vorab eine kleine Warnung: In den nächsten Tagen werden Sie kaum durch die Stadt kommen können, ohne auf eine Demo zu stoßen - die Checkpoint-Vorschau weiter unten hat jedenfalls rekordverdächtige Länge. Nehmen Sie es als gutes Zeichen: Die offene Gesellschaft lebt fröhlich weiter.
Weniger gut gelaunt ist gerade die Bundes-SPD. Das liegt zum einen an Innenminister Seehofer, dem Vater (fast) aller Koalitionsprobleme, der die Migration für die Mutter aller anderen Probleme hält. Je näher die Bayernwahl rückt, desto stärker werden die Fliehkräfte – auch Michael Müller, Mitglied im SPD-Bundesvorstand, schloss sich den „wenn – dann“-Drohungen anderer Genossen an: Wenn Seehofer und Söder (der Berlin als „Resterampe“ gebasht hatte) „nicht ihrer politischen Verantwortung gewachsen sind, (…) dann sollen sie Platz machen.“ Könnte aber auch sein, dass die SPD dann genau in das Loch fällt, das die CSU reißt.
Und zum anderen? Ist die Bundes-SPD bis in die Parteispitze hinein gar nicht gut zu sprechen auf Michael Müller. Denn immer dann, wenn die Sozialdemokraten glauben, in der Flüchtlingsfrage eine halbwegs stabile Brücke zwischen Humanität und Realität aufgebaut zu haben, reißt sie wieder einer ein. Diesmal war es der Regierende Bürgermeister und Berliner Parteichef – sein SPD-Landesvorstand stellt sich gegen die Bundeslinie und lehnt Abschiebungen in die Maghreb-Staaten ab. Und wieder reden alle nur über die unklare Haltung der SPD in Flüchtlingsfragen. Rund ums Willy-Brandt-Haus gilt Müller ohnehin als führungsschwach, nicht mal gegen die Jusos könne er sich durchsetzen, ist zu hören – die hatten den Maghreb-Antrag eingebracht.
Und damit kommen wir zur Kunst:
Wer weiß, vielleicht werden am Ende fast alle vom Mauer-Kulturprojekt „DAU“ schwärmen, und wer nicht dabei war, wird sich grämen. „Berlin stand doch immer für den Mut, Außergewöhnliches zu riskieren“, sagt „Festspiele“-Intendant Thomas Oberender im Tagesspiegel-Interview mit Rüdiger Schaper, und: „Wir wollen herausfinden, wie weit man im Erkunden anderer Welten gehen kann.“ Beim Erkunden der Berliner Genehmigungsbehörden, auch eine Welt für sich, stößt DAU bisher an Grenzen.
Was DAU eigentlich ist, wissen aber nicht mal die Macher so richtig – im Jobportal des Deutschen Bühnenvereins, wo gendergerecht Mitarbeiter*innen gesucht werden, heißt es: „Seit Jahren arbeiten international renommierte Künstler*innen und Wissenschaftler*innen an dem Projekt, die auch hier in Berlin zu Gast sein werden. Durch diese prozessuale Ko-Kreation verschiedener Autor*innen, wird sich die genaue Charakteristik des Projektes erst im Machen ergeben.“ Beim Casting einen Monat vor dem geplanten Mauerbau ist der öffentlichkeitsscheue Regisseur selbst im Einsatz, aber es gibt keine konkreten Aussagen, wederzur Position, zum Aufgabenfeld, zu Arbeitszeiten oder zur Entlohnung.
Dafür aber ist im Antrag des Projekts die genaue Rolle der Künstlerin Marina Abramovic beschrieben: Sie soll eine „Reinigungsperformance“ zeigen, vielleicht nicht die schlechteste Idee für Berlin. Zumal ein anderes Antragsversprechen (Stand: 13. August 2018) zu Staub zerfällt, wenn man daran rührt – auf Seite 30 heißt es: „Die erforderliche Abfallentsorgung wird gewährleistet. Für eine entsprechende Anzahl an Mülleimern wird gesorgt. Zu diesem Zweck gibt es eine Kooperation mit den Berliner Abfallwirtschaftsunternehmen (BSR).“ Also, mit der genannten BSR gibt es keine Kooperation, sagt die BSR – DAU hat dort nicht mal angefragt.
