wir beginnen mit einem kleinen Rückblick auf den frühen Freitagnachmittag. Bestes Spätsommerwetter, die Sonne scheint gütig auf Berlin herab, es ist milde 21 Grad, verspielt pustet der Wind ein paar Wolken herum. Die S-Bahn meldet Unterbrechungen auf den Linien S41, S42, S45, S46, S8, S85, S9 - „wegen witterungsbedingter Störung“.
Hallo? Wegen was? Verrückt! Sind da die ersten Weichen eingefroren? Haben die Zugführer bei einem der kurzen Schauer nasse Füße bekommen? Hat Uri Geller mit der Kraft seiner Gedanken und ein bisschen warmer Luft die Schienen verbogen? Oder ist das Unglücksrad, mit dem die Bahn ihre Beiträge für unser Betriebsstörungsbingo ausspielt, an „Weichenschaden“, „Stellwerksstörung“ und „Triebwagenausfall“ einfach vorbeigeknattert und an der falschen Stelle zum Stehen gekommen?
Nein, es war tatsächlich ein Bäumchen ins Gleisbett gekippt. Vielleicht lag‘s ja wirklich am übermütigen Wind. Vielleicht hatte ihn auch die Aussicht aufs Wochenende umgehauen - oder das eine Schlückchen zu viel (soll ja vorkommen in Berlin). Jedenfalls war etwas später alles wieder eingepegelt – um 20.11 Uhr meldete die S-Bahn die Rückkehr zur Normalität: „Auf Grund von Verzögerungen im Betriebsablauf bitte mit Verspätungen und eventuellen Zugausfällen rechnen.“ Na sowieso! Berliner Folklore eben.
Petra Vandrey, neue rechtspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im AGH, wünscht sich „eine weniger radikale Variante“ des Mietendeckels, „als es der jetzige Referentenentwurf ist“. In einer internen Mail nennt sie das Vorhaben „verfassungsrechtlich bedenklich“ und mahnt bei „Eingriffen in das Eigentum“ mehr Verhältnismäßigkeit an – die Mieten sollten deshalb nur eingefroren, nicht gesenkt werden. Zudem müsse die Lage einer Wohnung weiterhin eine Rolle spielen, andernfalls drohe eine „Schattenwirtschaft“ mit Schwarzgeldzahlungen.
Weitere Einwände der Grünen-Fachsprecherin gegen den Entwurf des Mietendeckels:
- Es drohe ein „Crash“ auf dem Immobilienmarkt, der „die Altersabsicherung einer großen Zahl von Kleininvestoren ruiniert“.
- „Der Zustand der Häuser wird massiv schlechter“.
- Mieter hochpreisiger Wohnungen würden eher geschützt.
- Der bezirkliche Modernisierungsvorbehalt gefährde die Klimaschutzziele.
- „Weniger Neubau“ wegen Planungsunsicherheit für Investoren.
- „Überlastung der Bezirksämter“.
- „Flut von Klagen“ vor dem Verwaltungsgericht.
- „Härtefallregelung zu unbestimmt“.
- „Noch mehr Zuzug“ durch den Mietendeckel.
- „Die Stadt wird noch voller, die Infrastruktur noch mehr überlastet“.
Grundsätzlich sei „eine politische Steuerung“ aber „unbedingt notwendig“, schreibt Vandrey, zumal auch ein weniger radikaler Mietendeckel „wesentlich besser als die eigentlich gewollte Enteignungsdebatte der Linken“ sei. Ihre Empfehlung für das weitere Vorgehen: „Nach innen sollten wir den Referentenentwurf kontrovers diskutieren, nach außen sollten wir eine geschlossene und abgewogene Position vertreten.“ Na dann mal los.
Ach, und die Jusos (sie stellen 1/3 der SPD-Mitglieder) halten Mietendeckel und Kommunalisierung ohnehin für einen „Tropfen auf dem heißen Beton“ - sie plädieren u.a. für eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes.
