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Müller sollte Schule zur Chefsache machenBerlin wandert nach SüdenDer Senat ist am Personalmangel selbst schuld

Michael Müller kann stolz sein auf die prosperierende Wissenschaftslandschaft. Berlin ist attraktiv für Forscherinnen und Forscher, für Lehrende und Lernende. Die Universitäten gehören zur nationalen Spitzenklasse, und in dieser Disziplin spielt der Regierende Bürgermeister in Personalunion als Senator oben mit: Er holte die Wissenschaft in die Senatskanzlei und Steffen Krach an seine Seite – der Staatssekretär, längst selbst ministrabel, hält Müller unauffällig und effektiv den Rücken frei. Im Penthouse der Berliner Politik sind die Aussichten prächtig.

Eine Etage tiefer haust das Berliner Bildungsprekariat. Die Aussichten zu Beginn des neuen Schuljahrs: trübe. Es gibt Schimmel statt Schampus, traurige Gestalten schleppen in alten Tornistern die Probleme von gestern wie einen Plumpsack im Kreis herum, und in der Mitte: immer ein faules Ei. Nicht einmal die Hälfte der Grundschüler erfüllt die Erwartungen in den Fächern Deutsch und Mathe.

Als hätten Hochschule und Schule nichts miteinander zu tun, hat die Feiergesellschaft die Leiter nach oben gezogen und hungert sich so irgendwann selbst aus. Denn die Schülerinnen und Schüler von heute sind die Studierenden von morgen – oder eben auch nicht.

Im Tagesspiegel hat Sebastian Turner den Regierenden Bürgermeister aufgefordert, die Schule zur Chefsache zu erklären.

Telegramm

Schule I: Fünf Tage vor Schulbeginn wird u.a. den Eltern der maroden Grundschule am Weißensee mitgeteilt, dass der Busshuttle zum Ausweichstandort (23 Minuten Fußweg) ab sofort entfällt. Bildungsstadtrat Torsten Kühne sagt, er warte auf ein angekündigtes Rundschreiben der Finanzverwaltung, das die Beförderung grundsätzlich regelt – und zwar seit April.
 
Schule II: Die Zahl der Quereinsteiger an den Brennpunktschulen bleibt hoch (bis zu 30 %, CP von gestern) – zwei von ihnen haben uns von ihren Erfahrungen berichtet. A: „Ich freue mich auf jeden Tag.“ B: „Es ist wie ein Schlag ins Gesicht.“ Hier kann man offenbar fürs Leben lernen. (Ausführlich heute im Tagesspiegel auf den Seiten „Mehr Berlin“)

Klima I: 90 Prozent der Berliner Wohnungsunternehmen wollen wegen des Mietendeckels ihre Investitionen drastisch zurückfahren – auch solche, die den Energieverbrauch senken würden (und das hat sich der Senat zum Ziel gesetzt). Der Häuserkampf geht also in die nächste Runde.

Klima II: DieGrünen haben einen Klimaschutzpakt beschlossen (u.a. mit City-Maut und Fahrverbot für alle Autos mit Verbrennungsmotor, Einzelheiten hier) – bei der Fraktionsklausur in Prag berichtete Fritz A. Reusswig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung u.a., dass Berlin klimatisch jedes Jahr 20 Kilometer nach Süden wandert und im Jahr 2100 in Toulouse angekommen ist. Da müssen Sie also z.B. schon gar nicht mehr hinfliegen, wenn sie ein bisschen Geduld haben.

Klima III: Mehr als fünf Millionen Passagiere haben während der Sommerferien in TXL und SXF gegen die Flugscham demonstriert – das ist neuer Rekord.

Klima IV: Skandal - die „Bild-Zeitung“ meldet: „Klimawandel? Eisberg erschlägt deutsche Urlauber!“ Also bei allem Verständnis: Das geht zu weit.

Innensenator Andreas Geisel verfolgt eine ganz heiße Spur: Brennende Autos in der ganzen Stadt könnten sowohl „für wenige Täter“ sprechen als auch „für eine ganze Reihe von Tätern“ (Q: rbb). Dazu auch der Blick auf den Wetterbericht: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt, wie es ist.“

Das Zweckentfremdungsverbot kann umbenannt werden in Zwecklosverbot:Nur 15 Prozent der bei Airbnb gelisteten Wohnung haben eine Registriernummer (Q: rbb24 mit insideairbnb.com).

