Am Montag eröffnet „Berlins neue Kathedrale des Wissens“ (Hermann Parzinger im Tagespiegel): die Staatsbibliothek Unter den Linden (nach 15 Jahren Sanierung). Eigentlich wäre das ein Feiertag für die Berliner Kultur, aber die hat der Senat zum Weinen in den Übungsraum verbannt (und jetzt schließen auch noch die Bibliotheken – mehr dazu gleich).
183mal taucht das Wort „Kultur“ im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag auf – in der Senatsliste der systemrelevanten Berufe dagegen nur zweimal: bei „Sonderkultur- und Gartenbaubetrieb“ sowie „Aquakultur“. Von Theater, Musik, Malerei, Literatur keine Spur (als hätten Künstler im Lockdown nichts zu tun).
„Kultur ist für die öffentliche Selbstverständigung der Stadtgesellschaft lebenswichtig und unentbehrlich“, hatte die Stadtregierung zu Beginn ihrer Amtszeit 2016 postuliert – am Ende reicht es nicht einmal mehr zu einem Berechtigungsschein für die „Notversorgung“ in der Kita.
„Den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken“, lautet ein zentrales Kapitel im Koalitionsvertrag – doch dieses Versprechen zerbröselt in der Krise wie ein zertretenes Knäckebrot. Der Senat teilt Berlin in zwei Hälften: Auf der einen Seite leben und arbeiten diejenigen, die von den Verwaltungen als „systemrelevant“ erstklassifiziert wurden. Versicherungsmakler sind ebenso darunter wie Mitarbeiter von Besamungsstationen und Brütereien, Abgeordnete, Imker, Journalisten und Fischer (Soldaten u.U. übrigens doch auch, CP von gestern). Wer sich auf der 28-seitigen Liste nicht wiederfindet, ist damit amtlich als überflüssig abgestempelt, als nicht wichtig genug – als systemirrelevant. Für sie gibt es keine Liste, aber einige von ihnen sind leicht zu finden: in den Imagebroschüren der Stadtvermarkter. Es sind diejenigen, die der Regierende Bürgermeister bei schönem Wetter stolz herausstellt, wenn er in der Weltgeschichte herumgondelt: Tüftler und Erfinder, Riskierer und Probierer, Künstler, Lebenskünstler und Überlebenskünstler. Sie sind abgemeldet, mindestens bis zur ersten postpandemischen Sonntagsrede.
Sich selbst abgemeldet haben die öffentlichen Bibliotheken – nach einer denkwürdigen Vorgeschichte, die im Buch über diese Regierungszeit einen Platz finden wird. Noch im Dezember hatte Kultursenator Klaus Leder dafür plädiert, die Bibliotheken aus sozialen Gründen offen zu halten. Angesichts der bedrohlichen Situation wegen der Virusmutation und der Homeoffice-Appelle riet Lederer aber nach der Corona-Konferenz mit Merkel per Mail den Bezirksstadträten dann doch zu einer Schließung für die kommenden drei Wochen (er selbst ist nur für die ZLB zuständig) – scheiterte damit aber am Mittwoch im Senat: Die Grünen ließen ihn vehement auflaufen. Justizsenator Behrendt argumentierte u.a., die Leute sollen doch ihre ausgeliehenen Bücher zurückgeben können (was zudem seit Jahren bereits kontaktlos geht). Außerdem müssten dann auch die privaten Buchläden dichtgemacht werden.
Am Ende beschloss der Senat: Die Bibliotheken bleiben offen, stellen den Betrieb allerdings um auf Online-Bestellung und Abholung am Tresen. Doch am Freitag erklärten 11 von 12 Bezirken: Das ist organisatorisch und personell nicht zu schaffen – und deshalb bleiben die Bibliotheken jetzt doch geschlossen, und zwar von heute an. Aufrechterhalten wird an einigen Standorten nur ein Notbetrieb, z.B. für Schülerinnen und Schüler.
