Heute ist Sommeranfang, und zwar genau um 12.07 Uhr (falls Sie mit dieser Info am Mittagstisch punkten können und wollen). Ungefähr um dieselbe Zeit soll laut Meteorologen auch der Wind auffrischen, der am Nachmittag als Sturm die Wärme wegbläst, die seit Wochen in der Stadt hängt. Und da es – die Älteren werden sich erinnern – vor rund zwei Monaten das letzte Mal ausgiebig geregnet hat, spendieren Sie dem Straßenbaum Ihrer Wahl doch bitte ein paar Eimer Wasser. Sofern er überhaupt noch steht, denn laut RBB hat Berlin allein 2017 im Saldo rund 6000 Straßenbäume verloren.
Idealerweise zapfen Sie das Gießwasser während eines WM-Spiels und nicht direkt nach dem Abpfiff, damit den Wasserbetrieben nicht die Pumpen um die Ohren fliegen. Zur Planung: 14 Uhr Dänemark – Australien, 17 Uhr Frankreich – Peru, 20 Uhr Argentinien – Kroatien, jeweils im ZDF. Und falls Sie beim Fernsehen Redebedarf verspüren, empfiehlt CP-Leserin Ulrike B. fürs Bullshit-Bingo: „Deutschland ist eine Turniermannschaft“. Carsten T. hat „Flach spielen und hoch gewinnen“ beizusteuern. Und für den Fall, dass das gerade gar nicht passt: „Hoch und weit bringt Sicherheit“ passt garantiert.
Wo wir gerade bei Straßenbäumen, (Voll-)Pfosten und Sicherheit sind: Es rappelt nach wie vor in der Mailbox und auf Twitter, seit die Aktion Gefahrenmelder läuft. Oft geht es um gefährliche Falschparker, aber auch um dauerhafte Kreationen wie ganz aktuell in der Spandauer Straße, wo gerade die Breite des Radfahrstreifens halbiert wurde. Wir sammeln weiter, wobei es ausdrücklich nicht nur um vermurkste Radwege gehen soll, sondern auch um andere verkehrsplanerische Beihilfe zum Suizid. Wenn Sie was haben, twittern Sie es gern unter #Gefahrenmelder oder mailen Sie es an checkpoint@tagesspiegel.de, möglichst mit Foto und Ortsangabe.
Nach dem Unfalltod zweier Kinder hatte die Verkehrssenatorin erklärt, man werde „alles unternehmen, dass unsere Straßen sicherer werden“. Simple Warnsignale für alle Tram-Querungen (die 13-Jährige wurde an einer ungesicherten Passage von der Bahn erfasst) sowie getrennte Grünphasen für Rechtsabbieger und Geradeausverkehr von Radlern und Fußgängern (der Achtjährige wurde bei Grün von einem abbiegenden Lkw überrollt) fallen aber nicht unter Regine Günthers „alles“, wie die Verkehrsverwaltung gestern nach viertägiger Bedenkzeit mitteilte. Warum sie das so sieht und was das für nächste Woche zur Verabschiedung im Parlament avisierte Mobilitätsgesetz dazu sagt, erklären wir heute auf Seite 2 im Tagesspiegel.
Interessant dürfte (vielleicht) sein, was die AfD-Fraktion zum Thema zu sagen hat, die heute im AGH ihr „Strategisches Konzept Verkehrsvision 2017-2050“ vorstellen will. Bisher sind die Rechtslenker verkehrspolitisch nur mit erhobenem Mittelfinger unterwegs. Die aktuellsten Beiträge aus dem Presse-Mailfach: „Ideologie schlägt Menschenwohl. Mit verfestigtem Autohass wird Individualverkehr mit allen Mitteln ausgebremst (…) und die Mobilität der Stadt linker Ideologie geopfert“ (zum Mobilitätsgesetz). „Den rotrotgrünen Autohassern ging es von vornherein nur darum, mit Taschenspielertricks die Voraussetzungen für Fahrverbote zu schaffen“ (zu Tempo 30 in der Leipziger Straße).