Hat DAU denn wenigsten in Paris und London angefragt? Das Projekt ist ja in drei Etappen geplant, was Monika Grütters dann auch zum Jubilieren brachte („Weltereignis!“). In Paris, wo es im November nach dem Berliner Auftakt („Freiheit“) unter dem Motto „Brüderlichkeit“ weitergehen soll, ist davon nichts bekannt. Und die wenigen französischen Beiträge, in denen DAU erwähnt wird (France TV, nouvelobs.com, huffingtompost.fr), beziehen sich alle auf Artikel im „Tagesspiegel“. Sollte es dennoch dazu kommen: Alles andere als die Wiedererrichtung der Monarchie mit anschließendem Sturm auf die Bastille wäre eine grobe Enttäuschung.
Elf quälend lange Monate dauerte es, bis das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg den Antrag auf Unterhaltsvorschuss einer alleinerziehenden Mutter endlich bearbeitet hatte – ihr Partner, Vater der zwei Kinder, war im vergangenen Jahr gestorben. Doch jetzt, schon zehn Wochen nach der Bewilligung, fordert das offenbar vom Aktenzusammenbruch genesene Amt eine Aktualisierung der Auskünfte - zur Prüfung, „ob die Anspruchsvoraussetzungen noch gegeben sind“. Auch ein telefonischer Hinweis auf die bereits nachgewiesenen Umstände änderte nichts: „Sie sind verpflichtet, mir diese Angaben zu machen, auch wenn sich keine Veränderung ergeben hat“ – bei Verweigerung würden die Leistungen eingestellt. Zack. Anmerkung: Aus Kenntnis des Falls kann ich hiermit bestätigen: Eine irdische Wiederauferstehung des Vaters hat bisher leider nicht stattgefunden.
Ok, es gibt eine Zugabe zur Meldung: Auf die Frage, warum bereits 10 Wochen nach Bewilligung eine Aktualisierung der Angaben nötig ist, lautet die Antwort: Weil der Antrag schon so alt ist. Wird unter „Realsatire“ abgeheftet.
Neueste Nachrichten aus der Welthauptstadt der Digitalisierung: Mails an die Verkehrslenkung (Berlins beliebteste Behörde) können Sie sich sparen – als Antwort kommt zurück: „Das Postfach des Empfängers ist voll und kann zurzeit keine Nachrichten annehmen. Versuchen Sie, die Nachricht später erneut zu senden, oder wenden Sie sich direkt an den Empfänger.“ Auch Mario Czaja, der sich wegen der Vollsperrung Kaulsdorfer Straße an die Behörde wandte, bekam jetzt eine solche Meldung zurück - „Betreff: Unzustellbar“. Demnächst in diesem Theater: Die Verkehrslenkung vermeldet stolz den Rückgang zugestellter Beschwerden. So geht’s natürlich auch.
Doppelte Premiere: Heute Abend bringen wir beim Creative Bureaucracy Festival zum ersten Mal den Checkpoint live auf die Bühne – bei der „Amt, aber glücklich“-Party. Wir freuen uns auf 100 Dinge, die in Berlin funktionieren, auf Bürgermeisterin Monika Herrmann, Harald Martenstein und Bäderchef Andreas Scholz-Fleischmann, auf den legendären Berlin-Reporter Ulli Zelle und unsere Comic-Künstlerin Naomi Fearn, die beide auch feine Musiker sind. Außerdem im Programm: Die erste öffentliche Partie unseres Betriebsstörungsbingos und die Uraufführung der Atonal-Komposition „S-Bahn“ von Checkpoint-Musikdirektor Thomas Wochnik. Und wenn die Nacht rum ist, wartet am Sonnabend schon die nächste Neuigkeit: ein Sonder-Checkpoint von Laura Hofmann mit den schönsten Momenten des Abends und den wichtigsten Meldungen des Morgens. Team Checkpoint freut sich auf Sie!