Telegramm
Im Sommer 2010 beschloss das Abgeordnetenhaus auf Initiative des SPD-MdA Sven Kohlmeier, Standards für Praktika in der Verwaltung und landeseigenen Betrieben zu definieren, und der damalige rot-rote Senat beschloss Leitlinien für einen „fairen Umgang“ inkl. „angemessener Vergütung“. Jetzt, neun Jahre später fragte Kohlmeier den rot-rot-grünen Senat nach dem Stand der Dinge, hier die Antwort von Finanzstaatssekretär Fréderic Verrycken: „Der Aufbau und die Etablierung von behördenübergreifenden Standards für ein einheitliches Praktikumsmanagement bedarf einer eingehenden Prüfung der finanziellen, personellen, logistischen und technischen Erfordernisse. Diese Prüfung dauert derzeit an.“ Im vergangenen Jahr beschäftigte das Land Berlin übrigens 3137 unbezahlte Praktikant*innen (inkl. Schüler und Studierende).
Der neue Song der Pet Shop Boys heißt „Dreamland“ (ja, liebe Kinder, das ist eine Musikgruppe aus England) – ok, aber was hat das mit uns zu tun? Ach so! Das Video zur Musik wurde im U-Bahnhof Alexanderplatz gedreht… und das sagt vor allem etwas aus über den Zustand des ehemaligen Empires.
Falls sie irgendwo eine Maschinenpistole finden (MP7, Heckler & Koch)– gehört der Polizei, die hat so eine verloren (aber niemand will’s bemerkt haben). (Q: „B.Z.“).
Michael Müller gibt der Verkehrswende eine neue Bedeutung – er möchte gerne die IAA nach Berlin holen.
Berliner Unzuständigkeiten am Beispiel eines nach starkem Regen komplett mit Erde verstopften Gullys in Frohnau: Die Wasserbetriebe kommen und reinigen die Kanalisation, lassen aber den Gully so verstopft, wie er ist – dafür sei die BSR zuständig, wird dem Anwohner Lothar Hüttenheim mitgeteilt. Die BSR wiederum teilt Hüttenheim mit, er möge sich ans Tiefbauamt wenden. Das Tiefbauamt… reagiert auch nach fünf Wochen nicht auf eine Mail von Hüttenheim, der früher selbst mal Kommunalpolitiker war (Bürgermeister in Bebra). Erst als Gerd Appenzeller im seinem „Leute“-Newsletter den Fall aufgreift, meldet sich (trara!) die BSR: „Organisieren zeitnahen Reinigungseinsatz. Entschuldigung für die Verwirrung.“
Berliner Zuständigkeiten am Beispiel von Autowracks: Das ist zur Abwechslung mal klar geregelt – überbezirklich ist dafür das BA Lichtenberg zuständig. Doch das ist offenbar selber schrottreif, die Blechleichen liegen teilweise bis zu einem Jahr auf der Straße herum (in Spandau manchmal auch noch länger). Die Grünen in F’hain-Xberg wollen das jetzt ändern – und die Zuständigkeiten umverteilen.
Nach dem Brandbrief des Kollegiums der Rütli-Schule im Jahr 2006 ritt der Pädagoge Helmut Hochschild dort auf seinem Motorrad wie ein rettender Ritter als Interimsdirektor ein. Das Berliner Schulsystem nannte er damals schlicht „krank“. Gestern hat Ann-Kathrin Hipp mit Hochschild über das Schulsystem von heute gesprochen – welche Note er der Berliner Bildungspolitik unter Rot-Rot-Grün geben würde, steht weiter unten im „Checkpoint-Interview der Woche“ (nur für Abonnenten). Unter dem Titel „Schule kann mehr“ hat Hochschild übrigens gemeinsam mit dem Journalisten Leon Stebe einen Podcast gestartet – er ist alle 14 Tage neu auf den gängigen Plattformen abrufbar (z.B. hier).
Aus der Rubrik „Was so alles verkauft wird“: Auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de werden nicht abgeschwommene 20er-Karten der Bäderbetriebe angeboten – wäre ja schade, wenn die Saison am Ende finanziell ins Wasser fällt.
Interviewtermin mit Kurt Krömer im „Einstein“ an der Kurfürstenstraße: Erzählt hat er uns u.a., wer sein schlimmster Gast war, an wem er gescheitert ist – und warum er Michael Müller nicht in seine neue Show einlädt. Auflösung am Sonntag im Tagesspiegel.