CDU-Fraktionschef Burkard Dregger trägt mal wieder Hoheitszeichen – diesmal aber ganz korrekt als Leutnant der Reserve bei einer Katastrophenschutzübung in der Julius-Leber-Kaserne (hier zu sehen beim After-Work-Kaffeetrinken im Hotel One Upper West). Wer weiß, vielleicht kann er das Gelernte auch im Umgang mit der eigenen Truppe ganz gut gebrauchen.

Warum sich unsere schöne Stadt den Titel „Bad Berlin“ verdient hat (und wie die BVG das unterstützt), sehen Sie hier.

Korrektur (I) zu „Berliner Gesellschaft“ - Ursula Karusseit ist am 1. Februar 2019 verstorben. Wir hatten Sie versehentlich weiter in unserer Geburtstagsliste geführt.

Korrektur (II) zu „Verkehr“ – Am „Zuspätkommtag“ hatten wir hier am 30.7. Ihre Ausreden fürs Zuspätkommen gesammelt – eine der besten war „Aus Versehen in die Karl-Marx-Allee statt in die Karl-Marx-Straße gefahren.“ Das hat uns so begeistert, dass wir gestern aus Versehen die Karl-Marx-Allee nach Neukölln verlegt haben – dort erkämpft aber weiterhin die Karl-Marx-Straße ihr Menschenrecht.

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Carsten Köppl, Inhaber und Geschäftsführer der Agentur "Next:Public", berät die öffentliche Hand in Sachen Personalmanagement. Foto: Next:Public GmbH
 

Berlin hat einen massiven Personalnotstand. Lässt sich der öffentliche Dienst noch retten?

Ja, natürlich. Berlin hat sich in den letzten Jahren einen relativ schlechten Ruf erarbeitet. Klaus Wowereit hatte im Grunde kein Interesse am öffentlichen Dienst. Das hat er mit seiner Politik gezeigt. Das Land hat sich aus der Tarifgemeinschaft verabschiedet und es sich zum Ziel gesetzt, die Mitarbeiterzahl auf 100.000 zu reduzieren. Es gab keine Neueinstellungen, der Personalkörper wurde über Jahre kaputtgespart. Die Qualität der Leistung hat entsprechend gelitten. Seit ein, zwei Jahren macht das Land wieder die richtigen Schritte, um die Situation zu verbessern.

Und zwar?

Das „100.000“ Ziel wurde beiseitegelegt, deutlich mehr Einstellungen wurden vorgenommen und Gehälter angeglichen – wenn auch nicht ausreichend.  

Was muss Berlin Ihrer Meinung nach tun, um das Problem zu lösen?

Der öffentliche Dienst muss insgesamt flexibler werden und in der Lage sein auf Mangelsituationen zu reagieren: mit höheren Gehältern, mehr Urlaubstagen oder Bonuszahlungen. Im Gegensatz zur Privatwirtschaft sind die Benefits viel zu starr. Von Kampagnen halte ich nur dann viel, wenn der Arbeitgeber seine Versprechen im Alltag auch umsetzt. Ein gutes Image nutzt nichts, wenn die Strukturen veraltet sind und Berlin ist de facto noch kein moderner Arbeitgeber. Es braucht dringend eine moderne IT-Infrastruktur und mehr Flexibilität. Junge Leute wollen heutzutage eigenverantwortlich und agil arbeiten, wollen Dinge ausprobieren – gerne auch im Team. Im öffentlichen Dienst gibt’s noch immer sehr starre Hierarchien. Da denkt man sich was aus, muss es mit fünf bis sechs Vorgesetzten absprechen und kann es am Ende eh nicht machen.

Sprich: Es liegt allein an den Behörden, dass sie kein Personal finden?

Wir haben sicherlich Bereiche im öffentlichen Dienst, in denen es nicht ausreichend qualifiziertes Personal gibt. Dazu gehören Lehrer, Erzieher und Altenpfleger. Aber in der Masse muss man sagen, dass die Arbeitsbedingung einfach zu unattraktiv sind – und das fängt schon bei der Stellenausschreibung an. Nicht selten dauert ein Bewerbungsverfahren acht Monate. Die Bewerber haben dann längst einen Job und sind erschrocken, dass sich überhaupt noch jemand bei ihnen meldet. Die Prozesse wurden nicht an die angespannte Situation angepasst. Deshalb ist der Senat am Personalmangel auch selbst schuld. Die müssen ihre Hausaufgaben machen und die Arbeitskultur ändern.

Klingt nach einer Mammutaufgabe.