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Nur 50 Minuten vom Ku'damm entfernt errichtet die Berliner Artprojekt-Gruppe nach den Plänen von Stararchitekt David Chipperfield in einer idyllischen Bucht am Scharmützelsee ein exklusives Wohn-Ensemble mit Privatpark, Spa und Seelage. Im Rahmen des Masterplans sind zudem ein Strandbad und eine Marina vorgesehen.
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Einen erschütternden Beitrag zum Stillstand der Dinge erstellte gestern die Schulleiterin des Werner-von-Siemens-Gymnasiums per dreiseitigem Verfahrensbrief an das Kollegium und die Eltern (ohne Abi kaum zu verstehen, und mit erst recht nicht). Fazit: Das verwendete Wort „Schulorganisation“ ist dort ein Euphemismus der Extraklasse. Im 12. Jahrgang entscheiden Schüler- und LehrerInnen per Mehrheitsabstimmung über Präsenzunterricht, dann gibt’s aber „Einschränkungen beim saLzH“ (schulisch angeleiteten Lernen zu Hause), weil die Lehrkräfte ja „erst noch den Heimweg bewältigen müssen“. Der „Wandertag“ wird vorverlegt auf den 9.2. und umfunktioniert zu einem Zeugnisabholungsevent. Weitere Hinweise:
„Da der Senat die Kolleginnen und Kollegen noch nicht mit Dienstgeräten ausgestattet hat, kann es keine Verpflichtung zur Nutzung von privater Technik geben.“
„Bezogen auf die Arbeit mit der Technik in der Schule ist weiterhin anzumerken, dass insbesondere die aktuelle Internet-Anbindung der Schule, die das Bezirksamt bislang nicht in besserer Ausstattung genehmigt hat, ebenfalls zu erheblichen Einschränkungen beiträgt.“
„Wie jeder Unterrichtsinhalt und jede Unterrichtsform im regulären Unterricht ist auch das Durchführen einer Videokonferenz eine Entscheidung jedes einzelnen Kollegen und jeder einzelnen Kollegin.“
Es kommentiert Ilja Richter: „Licht aus – Spott an.“
Mehrere Hilferufe erreichten die Checkpoint-Redaktion von Schüler:innen an Oberstufenzentren (OSZ): Trotz aller faktischen Einschränkungen und Abstandsaufrufe wurden die Jugendlichen schriftlich und mündlich aufgefordert, ihre Praktika zu absolvieren – andernfalls, so wird ihnen gedroht, könnten sie ihren Abschluss vergessen. Eine absurde Vorstellung: Kitas sind geschlossen, in Pflegeheimen wird Besuch untersagt, Handwerksbetriebe, Banken und Versicherungen schränken drastisch den Kundenverkehr ein – aber die Schüler:innen sollen genau dort arbeiten gehen? Das ist lebensfremd, gefährlich und verantwortungslos.
Ein kleiner Blick zurück auf die Zeit, als die Welt noch eine andere war (in Ordnung war sie auch da nicht) – hier die offizielle Liste der Ziele von Ausflügen und Klassenreisen der Spandauer Schulen im Jahr 2019, sortiert nach den Angaben des Bezirksamts (insgesamt waren es 384, davon 82 per Flugzeug):
Hoher Fläming, Wandlitz, Schloss Altenhausen, Beelitz, Cuxhaven, Güstrow, Zinnowitz, Prerow, Sylt, Föhr, Eberswalde, Blankenburg, Naumburg, Heidesee, Malchow, Stecklenburg, Österreich, Reetz, Wangerland, Kühlungsborn, Tirol, Thale, Trebendorf, Boitzenburger Land, Ueckermünde, Schönwalde Glien, Trassenheide, Werbellinsee, Groß Köris, Kausnick, Bayern, Warnemünde, Blossin, Oberhof, Schloss Gadow, Greifswald, Falkensee, Paris, Edinburgh, Milow, Lübben, Spanien, Großbritannien, Rügen, Hamburg, London, Italien, Pelzkuhl, Barcelona, Budapest, Brandenburg, Tirol, Wolgast, Pepelow, Südtirol, Malaga, Griechenland, Amsterdam, Krakau, Bath, Brüssel, Nizza, Neuwied, Binz, Spanien, Sächsische Schweiz, Polen, Dranske, Rom, Italien, Braunlage, Kroatien, Stralsund, Heide, Schwanwerder, Genf, Hohegeiß, Bremerhaven, Köln, Frankreich, Lübstorf, Trier, Blossin, Ungarn, Schlaubetal, Hodenhagen, Bonn, Gnewikow, Irland, Prag, Dänemark, Weimar, Magdeburg.
