal Science Advances (English only).
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Gerd Appenzeller (77), Berater der Chefredaktion des Tagesspiegels und Reinickendorf-Reporter, ehem. Herausgeber und Sprecher der Chefredaktion / Bienchen Daniel (67), „Spielerin, Hinweis von Bölli + dem Kommissar“ / Ottmar Edenhofer (59), Professor an der TU und Direktor sowie Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung / Kirsten Flesch (63), ehem. für die SPD im AGH (1995-2016) / Erika Lellow (91!) / Ute Polster, „Happy Birthday (39+4) und alles Liebe und Gute von Anne, den Claudias und Sophia“ / Joana Schümer (51), Schauspielerin / Jürgen Böttcher aka. Strawalde (89), Maler und Regisseur / Kurt Ludwig Willy Tews, „Ehemaliger Wahlberliner – in der Szene auch als RoSa bekannt – feiert im norddeutschen Exil NMS seinen 70. Geburtstag. Es gratulieren von Herzen alle seine 16 (Schwieger- &Enkel-)Kinder. Auf dass auch die nächsten 70 Jahre voller Musik, Gesundheit, Humor und Lebensfreude sein mögen.“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Dr. Muzaffer Dilmac, * 9. September 1941, Facharzt für Nervenheilkunde / Joachim Mühlhause, * 23. März 1943 / Prof. Dr. Michael Schartl, * 18. August 1944 / Isabell Stade, * 2. Oktober 1946
Stolperstein – Theodor Loewenthal (Jg. 1861) kam mit 13 Jahre aus Böhmen nach Berlin, nachdem seine Eltern verstorben waren, und baute sich eine Existenz als Metzger auf. Nachdem sein Haus und die Fabrik in der Achenbachstraße 4 „arisiert“ wurden, zog Theodor Loewenthal nach Schlachtensee, später in die Pension Jacoby am Bayrischen Platz 3. Am 8. Juli 1942 – heute vor 78 Jahren – wurde er mit dem „17. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert und dort 14 Tage später ermordet. In der Spanischen Allee 20 in Zehlendorf, seine letzte freigewählte Adresse, erinnert ein Stolperstein an ihn.
Encore
Es gibt sie, wenn man genau hinsieht: die vielen, vielen kleinen Lichtblicke. Ich hatte hier neulich (CP 20.06) über das grandiose syrische Restaurant bei mir um die Ecke geschrieben, das seit März geschlossen hatte. Kein Licht, keine Kellner, die einem schon durch die Scheiben zuwinken, überhaupt keine Menschen darin. Meine Befürchtung: Die urnetten Besitzer haben diese Krise – wie so viele – nicht überstanden. Neulich lieferten dann aber einige Arbeiter ein paar Bäumchen, neue Stühle wurden hineingetragen und drinnen an der Einrichtung geschraubt. Den erlösenden Facebook-Post der Betreiber hat mir vergangene Woche ein Freund geschickt: „Mama ist wieder da und bereitet mit Liebe leckeres Essen vor!“ Call me kitschig, aber ich freu mich riesig. Manches bleibt trotz Krise – und das ist perfekt so.
Sie starten jetzt am allerbesten so perfekt es geht in diesen Mittwoch und zelebrieren den Sei-nochmal-ein-Kind-Tag. Morgen serviert Ihnen hier Ann-Kathrin Hipp wieder das Witzigste und Wichtigste aus Hauptstadthausen.