Das ist fast eine mathematische Aufgabe. Das Durchschnittsalter ist im öffentlichen Dienst relativ hoch. In 10 bis 15 Jahren wird vermutlich die Hälfte aller Verwaltungsmitarbeiter in Rente gehen. Allein aufgrund des demografischen Faktors kommen also neue Leute dazu. Dann muss darauf geachtet werden, dass die Jungen nicht von Anfang an „alt“ sozialisiert werden. Dass sie nicht zu viel von ihren Vorgängern übernehmen und sich stattdessen die Freiräume aufbauen, die eine komplexe Welt erfordert. Das ist alternativlos.

Und würde sicher auch Berlin schneller voranbringen.

Auf jeden Fall. Wir haben es hier mit einer Welt zu tun, in der alles mit allem zusammenhängt. Wenn die Verwaltung trotzdem so geführt wird, als könnte ein Staatssekretär allein bestimmen, funktioniert das nicht. Es braucht unterschiedliche Kompetenzen, eine ergebnisoffene Arbeitskultur und die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Abteilungen, um mit den Megatrends wie Mobilitätswende und Digitalisierung klarzukommen.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Spiegelneuronen sind die biologische Grundlage der Empathie. Eben dank der Fähigkeit, mit anderen Menschen (Tieren, Dingen, Neuronen) zu fühlen, dürfte der Kaffee in der Tapiocaria heute besonders gut schmecken, denn das Restaurant-Team nimmt nach ganzen vier Monaten Renovierungsarbeit endlich den Betrieb auf. Dabei ist der Kaffee gar nicht die Spezialität des Hauses. Das sind nämlich sogenannte Tapiokas: verschieden gefüllte (auch vegane) Fladenbrote aus Maniokwurzel, die hier nicht nur der brasilianischen Tradition sondern auch einer Menge Erfahrung entspringen. Das Geschäft gibt es schließlich schon länger, bislang aber lediglich als mobilen Markstand und Catering-Service. Ab 10 Uhr kann man sich beim Beäugen der Sesshaftwerdung in der Samariterstraße 34A mitfreuen.

Samstagmittag – Apropos Mitgefühl: Es kann ja Menschen antreiben, die Welt zu verändern. Wer sich dazu künstlerischer Mittel bedienen möchte, aber nicht recht weiß, wie man große Ideen praktisch umsetzt, melde sich zum zweitägigen Workshop-Seminar in der Art Grant Clinic. Hier soll erlernt werden, wie man Kunstprojekte angeht, koordiniert und finanziert, womit man anfängt und wie man sie am Laufen hält. Ab 11 Uhr im Lacuna Lab, Paul-Lincke-Ufer 44A. 115 Euro/ Tag, 220 Euro/ 2 Tage. Was die Spiegelneuronen so alles hervorbringen können, wenn man sie sich entfalten lässt, zeigt zum Beispiel das Haus am Lützowplatz in einer Kuratorenführung mit Lydia Korndörfer (15 Uhr). Die multimediale Ausstellung befasst sich mit der anstehenden Besiedlung des Mars und ist durchaus von Mitgefühl durchzogen – mit dem Mars, auf den der Mensch losgelassen wird, wie auch mit dessen Heimatplaneten Erde.

Samstagabend – Wer hier schon zynisch erfreut die Alarmglocken läuten hört, wird sich zum Tagesabschluss sicher beim „A L‘Arme“ (Frz. „zur Waffe“, womit die Alarm-Etymologie geklärt wäre) gut aufgehoben fühlen. Es ist nämlich der dritte und letzte Tag des Festivals, das zeigt, was international in Sachen Avantgarde-Jazz und Experimentalmusik gerade so los ist. Auf der Bühne etwa Irreversible Entanglements – „Unumkehrbare Verflechtungen“, gegründet aus Mitgefühl mit dem in New York erschossenen Akai Gurley. Die hochpolitischen Texte gepaart mit einer Musik, die längst vom Wire Magazine gewürdigt wurde und vom Sound manchmal ans Art Ensemble of Chicago erinnert, dürfte in allen Neuronennetzwerken bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht minder gilt das für Colin Stetson, dessen Wunderlunge Dinge mit seinem Basssaxophon anstellen kann, die ihm niemand so leicht nachmacht.

Sonntagmorgen – Angesichts des Ernstes der Lage – irgendwas ist schließlich immer – überspringen wir etwaige Frühstücksbedürfnisse und begeben uns direkt zum Moabiter Gütermarkt. Der wird nämlich gerade 40. Auch wenn hier nicht in Jahren, sondern Ausgaben gerechnet wird, steht die drängende Frage im Raum, ob eine Midlife Crisis angebracht wäre. Eben die wird beim Live-Radio-Stream verhandelt, der mitten vom Marktgeschehen ausgestralt wird, während drumherum beim Floh- und Fahrradmarkt Recycling, Upcycling und Bicycling als Beitrag zu Moabiter Nachbarschaft und Klima betrieben werden.