Ach ja, fast vergessen: 17mal lautete das Reiseziel „Berlin“ – da kommt man ja glatt ins Träumen…
Telegramm
Die Zahl der Neuinfektionen sinkt in Berlin, die Zahl der Toten steigt: Das aktuelle Geschehen können Sie hier in unserem Live-Blog verfolgen.
Am Sonntag tritt die neue Corona-Verordnung für Berlin in Kraft – was noch erlaubt ist und was nicht, steht hier.
Die Senatskanzlei setzt auf antizyklisches Denken: Kaum war die Verschärfung der Maßnahmen beschlossen, wurden die Verwaltungen aufgefordert, Eröffnungsszenarien vorzubereiten.
Der neue James Bond wird schon wieder verschoben: „Keine Zeit zu Sterben“ soll diesmal im Oktober 2021 starten (ursprünglich war April 2020 vorgesehen). Ob das jetzt ein gutes Omen ist oder ein schlechtes, müssen Sie bitte selbst entscheiden.
Hm, ist die Luftmesskiste auf der Leipziger Straße wirklich weg – oder habe ich sie durch die Dieselschwaden vergangene Nacht einfach nur nicht gesehen? (Versuchen wir mal aufzulösen bis Montag).
Gegen das BBV-Mitglied der Linken Lichtenberg, dessen PCR-Testergebnis (positiv) mitten in die Sitzung platzte (und diese daraufhin platzen ließ) hat das Bezirksamt ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren eingeleitet – er hielt sich für die vorgeschriebene Quarantäne wohl zu wichtig.
Das „Nobelhart & Schmutzig“ kommt am 2.2. zurück – und verschickt fertige Menüs mit allen Zutaten inkl. Olivenölfläschchen per DHL-Express – aufkochen müssen sie das Ganze aber natürlich noch selbst.
Zweimal Berliner Zeitgeschichte zum Anfassen:
+ Melissa Eddy, Berlin-Korrespondentin der New York Times, twitterte gestern das Bild eines weißen Kastenwagens und schrieb dazu: „A true Berlin experience: When the ‚Kampfmittelräumdienst‘ shows up to remove a British WW2 bomb that’s been chillin’ in your courtyard for the past seven decades.“
+ Die WBM schreibt einen Generalübernehmerauftrag für zwei Wohnungsneubauten in der Bernauer Straße 26/34 – Auszug: „Es ist davon auszugehen, dass sich bei bauseitigen Bodeneingriffen Überreste von Fluchttunneln, Höckersperren oder Luftschutzanlagen befinden können. Die möglichen Bodenzeugnisse sind freizulegen und durch den AG-seitig gestellten Archäologen zu dokumentieren und zu bergen.“
Die autofreie Friedrichstraße bekommt eine Verlängerung – sie darf ihre verkehrsmittelunabhängige Tristesse jetzt bis zum Oktober als „Modell“ zur Schau stellen.
Dazu passend teilt die infraVelo GmbH in einem Fahrrad-Ausschreibungstext mit: „Die GmbH ist ein Arm der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.“ Komisch – bisher dachten wir immer, sie ist ein Bein der Verkehrsverwaltung und steht damit fest auf dem Pedal. Oder ist die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz etwa kopflos geworden?