Und die Polizei, die Böse, macht auch noch mit! Achtmal hat sie im ersten Kontrollmonat (der auf eine ebenso lange „Gewöhnungsphase“ folgte) in der Leipziger Straße geblitzt. Während der 22,5 Einsatzstunden wurden 15.616 Kfz gemessen, von denen 550 zu schnell waren. Die Quote von 3,5 Prozent liegt deutlich unter den 9,35 Prozent Schnellfahrern, die laut Polizei im stadtweiten Mittel auf 30er-Strecken erwischt werden. Ob es an der Disziplin der Autofahrer lag oder am Stau oder einfach daran, dass die Kontrollstellen selbst für AfD-Abgeordnete mit zornverweinten Augen auf 100 Meter zu sehen waren, ist nicht bekannt.
Manche, wie Tagesspiegel-Leser Bernd B., sind schon selbst aktiv geworden, um sicherer durch den Verkehr zu kommen. Herr B. hat der online als Ansprechpartnerin benannten Mitarbeiterin der Verkehrslenkung die seit Jahrzehnten unverändert saugefährliche Schöneberger Straße beschrieben und um Abhilfe gebeten. Auf die erste Antwort – „Ich bin zurzeit aufgrund von Terminen nicht zu erreichen. Ihre E-Mail wird nicht weitergeleitet“ – folgte wenig später eine zweite, persönliche. Die Sache werde an die zuständige Abteilung weitergeleitet. Und die Spannung steigt.
Ausweislich ihrer zügigen Antwort verfolgt die Kollegin keine Heiratspläne, jedenfalls nicht in Mitte. Wer dort wohnt, kann zwar irgendwo anders heiraten – aber erst nach einem obligatorischen Beratungstermin im hiesigen Standesamt. Den gibt es nur online und nur zu bestimmten Zeiten und auch dann nur theoretisch, wie CP-Leserin Carola K. nach vielen Fehlversuchen berichtet und ein CP-Test bestätigte. Die Abteilung Namensänderung bleibt gleich einen ganzen Monat lang geschlossen und nimmt auch keine Anträge an, „wir bitten hierfür um Ihr Verständnis“. Aber, frei nach Klaus Wowereit: Muss ja nicht jeder in Mitte wohnen. Meine Kollegin Laura Hofmann widmet sich dem Thema morgen in ihrem Bezirksnewsletter.
Trennungen können deutlich schneller gehen, wie sich gestern im AGH zeigte: Gleich nach der Sitzung des Ausschusses für Verfassungsschutz nahm dessen Chef Bernd Palenda seinen Schlapphut und bat um seine Versetzung. Anlass ist offenbar seine Verärgerung darüber, dass ihm die Innenverwaltung eine Kontrollgruppe mit „umfänglichem Auskunfts- und Akteneinsichtsrecht“ vor die Nase setzen will – als Konsequenz aus den bei der Aufarbeitung des NSU-Skandals gemachten Erfahrungen. Aber auch mit Innenstaatssekretär Torsten Akmann soll der angesehene Fachmann Palenda seit längerem Probleme haben.
Telegramm
„Wer trägt in der Bahn schon Hieb- und Stichwaffen mit sich herum?“, beginnt mein Kollege Jörn Hasselmann seinen heutigen Text über das Waffenverbot, das die Polizei an Wochenendnächten auf mehreren Bahnhöfen durchsetzen will. Der Text der Berliner Zeitung zum selben Thema beginnt mit dem harmlosen Teil der Antwort: „Fleißige Handwerker, die nach ihren Überstunden mit der S-Bahn nach Hause wollen, könnten am Freitag ein Problem bekommen“, heißt es da.
Vielleicht finden sich bei den Kontrollen einige jener Waffen wieder an, die der Brandenburger Polizei nach Beschlagnahme zwischen 2005 und 2013 verlorengegangen sind. Für 1550 Stück musste der Verbleib bei einer Revision mühsam rekonstruiert werden, vier Schusswaffen blieben verschollen.
Das Geld, mit dem der Senat die wachsende Stadt leidlich komfortabel halten will, mag einfach nicht abfließen: Nach den ersten drei Jahren sind aus dem sog. Siwana-Topf erst 15% der 2,75 Mrd. Euro ausgegeben worden. In diesem Jahr sollen 350 Mio. verbaut werden, aber bis Ende Mai waren erst 61 Mio. untergebracht.
Da trifft es sich vielleicht gut, dass Berlin das ICC hat, das mühelos auch einen Milliardenbetrag schlucken könnte. Erst einmal soll für 5 Mio. die Schadstoffsanierung vorbereitet werden, danach – möglichst mit privater Beteiligung, aber ohne Verkauf – die Wiederbelebung als Kongresszentrum. Wobei die FDP zu bedenken gibt, dass wohl kein Privater das Risiko tragen wird, wenn das Land den Klotz partout behält.