Sonntagmittag – Apropos Klima: Globales Thema, zu abstrakt für unmittelbare Gefühlsregungen? Wie viele globale Angelegenheiten wird auch diese erst im Lokalen wirklich fassbar. Zum Beispiel am Regenwassersammelbecken der Floating University, die aktuell ein dichtes Programm zum Thema Klima anbietet. Für dessen Veränderungen sind Biotope wie dasjenige ums Becken nämlich sensible Messinstrumente. Beispiel: Die Veranstaltung „Bird Behaviour“, eine Art kritischer Ornithologie mit Autor und Journalist Christian Schwägerl, der sich mit den Vögeln am Rande des Sammelbeckens und ihren vielen Verflechtungen mit der Insekten- und Pflanzenwelt befasst. Anschaulich wird das mit Workshop, Spaziergang und Gespräch ab 14 Uhr gegen 10/ 5 Euro auf dem schwimmenden Campus an der Lilienthalstraße.

Sonntagabend – Thematisch ist die Überleitung zum Ausufern vom Beckenrand aus selbsterklärend – ausreichend böige Vorstellungskraft vorausgesetzt. Tatsächlich liegen aber immerhin 13 U-Bahn-Stationen zwischen Südstern (Beckenrand der Floating University) und Pankstraße. Dort wiederum liegen die Uferstudios – und die versprechen mit dem Ausufern-Festival eine ganze Reihe ausufernder Abende. Heute: BERGEN, ein Performance- und Musiktheater von Göksu Kunak aka Gucci Chunk, Laure M. Hiendl und Annegret Schalke. Namensgebend ist die türkische Arabesk-Sängerin Bergen, die auf einem Auge blind aus einem Anschlag mit Salpetersäure hervorging und zum Symbol für Gewalt gegen Frauen in der Türkei wurde. Der Täter war ihr Ehemann, der für die Tat sechs Jahre einsaß. Nach seiner Freilassung 1989 erschoss er die damals 31-Jährige, deren Leidensgeschichte heute Abend im Kontext der LGBTQI*-Geschichte betrachtet wird. Der Eintritt ist frei, Platz-Reservierungen sind bis 15 Uhr über ausufern@uferstudios.com möglich.
 

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Daisuke Ishida ist Künstler mit den Schwerpunkten Klang, Raum und Medien, Mitglied des vielfach ausgezeichneten tokioter Sine Wave Orchestra und seit 2012 Lehrbeauftragter an der UdK.

Samstag ist der letzte Tag unserer Changing-Room Show im Acud macht Neu. Meine Studierenden vom UNI.K Studio für Klangkunst (UdK) sowie Studierende der KHB haben sich im Seminar mit Beziehungen zwischen Körpern und Raum befasst, die sie am Szenario einer gedachten Umkleidekabine durchspielen. In einer Umkleidekabine ändert sich ja das Gefühl für die Umgebung, wenn man den Vorhang zuzieht und sich auszieht. Unser Teil (der UdK) besteht aus Klängen, die in den Ausstellungsräumen angeordnet sind. Die Idee ist, dass die einzelnen Hörfelder wie Teile einer Komposition wirken, wenn der Besucher durch das Ganze schreitet. Er oder sie entscheidet so gehend über das Tempo und die genaue Reihenfolge der Teile und ergeht sich so quasi eine persönliche Komposition. Und weil es der letzte Tag ist, also das Finale, haben die Studierenden auch einiges an Performance für Samstagabend ab 20 Uhr vorbereitet. Da sich die Studierenden so wunderbar um alles kümmern, bin ich eigentlich in der entspannten Position eines Besuchers und kann mich nebenbei meiner kulinarischen Neuentdeckung Baba Ghanoush widmen, das ganz wesentlich zu meiner guten Laune beiträgt. Mein Kühlschrank ist voll davon und ich verlasse meine Wohnung nicht ohne gefüllte Tupperware. Als physische Stärkung ist es wiederum auch am Sonntag von Vorteil – da werden wir nämlich den ganzen Tag lang die Ausstellung wieder abbauen, alles verpacken und auf die Studios verteilen, aus denen es stammt.“