Freunde der „Rigaer 94“ wollten am Freitag Baustadtrat Florian Schmidt (eigentlich ja auch ein Freund der „Rigaer 94“) in seinem Büro besuchen – schließlich könnte er „Verantwortlicher eines in Kürze erwarteten Angriffs auf unser Haus sein“, schrieben sie anschließend bei Twitter. Weil Schmidt nicht da war, haben sie ersatzweise sein Vorzimmer „dekoriert“ (Selbstbezichtigung). Ob sie auf dem Weg auch gleich noch das Büro der Grünen-Abgeordneten Antje Kapek demolierten oder ob es jemand anderes war, muss die Polizei jetzt aus den Scherben lesen.
Doppelt doof stellten sich die Trickdiebe an, die an einem Tag an zwei Stellen in der Stadt ausgerechnet Zivilpolizisten zu bestehlen versuchten – und dann auch noch um sich schlugen. Vor Gericht gibt das einen Nachschlag.
Frage des fraktionslosen Abgeordneten Marcel „Lunte“ Luthe: „Stimmt der Senat mit dem Sozialdemokraten Kurt Schumacher – und neben vielen anderen dem Unterzeichner – überein, dass Kommunisten ‚rot lackierte Faschisten‘ und eine ‚rotlackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten‘ sind?“ Antwort von Staatssekretär Torsten Akmann: „Historische Aussagen von Vertretern einzelner Parteien werden durch den Senat nicht bewertet.“
Sehr ausführlich hat der Pressesprecher der Polizei Thilo Cablitz unsere Fragen nach dem Homeoffice der Behörde beantwortet – Quintessenz:
+ Eine Abwesenheitsquote von bis zu 35 Prozent wurde erreicht.
+ Die Infektions- und Quarantänezahlen konnten seit November 2020 um in etwa 50 Prozent reduziert werden.
+ Maßnahmen (u.a.): Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Reduzierung der Anwesenheit auch unter Zurückstellung von Aufgaben, Büro-Sharing, Plexiglasscheiben und Schutzmasken, mobile IT-Angebote, datenschutzkonforme Nutzung privater Endgeräte, temporäre Freigabe privater E-Mail-Adressen.
+ Aber: „Die Sicherheit der Menschen in der Hauptstadt lässt sich nicht aus dem Homeoffice gewährleisten.“
Übrigens: Wir haben oft geschrieben, wie lang die Wartezeiten unter der Nummer 110 sind. Gestern Nacht habe ich sie selbst mal gebraucht – das Ergebnis: Es dauerte nur Sekunden, bis die Leitung frei war, und nur wenige Minuten, bis ein Streifenwagen da war.
Gute Nachrichten für alle Pankower Checkpoint-Leser unter 12 Jahren: Die Stadt hat das Spielplatzgelände in der Lieselotte-Hermann-Straße enteignet – der Erwerber hatte den Mietvertrag zum 31.12.2020 gekündigt.
Ungewöhnliche Namen für Neugeborene (sehr praktisch auf Spielplätzen, damit sich nicht die Hälfte aller Kinder umdreht, wenn man sein eigenes anspricht) hatten wir hier ja schon öfter (Odysseas, Porsche-Cheyenne, Titan, Lagertha, Tinkabell) – jetzt kommt zur Abwechslung mal ein Kieferorthopäde dran: Die Delegierten der Zahnärztekammer haben auf Platz 2 der Fraktion Gesundheit Winnetou Kampmann gewählt. Bereits dessen Vater trug diesen Vornamen, und auch sein Sohn bekam ihn – tauschte ihn aber später wegen der ständigen Indianersprüche genervt in „Willy“ um. Es kommentiert Sam Hawkens: „Wenn ich mich nicht irre. Hihihihi.“
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wild geht es zu in der Hauptstadt-Kulturwelt. Wie jedes Jahr, konkurrieren auch in diesem Januar zahlreiche Festivals um die Publikumsgunst, sodass der völlige Rundumschlag eigentlich niemandem möglich ist. Nur dass heute niemand dafür den heimischen Ohrensessel verlassen muss, es ist schließlich immer noch Lockdown. Durchhaltevermögen ist angesagt, und dabei hilft der gute Wildsau Kaffee, den im Übrigen auch ein gewisses spazieraffines Sterne- (oder Sternchen-)Wildschwein empfiehlt.