Beim manchen Sätzen klingelt es leicht im Ohr – das innere Archiv meldet eine Irritation! Und schon fängt es an zu kramen…
Gestern war es mal wieder soweit, beim Kommentar von Barbara Slowik zur Angst der Kreuzberger Bürgermeisterin vor nächtlichen Parks: „Ich bedaure, dass Frau Herrmann diese Ängste hat“, teilte die Polizeipräsidentin dem Checkpoint mit, und: „Ich persönlich bewege mich frei davon in unserer Stadt – in ganz Berlin.“ Ach ja?
Hatten nicht Beamte ihres Präsidiums im Dezember vergangenen Jahres behauptet, dass Slowik sich „nicht zum Joggen aufs Tempelhofer Feld traut, aus Angst, dass ihr etwas passiert“ (CP v. 20.12.)? Na ja, angesichts der dortigen Schließzeiten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang kann sie ja eigentlich nur Angst davor haben, von der Checkpoint-Laufgruppe über den Haufen gerannt zu werden. Und wäre die Präsidentin nicht gerade im Urlaub, sie müsste sich morgen wieder in Acht nehmen…
… denn am Sonntag gehen wir kurz vor dem Höhepunkt der Saison (Marathon am 29.9.) gleich mit drei Gruppen an den Start: um 10 Uhr mit dem Long Run (30 km), um 11 Uhr über 6 bzw. 12 km. Und anschließend chillen wir gemütlich bei Bananen und Bier bis 14 Uhr am Checkpoint-Stand in unseren Liegestühlen, Treffpunkt ist der Eingang Herrfurthstraße. Auch wer zum ersten Mal mitlaufen oder einfach nur so vorbeischauen will: Wir freuen uns auf Euch!
Durchgecheckt
Helmut Hochschild war in Berlin als Hauptschullehrer, Schulleiter und Ausbilder von Lehramtsanwärtern tätig, u.a. Interimsschulleiter der Rütli-Schule – kurz nachdem Lehrer 2006 wegen unhaltbarer Zustände einen „Brandbrief“ geschrieben hatten.
Herr Hochschild, welche Note würden Sie dem Land Berlin für seine Bildungspolitik geben?
Eine vier, „ausreichende Leistung mit einigen Mängeln“. In der Begründung würde ich zwei Grundprobleme nennen. Erstens gibt es schwierige Rahmenbedingungen, sprich zu viele Schüler und zu wenig Platz und Lehrkräfte. Zweitens gibt es zu viele Erhaltungsmechanismen. Vieles wird so gemacht, wie es schon immer gemacht wurde.
Und zwar?
Die Schüler lernen für ihre Abschlüsse und Prüfungen, nicht für das Leben. Inhalte werden a) viel zu abstrakt, zu wenig handlungsorientiert beigebracht und sind daher b) gesellschaftlich häufig nicht relevant.
Die von Bildungssenatorin Sandra Scheeres initiierte Qualitätskommission soll das Berliner Schulsystem besser machen.
Es wird sich zeigen, was dabei rauskommt. Aber ich habe Vorbehalte. Es darf meiner Meinung nach beispielsweise auf keinen Fall um fachbezogene Fragen gehen. Wie werden die Kinder wieder besser in Mathematik? Wie in Deutschgrammatik? Das sind falsche Schwerpunkte. Es wird immer nur im Kleinen rumgedoktert. Dabei geht es doch um die großen Entwicklungen, um das Aufbrechen alter Strukturen.
Die GEW kommentierte die Kommission mit dem Satz: „Die besten Qualitätskonzepte nützen nichts, wenn die Fachkräfte fehlen und unsere Schulen auseinanderfallen.“
Klar sind Investitionen wichtig. Und klar, man kann fordern, dass sich die Bedingungen verbessern müssen. Aber das Meckern über fehlende Ressourcen führt dazu, dass nicht gehandelt wird. Man kann bereits jetzt effizient arbeiten. Es gibt hier in Berlin Vorzeigeschulen. Die Havelmüller-Grundschule in Reinickendorf zum Beispiel oder die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule in Pankow. Die haben nicht mehr Gelder oder Personal als andere, stärken aber zielorientierter die Kompetenzen der Lernenden.
Heißt konkret?