Berliner Schnuppen
Telegramm
Justizsprecher Sebastian Brux war gestern nicht ganz zufrieden mit der Meldung zum Jugendarrest („Würfeln Sie heute Ihre Fakten?“). Also versuchen wir’s nochmal zu sortieren: 1) Der Jugendarrest wird vom 9. bis 24.9. ausgesetzt und nimmt „Arrestanten“ ab 24.9. wieder auf. 2) Die Polizei bringt von heute an bis zum 1. Oktober keine jugendlichen Straftäter in den Arrest, gegen die ein Vorführungsbefehl vorliegt. Soweit ok? Bei der Ursache dafür aber bleibt’s: Die alte Jugendarrestanstalt wird für Terrorverdächtige gebraucht, und die neue ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Alles andere wäre ja auch eine Überraschung gewesen.
Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke meldete sich ebenfalls dazu, sein Kommentar: „Angehende Intensivtäter sollten sich ganz genau überlegen, ob die ihre Karriere in Neukölln starten wollen. Wir haben als einziger Berliner Bezirk eine behördenübergreifende Kooperation, um gezielt gegen diese Täter vorzugehen. Da verstehen wir keinen Spaß.“
Nur mal ein kleiner Hinweis darauf, mit was es das Parlament seit dem Einzug der AfD so zu tun hat – der Abgeordnete Gunnar Lindemann hält die rechtsradikalen Übergriffe von Chemnitz für eine Inszenierung: „Das waren von den GEZ-Medien bezahlte Statisten“. Da müssen wir durch – ob mit oder ohne Aluhut.
Nach dem Eklat in der BVV Neukölln (CP von gestern) hat Vorsteher Lars Oeverdieck eine super Idee: Um der fraktionslosen AfD-Verordneten Anne Zielisch die ihr unerträgliche Anwesenheit von Reportern künftig zu ersparen, will er sie versetzen – von ganz rechts vor der Pressebank nach ganz links. Politisch kennt sie sich dort aus – früher stand sie der Linkspartei nah.
Überall in Berlin treffen sich heute und morgen engagierte Menschen, um bei den Freiwilligentagen „Gemeinsame Sache“ zu machen: Sie wollen die Stadt aufräumen, pflegen, verschönern – der Tagesspiegel ist natürlich auch dabei. Wenn Sie sich anschließen wollen: Alle Aktionen stehen unter www.gemeinsamesache.de.
Einen anständigen Listenplatz hatte die Linke ihrer Abgeordneten Jutta Matuschek nach 21 Jahren im Parlament nicht mehr angeboten, trotz ihrer sehr guten Arbeit im BER-Untersuchungsausschuss. Aber sie war bereit, zu gehen – „reichlich desillusioniert“. Jetzt meldet sie sich zurück: als Mitarbeiterin von „Visit Berlin“, wo sie im Team Bezirke einem Bürgerbeirat für Tourismusfragen auf die Bühne helfen will.
Neuer Job für Ralf Kunkel: Der Ex-Kommunikationschef der Flughafengesellschaft und später von Airberlin wird zum 1. Oktober 2018 Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Bernstein Communications. Der Checkpoint wünscht viel Erfolg und einen guten Flug – ohne Nichteröffnungs- oder Insolvenznachrichten.
Hoch die Tassen - die Bundestagskantine schafft die Pappbecher ab: „Diese werden nur noch für eine kurze Übergangszeit angeboten“, heißt es in der Hausmitteilung 234/2018 - die Pächter (Käfer und Dussmann) bieten stattdessen ab sofort „To-go-Mehrwegbecher“ an.
Gestern Abend beim AWO-Jahresempfang: Professor Stefan Sell warnt vor den Folgen des Berliner Fachkräftemangels (lt. IHK fehlen z.Zt. 121.000). Sein Rat: Alles auf die Bildung setzen – die Zustände an den Berliner Schulen hält er für verheerend. Beifall der Gäste, darunter SPD-Fraktionschef Raed Saleh, Linken-Parteichefin Katina Schubert und Grünen-Justizsenator Dirk Behrendt. Vielleicht hilft’s ja.
Falls Sie sich noch mal über die teilgesperrte Elsenbrücke stauen wollen, machen Sie‘s bald – das marode Bauwerk (2008 für 4 Mio saniert) wird vermutlich bald abgerissen.
Die Einheits-Wippe kippt wieder in die andere Richtung – anstatt jetzt Tempo zu machen, wie Monika Grütters fordert, lehnt SPD-Chefhaushälter Johannes Kahrs die Freigabe der Mittel bei einer Sondersitzung am 11. September ab.