Samstagmittag – Einen adäquaten Start bietet die Online-Ausstellung von Isa Melsheimer „False Ruins and Lost Innocence“ in der Galerie Esther Schipper. Je nach Koffein-Pegel kann man hier hektisch durchscrollen oder dem Auge eine gemütliche Wanderung durch Bilder und Texte gewähren – während der Körper alles, auch das Koffein, verarbeitet. Passenderweise beziehen sich die Arbeiten der Künstlerin unter anderem auf die aus Japan stammende Metabolistische Architektur der Nachkriegszeit, die genau den Kräfte-Austausch zwischen Innen und Außen, Organismus und Umwelt reflektiert, der sich hier auch im Ohrensessel ereignet.
Samstagabend – Was tun, wenn der Lockdown die Proben eines Theaterensembles jäh unterbricht, man die Aufführung aber nicht verschieben will und kann? Die Unterbrechung selbst zum Stoff machen natürlich, und damit jeden Klassiker direkt in die Gegenwart katapultieren. Besonders ein Klassiker bietet sich dafür sowieso an: Büchners Woyzeck handelt von der gewaltsamen Unterbrechung des Lebens einer Frau und liegt selbst nur fragmentiert vor, da vom Tod des Autors unterbrochen. Dieser Originalstoff findet in der Inszenierung von Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani Einzug in einen Haushalt im Lockdown, in dem ein Paar im Zustand unterbrochener Partnerschaft (Beziehungsstatus: kompliziert) mit sich und der Geschichte Büchners eingesperrt ist. Woyzeck Interrupted startet um 20 Uhr im Stream des Deutschen Theaters, enthält englische Untertitel und kostet 10 Euro.
Sonntagmorgen – Der kommende Mittwoch, der 27. Januar, ist Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Zum 76. Mal jährt sich dann die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Schon heute um 11 Uhr veranstaltet deshalb das Auschwitz-Komitee ein Konzert mit dem nicht nur für seine Beethoven-Einspielungen, sondern auch für seinen Einsatz gegen Rassismus und Judenfeindlichkeit ausgezeichneten Pianisten Igor Levit, der eine von Holocaust-Überlebenden erstellte Musikauswahl vorträgt.
Sonntagmittag – Die Salonmusik kommt vom Salon – und passt schon damit eigentlich ohne Weiteres in Zeiten intensiven Wohnens, in denen man das Haus nicht verlässt. Wer sich schon über die mangelnde Differenzierung zwischen Salon- und Hausmusik empört, bedenke, dass im Boulez-Saal gerade die Schubert-Woche endet, die das Publikum ausschließlich von zu Hause, beziehungsweise der eigenen Kammer aus, mitverfolgt hat. Womit man eigentlich auch noch von Kammermusik sprechen müsste, aber mit etwas Glück lesen hier keine spitzfindigen Musikwissenschaftler:innen mit. Eine ganze Woche voller Workshops zu und Aufführungen von Schubertliedern findet ihren Höhepunkt im heutigen Abschlusskonzert um 15 Uhr, sowie der finalen Darbietung der Sopranistin Katharina Konradi und dem Pianisten Eric Schneider um 20 Uhr. Alle Streams sind kostenfrei.
Sonntagabend – Wer nach dermaßen viel Romantik eine zeitgenössische Abkühlung braucht, bekommt sie beim Ultraschall-Festival, das ebenfalls heute zu Ende geht. Und das, im Gegensatz zu all den Streams, ganz klassisch im Radio erklingt, sodass man es sich beim Hören auch gut in der Badewanne oder im Ohrensessel in jeder beliebigen Yoga-Pose (un-)bequem machen kann. Der RBB Kultur überträgt ab 20 Uhr eine Aufzeichnung vom letzten Freitag aus dem Neuköllner Heimathafen. Auf der Bühne sind Trio Catch, gleich danach die Cellistin Séverine Ballon. Dass man das alles schon mal gehört habe, kann niemand behaupten, es gibt hier nämlich gleich vier Uraufführungen. Schließlich wohnt jedem Wochenende auch ein Anfang inne.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. In diesen Zeiten bleibt er jedoch lieber im heimischen Bau und kocht, aus Gründen der Selbsterhaltung, feine vegetarische Gerichte.