Jahrgangsmischung wird praktiziert. Inklusion wird ernst genommen und auf individuelle Fähigkeiten eingegangen. Sonderpädagogische Förderung gibt es da genauso wie Begabtenförderung. Und was die Lehrer machen wird evaluiert. Da reicht schon eine kurze Frage am Ende der Stunde: Was hat euch gut gefallen? Was nicht so? Wenn wir die Konzepte dieser beiden Schulen berlinweit durchsetzen würden, hätten wir in dieser Stadt die Revolution, die es bräuchte. Dazu muss man nichts neu erfinden. Alles, was es braucht, sind eine gute Vernetzung und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Und eine Verwaltung, die preußische Kommunikationshierarchien hinter sich lässt.
Als sie nach einem Brandbrief 2006 Interimsschulleiter an der Neuköllner Rütli-Schule wurden und sich die Situation durch ihre Arbeit deutlich verbesserte, sagten sie in einem Interview, Ihre Aufgabe sei es gewesen, wieder Ordnung in eine Organisation zu bringen, die vollkommen aus dem Lot geraten war. Bräuchte es nicht genau das jetzt in Berlin?
Das ist nicht vergleichbar. Die Rütli-Schule war ein enges System, das sich durch eine Schulleitung mit einer anderen Haltung korrigieren ließ. Wenn man versucht, in das große System „Ordnung“ zu bringen, passiert wahrscheinlich genau das Gegenteil von dem, was ich will. Fehlende Partizipation, standardisieren, gleichmachen, alles kontrollieren. Viel besser wäre das Gegenteil. Die operative Schulaufsicht in den Bezirken würde ich abschaffen, stattdessen könnten sich Schulleitungen aus dem Kiez miteinander vernetzen und gemeinsam die Personalplanung übernehmen. Zielorientiert. Für solche Entscheidungen braucht es in erster Linie nicht mehr Geld, sondern Mut.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Vieles lässt sich prinzipiell unter ganz verschiedenen Winkeln angehen. Zum Beispiel: von unten. Die Taucherinnen der Tauchschule „Tiefenrausch“ gehen den Dingen schon ab 8 Uhr im Groß Glienicker See auf den Grund. In der besinnlichen Isolation des trüben Nass kann man zum Beispiel über Roy Scheiders tiefenpsychologische Rollenentwicklung in „Der Weiße Hai“ nachdenken. Oder schon mal Wochenendpläne sortieren. Wer seine Freizeit allerdings lieber angeht als versenkt, wird auf dem Gelände des Flughafen Tempelhof gut Strecke machen können – und sich gegebenenfalls sogar mit Kunst beschweren, gut für die Linie. Denn um 11 Uhr öffnet hier der „Positions“-Kunstmarkt zur Art Week, bei dem internationale Galerien unmittelbar nebeneinander Position beziehen und so unvergleichlich vergleichbar werden. Kaffee soll es auch geben, wie man hört.
Samstagmittag – Andererseits wird gerade im vom U-Bahn Netz durchwobenen Berlin sowieso vieles von unten angegangen. Die Fahrkarte ist ab morgen zudem auch Eintrittskarte zur „Kunst im Untergrund“, der etwa jährlich ausgerichteten Interventionsreihe der nGbK. An verschiedenen Bahnhöfen werden Arbeiten von Künstlerinnen zu sehen sein, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. Den Auftakt dazu macht heute Alexis Dwarsky mit der Performance „Fitte Kadenz“, bei der eine im strammen Gleichschritt laufende Jogger-Gruppe den Befehlen eines Freestyle-Hip-Hop-Drill-Instructors folgt, was auf verdeckte Militarismen im Alltag verweisen soll. Wem jedoch nach all dem Gelaufe nach Sitzen ist, nehme im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Platz. Da spielt das RSO unter Frank Strobel ganze neun Stunden Filmmusik von Arthur Honneger und Paul Fessen zum Stummfilm „La Roue“ von Abel Grace.
Samstagabend – Die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es käme drauf an sie zu verändern, sagt Karl Marx. Dieser Satz aus den Feuerbach-Thesen gehört sicher in jede Top Ten der am meisten fehlinterpretierten der Philosophiegeschichte. Allzu leicht lässt er sich nämlich für stumpfen Antiintellektualismus vereinnahmen. Eine pointierte Engführung findet man bei Deleuze: Denken ist Tun, zumindest als Begriffsarbeit. Und ohne diese Arbeit wäre die Welt eine andere. Anschauliches Beispiel: Beim Philosophical Enactment I in der AdK am Hanseatenweg soll dieses Verhältnis ziemlich unmittelbar nachvollzogen werden. Tänzerin Padmini Chettur sucht nach den Wurzeln ihrer Tanzkunst in bis zu 2500 Jahre alten Hindu-Schriften. 21 Uhr, 13/ 7 Euro. Im Flutgraben e.V. wird um 0 Uhr der Art Prize im Rahmen der zugehörigen Party verliehen und im Acud macht neu steigt zugleich die Party des Monats (der zeitgenössischen Musik) – in beiden kann man selbst die Wurzeln des eigenen Tanzes enacten oder seine Philosophie tanzen.