Zweieinhalb Tonnen CO2 -Ausstoß (rechnerisch das Budget eines Durchschnittsberliners von 5 Monaten) sind jetzt schon ab 175 Euro zu bekommen: So viel kostet der einfache Flug nach Singapur mit dem Billigflieger Scoot. Zur Premiere kam auch Regiermeister Michael Müller – und ließ wissen, die Airlines seien gut beraten, schon jetzt zu kommen, damit sie bei der BER-Eröffnung die Nase vorn haben.
Der Vertrag von Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup läuft im März 2020 aus. Damit auch ELD bei der BER-Eröffnung ein paar Monate oder Jahre danach die Nase vorn hat, wird schon jetzt über eine Verlängerung diskutiert. Zumal sich die Gesellschafter einig sind, dass so leicht keinen Besseren finden würden. Nur Hartmut Mehdorn wüsste womöglich einen.
Ein Bauunternehmer, der am BER für Leistungen doppelt und auch für Krankheitstage seiner Leute Geld kassiert hat, ist vom Landgericht Cottbus zu eineinhalb Jahren auf Bewährung und 158.000 Euro Schadensersatz verurteilt worden. Für die um mehr als acht Jahre verspätete Inbetriebnahme konnte man ihn offenbar nicht verantwortlich machen.
Apropos Spät: Auf ihrem Kleinen Parteitag am Mittwoch haben die Grünen den Senat per Beschluss aufgefordert, die Sonntagsöffnung von Spätis zu legalisieren, um sie als Teil der Berliner Kiezkultur zu bewahren und ihren Inhabern die Existenz zu sichern.
Heute wäre Chris Gueffroy 50 Jahre alt geworden. Der Leistungssportler und gelernte Kellner aus Johannisthal hatte gehört, dass der Schießbefehl an der Berliner Mauer ausgesetzt sei. Am 5. Februar 1989, also mit 19, wagte er mit einem Freund die Flucht durch den Britzer Verbindungskanal von Treptow nach Neukölln – und wurde der Letzte, den die DDR-Grenzer erschossen, bevor neun Monate später die Mauer fiel.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf gilt § 63 Berliner Schulgesetz uneingeschränkt.“
Bildungsstaatssekretär Mark Rackles erklärt auf Anfrage von Stephan Lenz (CDU), dass der Paragraph, der den zwangsweisen Schulwechsel problematischer Schüler regelt, „unter Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit“ angewandt wird – also möglichst selten (PDF).
Tweet des Tages
Sbhf Schönhauser Allee: „Leider verzögert sich die Weiterfahrt. Eine Frau möchte im Gleisbett erst eine Taube retten.“ Reicht das fürs #Betriebsstörungsbingo?
Antwort d. Red.: (Antw. d. Red.: Knapp. Zwei Tauben wären besser gewesen.)
Stadtleben
Neu im Brauhaus Georgbræu ist das Sommerweizen. Mit Gersten- und Weizenmalz gebraut und spezieller Hefe vergoren, bekommt das Bier einen leichten Bananengeschmack – muss man mögen. Für alle, die nicht auf exotisch-fruchtige Noten im Bier stehen gibt die Getränkekarte des Brauhauses im Nikolaienviertel natürlich auch das hauseigene Georg-Bräu in heller und dunkler Version her. Das gibt’s am Spreeufer 4 auch in Kombination mit Eisbein mit Sauerkraut, Erbsenpüree und Kartoffeln für 12,20 Euro. Was es dort garantiert nicht gibt: Fernseher, auf denen die WM übertragen wird. U-Bhf Klosterstraße, tägl. 12-23 Uhr
Geschenk für orientalisches Flair im Wohnzimmer: Das versprühen die dekorativen Mosaik-Steine des Schöneberger Inneneinrichters Habibi Interiors, das sich auf marokkanisches Design spezialisiert hat. Die kleinen, bunten Steinchen können an Türen, Lampen und Wänden angebracht werden, auf Wunsch in individuellen Farben und Formen, alle von Hand gefertigt. Wie die Steine genau entstehen, kann man mithilfe von Videos auf der Website von Alexander Urbans Unternehmen nachvollziehen. S-Bhf Julius-Leber-Brücke, Eisenacher Straße 56, Di-Sa 11-18 Uhr