„Wir Ästheten haben es nicht leicht, schon im Allgemeinen nicht, und jetzt, als selbst die Flaneurie sich unangemessen anfühlt, erst recht nicht. Was tun, wenn wir nicht bekommen, was wir brauchen? Das Frustessen hat sich millionenfach bewährt. Die kulturelle Schockstarre schreit nach einem arty Schock, widmen wir uns heute also mal der Artischocke. Und lassen sie, weil es ein so treffendes Bild unserer Zeit ist, in die Röhre gucken. Es gibt also Cannelloni. Dazu müssen wir zunächst Artischockenherzen brechen, ja zu einer Füllpampe zerdrücken – auch das an Symbolkraft kaum zu schlagen – diese anschließend in die Röhrennudeln drücken, zusammen mit Hoffnung spendenden Walnüssen, Frischkäse, Basilikum und Zitronenzesten. Mit Käse bestreuen, in Soße legen, den Ofen vorheizen, Basilikum dazu, sie wissen schon. Details zu diesem vollkommen veganen Rezept finden Sie hier. Chantal, die Sau von nebenan, und ich, haben es ausprobiert – ein gustatorischer Spaziergang über innere Adriastrände, Urlab vom Selbst und im Abgang ein wenig Versöhnung mit der Welt.“
Leseempfehlungen
Seit der Empfang von Gästen keine Rolle mehr spielt und man selbst wegen Homeoffice und Lieferdiensten kaum mehr das Haus verlässt, wandert in zahlreichen Haushalten immer mehr im Weg stehender Krempel in den Eingangsbereich und verstärkt als immer unwegsamer werdende Berglandschaft die Abkoppelung von der Welt. Zeit, ein wenig über die Einrichtung des Flurs nachzudenken. Eben das hat Felix Denk (Abo) getan.
Das bisschen Schneeregen und Matsch, das dieser Winter bislang gebracht hat, hat bestenfalls Symbolkraft. Dass ein richtiger und richtig langer Winter aber noch kommen kann, haben wir einem Extremereignis in der Arktis zu verdanken, von dem man hier noch nichts spürt. Wie alles zusammenhängt erklärt Jan Kixmüller (Abo).
Vom guten alten Berlin als Partystadt sind wir langsam so weit entfernt, dass sich alles am Nachtleben nach dem Motto früher war alles besser verklären lässt. Das heißt aber nicht, dass alles vorbei ist – Süchte etwa orientieren sich bekanntlich nicht an Lockdowns und Abstandsregeln. Jana Weiss traf den Protagonisten ihrer Geschichte in den letzten Wochen vor Corona.
Wochenrätsel
Welches Verpflegungs-Duo geht in Berlin dieser Tage besonders häufig über den Verkaufstresen?
a) Kaffee & Kaffeevollautomaten
b) Bier & Heimbrausets
c) Hackepeter & Fleischwölfe
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Das BA Charlottenburg-Wilmersdorf hält die eigene Online-Kommunikation nicht mehr für zeitgemäß und hat deshalb einen Reformbeschluss gefasst – dazu folgende Mitteilung: „Ein Ausdruck in Papierform ist den Fraktionen inzwischen über das BVV-Büro zugeleitet worden.“ Tja, vielleicht hat in der Zwischenzeit ja dort aus Versehen jemand das Internet gelöscht.
Ich wünsche Ihnen einen guten Anschluss ans Wochenende! Mitrecherchiert hat heute wieder Thomas Lippold, produziert und verschickt hat den Checkpoint Florian Schwabe. Wir sehen uns am Montag wieder – bis dahin,