Lese­empfehlungen

Von der Kunstfreiheit zur kritischen Ornithologie: Hat eigentlich schon mal jemand Überschneidungen zwischen G. W. F. Hegel und John Cage zusammengetragen (gerne per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de)? Beispiel Freiheitsbegriff: Hegel erklärt an einer Stelle in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, dass frei sei, wessen Wille sich innerhalb der gegebenen Gesetzmäßigkeiten bewegt – die fortschreitende Annäherung zwischen Freiheit und ihren Bedingungen sei die Weltgeschichte überhaupt. Zum Beispiel: Wir leiden in der Regel nicht darunter, kein Gefieder, keine Flügel oder Kiemen zu haben und können uns trotz dieser Einschränkungen frei fühlen. Tun wir es aber nicht, entwickeln wir Neues. Natürlich ist, etwas an Hegel vorbei, eingewandt worden, dass damit nur einfallslose Menschen, die sich nichts über ihre bekannte Umwelt Hinausgehendes vorstellen können, in diesem Sinne frei seien. An John Cage dürfte dieser Vorwurf spurlos abprallen. Seine Haltung zur Kunstfreiheit ist dennoch, bei allen Unterschieden, ähnlich, wie man u.a. seinen Gesprächen mit David Charles in „For the Birds“ bzw. „Für die Vögel“ entnehmen kann – die übrigens voller Mitgefühl für die gefiederten Zweibeiner und die Kunst sind. Und apropos Neuronen: Henning SchmidgensHirn und Zeit: Die Geschichte eines Experiments“ ist eine wundervoll dichte, an Anekdoten und Archivfunden reiche und eloquent erzählte Bestandsaufnahme der Geschichte eines biologischen Freiheitsbegriffs. Im Kern die unscheinbar scheinende Frage, ob man von Freiheit sprechen kann, wenn das Gehrin immer messbar Aktivität zeigt, ganz kurz bevor das Bewusstsein eine Entscheidung trifft. Mag nach ganz randständiger Philosophie klingen, enthält aber eine Menge Anknüpfungspunkte an das Weltgeschehen.

Wochen­rätsel

Welche tierischen Klimaschutzaktivisten gaben Anfang der Woche in einem Bekennerschreiben preis, die Eröffnung des BER seit 9 Jahren zu sabotieren und forderten die Umfunktionierung der Gebäude in ein Museum für fossilen Kapitalismus und veraltete Mobilität? 

a) Planet of Pandas
b) Chameleon-Climate-Rescue 
c) Penguins for Future 
 

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Encore

Ein Auktionshammer hat Neo Rauchs Gemälde „Der Anbräuner“ diese Woche für eine stattliche Summe den Eigentümer wechseln lassen und in aller Munde gelegt. Dabei macht der Geldwert das Bild keinsewegs mehr oder minder interessant. Wenn Sie sich nicht gleich von den 750000 Tacken, die übrigens einem wohltätigen Zweck zukommen, blenden lassen und stattdessen mit dem Bild auseinandersetzen mögen, hier (Zeit online, kostenpflichtig) geht's lang zum Ausgangspunkt der Geschichte. Das Gemälde selbst ist noch nicht öffentlich zu sehen, soll es aber demnächst (Zeit online, frei) unter noch unklaren Bedingungen sein. Und hier (DLF) ist ein Interview mit dem Kunstkritiker Wolfgang Ullrich, dessen Initialen nicht zufällig mit denen auf dem braunen Bild im Bild übereinstimmen. Die Debatte in Kürze: Ulrich wirft Rauch eine Nähe zur rechten Gesinnung vor, die zur Kunstfreiheit ein zumindest problematisches Verhältnis pflegt. Rauch antwortet darauf mit dem Gemälde, auf dem mutmaßlich Ulrich mit seinem eigenen Exkrement einen rechten Maler malt. Die offenbare Botschaft des Bildes: Die ganze Vorstellung von Rauch als rechtem Maler ist auf Ulrichs Mist gewachsen, dessen ganze Wahrnehmung von ihn umgebenden Phantomen verstellt ist. Wie schon gesagt macht der Betrag das Bild an sich nicht interessanter. Die Tatsache aber, dass ausgerechnet eines der eindeutigsten und folglich künstlerisch belanglosesten Bilder Rauchs nun zu solchem Wert gelangt und als große Analogie auf die Debattenkultur unserer Zeit gehandelt wird, die ist doch wohl billig. Und somit wieder interessant.

In diesem Sinne auch Ihnen ein schönes, aufregendes und bereicherndes Wochenende!

Lorenz Maroldt