Sonntagmorgen – Spätestens seit dem Dandytum verbringen Künstler bekanntlich gerne Zeit unter Menschen, von denen sie bewundert werden. So zumindest das Klischee. Schal um den Hals im Sommer, ausgefallene Projekte im Kopf, und jetzt? Wohin damit? Wie gut, dass es Künstlercafés gibt, in denen seit mehr als einem Jahrhundert schon sukzessive die heutige Brunchkultur vorbereitet worden ist. Eine literarische Führung zum Thema gibt im Literaturhaus, Fasanenstraße 23, Sebastian Januszewski um 11 Uhr.
Sonntagmittag – Wer etwas mit Automatic Writing, also automatischem Schreiben titelt, kann schon mal Verwirrung stiften. Zum einen handelt es sich dabei um eine Methode der Psychologie, ans Unbewusste heran zu kommen. Surrealisten und andere Literatinnen haben darin einen Weg gesehen, gehemmte kreative Potenziale zu entfesseln. Der Komponist Robert Ashley griff die Idee auf und transformierte sie in eine Kompositionstechnik, die auf seinem Tourette-Syndrom beruht. Er entwickelte eine Methode, sich selbst aufzunehmen, ohne sich dessen bewusst zu sein und schrieb auf dieser Basis ein Stück für diese aufgenommene Stimme, eine zweite Stimme, die seine automatischen Äußerungen ins Französische übersetzte, einen Moog Synthesizer und eine Orgel. Titel: Automatic Writing. „Automatic Writing 2.0“ lautet nun der Titel eines Teilprogramms des Internationalen Literaturfestivals. Dessen Thema: „Künstliche Intelligenz und die Literatur“. Hier das Programm. Hallesches Ufer 32
Sonntagabend – Und weil das Wochenende prinzipiell auch unter ganz verschiedenen Winkeln verlassen werden kann, hier drei Optionen: Die eskapistische mit Christophe Chassol. Der spielt ab 20 Uhr in der Volksbühne Material seines vierten Albums „Big Sun“, eine musikalisch-filmische Reise mit Jazz, Field Recordings und experimentellem Pop zu den Westindischen Inseln. Im Heimathafen setzt um 19.30 Uhr eine Art Neue-Musik-Big-Band namens „Arsenal of Democracy“ beträchtliche Luftvolumina mit fulminanter Bläsersektion und Rhythmusgruppe in Bewegung. Zu hören sind Werke der Neuen Musik im neuen Jazzgewand. Mit weniger Turbulenzen ist im Konzerthaus zu rechnen, wo die Akademie für Alte Musik das Wochenende mit Händel, Hertel, C.P.E. Bach und Fasch ausklingen lassen wird, ohne auch nur ein Staubkorn aufzuwirbeln. Gendarmenmarkt, Karten ab 16 Euro.
Mein Wochenende mit
Lisa Benjes trägt mit „field notes“, dem kostenlos erhältlichen, zweimonatlich erscheinenden Magazin für zeitgenössische Musik und Jazz, einen wesentlichen Teil zum Zusammenhalt der freien Szene Berlins bei.
„Mein Wochenende – ich beschäftige mich beruflich mit Veranstaltungen der freien Szene, was heißt, dass ich normalerweise gerade an Wochenenden sehr viel auf dem Schirm habe. Zur Zeit richten wir außerdem den Monat der Zeitgenössischen Musik aus, wo soll ich da anfangen? Mein Wochenende beginnt mit der Familie. Mein Bruder kommt aus Wien und mit unseren Eltern gehen wir wahrscheinlich zum Wochenmarkt am Winterfeldtplatz und frühstücken zusammen. Anschließend fängt mein Programm eigentlich schon an: Ich werde das Rumpsti Pumpsti besuchen, wo um 13 Uhr die Klanginstallation unPREDICTable von Stefan Roigk öffnet. Samstagabend feiern wir im ACUD macht neu, unsere Party des Monats (der zeitgenössischen Musik). Besonders freue ich mich auf Sabine Ercklentz, Ute Wassermann und Andrea Neumann, die das Trio N.E.W. bilden und gleich im Anschluss an ihren Auftritt auf der Ruhrtriennale extra zu uns eingeflogen kommen. Dann die wunderbare Melodie Melak, die das Musikprogramm im Acud kuratiert, sowie Organ Arch und Ōtone, die einen fulminanten Abend versprechen. Unbedingt anschauen werde ich mir am Sonntag, was Hanno Leichtmann im Monom macht, Nalepastraße 18-50. Schon weil erstens er es macht und zweitens wegen des genialen Ortes. Zum Schluss werde ich mir Arsenal of Democracy im Heimathafen anhören. Da schließen sich Ruth Velten, Silke Eberhard und viele andere tolle Leute zu einer Art Big Band der Neuen Musik zusammen, was wirklich außergewöhnlich ist.“
Leseempfehlungen
Leises Grün – erinnert zunächst an das Wachstum von Gras. Und wer das Gras beim Wachsen beobachtet, hat sicherlich vor allem eines: Zeit. Womöglich eine Ewigkeit. Es ist kein Zufall, dass das silent green Kulturquartier diesen Namen trägt, handelt es sich bei dem Gebäude doch um das ehemalige Krematorium Wedding. Vor dem Hintergrund der Totenstille wirken die Eruptionen des Programms nochmals lebendiger. Und wenn Eileen Myles zu Besuch kommt, wird der Kontrast maximale Wirkung entfalten. Die US-amerikanische Ikone des Feminismus, queerer Literatur und Gegenwartslyrik, bekannt für eine ausufernde Sprache und exorbitanten Assoziationsreichtum liest am Sonntag um 18.30 Uhr aus ihrem Roman „Chelsea Girls“, eben im silent green (auf Englisch, 8 Euro). Auch hierzulande hat sie nicht wenige Leser, obwohl kaum einer ihrer Texte bislang auf Deutsch erhältlich ist. Manchmal soll auch der Weg über die Sekundärliteratur ein guter Einstieg sein. Zum Beispiel Interviews: Für die Zeit hat Lara Konrad eines mit Eileen Myles im Sommer geführt. Für den Merkur Hanna Engelmeier.
Wochenrätsel
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Medienkunst ist so ein Begriff. In der Fachwelt unscharf und immer wieder neu umstritten, in der Mitte der Gesellschaft längst nicht angelangt. Ausbildungen in der Richtung sind jung und rar. Und obwohl auch große Namen wie Paik, Beuys, Vostell im Kontext auftauchen, beäugt der Markt neue Werke mit Skepsis. Medienkünstlerinnen sind meistens wenig bekannt, lehnen gar den Kunstbegriff aus Scham ab und verstehen sich mehr als Erfinder absurder Prozesse oder nutzloser, aber interessanter Apparate. Wie die „Useless Machine“, deren Idee auf den Mitbegründer des MIT, Marvin Minsky, zurückgeführt wird. Die Maschine hat nur eine Funktion: wird sie eingeschaltet, schaltet sie sich selbständig wieder ab. Und woran erkennt man Medienkünstler? Es gibt ein Indiz: Reden sie über ihre Arbeit, sagen sie Sätze über das Medium statt über den Inhalt: „Ich mache was mit Servos, Türklinken und Sound“, zum Beispiel. Oder: „Ich arbeite mit Blei“, das geht auch, es muss keineswegs immer technisch sein – und schon gar nicht Video, Audio und Popkultur enthalten, kann es aber. Neulich ist übrigens bei Anselm Kiefer eingebrochen worden. Die Diebe hatten es auf eine Skulptur aus Blei abgesehen, deren Wert im Millionenbereich liegt. Wie sich herausstellte, hatten sie an der Arbeit des Künstlers keinerlei Interesse. Sie wollten sie zerteilen, um an das Blei zu kommen. Das waren bestimmt Medienkünstler.
Haben Sie ein schönes Wochenende, bis zum nächsten Mal