San Francisco hat jetzt im Szeneviertel Castro ein „Mauerpark“-Café - Salome Buelow erzählt im „Leute“-Newsletter von Christian Hönicke, wie es dazu kam.
Funfact aus dem „Zeit“-Magazin: In der Hundehauptstadt Berlin wurden erstmals die Rassen Teckel (1888), Deutsche Dogge (17. Jhd.) und Deutschkurzhaar (1897) gezüchtet. Die Folgen sind noch heute zu spüren (Schnapp!).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich gehe davon aus, dass diese Baustelle langsam einschlafen wird.“
Der Ingenieur und BER-Kritiker Dieter Faulenbach im BR-Interview über das Schicksal unseres Lieblingsflughafens zwölf Jahre nach dem Baubeginn.
Tweet des Tages
„Hier ist eine Klassenfahrt mit mir in der Tram und weiß nicht, wo es heute hingeht. ‚Irgendsone Gedenkstätte‘ scheint aber Konsens. Aktuell vermuten sie Checkpoint Charlie. Die Tram fährt derweil Richtung Prenzlauer Berg.“
Stadtleben
Leberkäs gibt es nicht nur beim legendären Pepi in Linz, nein – auch in der Bergmannstraße 26 bekommt man urleiwande Papperl. Bei Felix Austria, dem Selbstverständnis nach ein kleines Caféhaus mit Feinkostgeschäft und Cateringservice, gibt es außerdem Kässpätzle (Bio-Ei), Bergkäs, Schmelzzwiebeln und Salat für 12,90 Euro, Rindsgulasch mit Semmelknödel und Gewürzgurke für 14,90 oder natürlich das standesgemäße Wiener Schnitzel(14,90 Euro vom Schwein, 18,90 Euro vom Kalb) mit Erdäpfeln und Gurkensalat. Zum Dessert, neben diversen Kuchen und Torten mit Schlagobers für 3,90 Euro sind vor allem die Marillentopfenknödel mit süßen Bröseln zu 6,50 Euro zu empfehlen. Darauf einen Almdudler. Mo-Sa 9-24 Uhr, So 10-24 Uhr. U-Bhf Gneisenaustraße
Trinken Bodennah (pf-)erdig ist das Horse. Durchaus zügellos kann es in der kleinen Bar zugehen, wenn die Belegschaft sich und das Mixbesteck zu türkischem Dark-Wave bewegt. Crazy Horse nennen es Stammgäste mitunter mit liebevollem Unterton – und ja, auch Neil Young würde sich hier vermutlich wohl fühlen. Rauch, abgebröckelter Putz, nasses Holz, der ganze Laden erinnert an eine von Tourstrapazen gezeichnete Les Paul aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Allerstraße 3, Mo-Do 19-1 Uhr, Fr-Sa 20-4 Uhr. U-Bhf Leinestraße
Selbstgemachte Geschenke, heißt es immer, seien die Schönsten. Stimmt nicht unbedingt, sie sind nur die Persönlichsten. Und Riskantesten. Sie geben nämlich allzu oft Auskunft über die ganz persönlichen handwerklichen Fertigkeiten ihrer Macher. Vom Nutzwert mal ganz zu schweigen, der ja nur bei wirklich funktionierenden Dingen gegeben ist. Geschenkt. Statt Selbstgemachtes zu verschenken, verschenken wir lieber Werkzeug. Zum Selbermachen, beispielsweise von Geschenken. Bei Holzapfel gibt es Holzbearbeitungswerkzeug, nach dem man im Baumarkt lange und vergeblich suchen könnte. Japanische Stähle und Klingen aus blauem Papierstahl, handgehämmerte Zugsägen, mehrlagige Stemmeisen und passendes Schärfwerkzeug. Hochwertige Küchenmesser und andere Kochutensilien gibt es hier auch. Natürlich, ganz risikofrei ist auch das nicht: der Impuls könnte zu selbstgemachten Gegengeschenken provozieren. Wenn die dann nicht richtig funktionieren, wird es am Werkzeug nicht gelegen haben. Es gibt zwei Filialen: Knaackstraße 20 und Bergmannstraße 25. Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr