Falls im Absender dieses Newsletters Juri, Lima oder Julian Reichelt steht, dann steckt mit großer Wahrscheinlichkeit Laika, die russische Weltraumhündin, oder ein sibirischer Mail-Bot dahinter. Oder die „Titanic“. Seit das Satiremagazin für sich reklamiert, die „Bild“-Zeitung bei einer Geschichte um eine Schmutzkampagne innerhalb der SPD hereingelegt zu haben, ist ja bei allem Vorsicht geboten, was so im Mailfach landet. Wenn nächstens wieder so ein nigerianischer Prinz um Geld bittet, dann wenigstens telefonisch mal nachfragen.
Ansonsten halten sie’s bei der „Bild“ mit Rudi Carrell. Wie sang der einst? „Der Winter war der Reinfall des Jahrhunderts/nur über tausend Meter gab es Schnee/Mein Milchmann sagt: Dies Klima hier, wen wundert's?/Denn schuld daran ist nur die SPD.“ Denn laut „Bild“-Chef Reichelt kam die merkwürdige Geschichte über Juso-Chef Kevin Kühnert und seine angeblichen Verbindungen zu einem russischen Computerheini nur ins Blatt, weil die SPD eine Strafanzeige gegen Unbekannt angekündigt hatte. Ein „Juri“ soll Kühnert demnach angeboten haben, die innerparteiliche Groko-Diskussion zu manipulieren, und obwohl es Zweifel an der Echtheit von Mails gab, erschien der Bericht. Aus der „Bild"-Redaktion war zu hören, dass Reichelt die Story trotz früher Bedenken von Kollegen auf der Titelseite haben wollte.
Oh, nein, der Regierende Bürgermeister hat es schon wieder getan: von den Du-weißt-was-für-Spielen in Berlin zu sprechen. Okay, eine Frau aus dem als Wintersporthochburg bislang wenig auffälligen Reinickendorf hat bei Olympia gerade eine Goldmedaille im Bobfahren geholt. Aber muss Michael Müller denn gleich das IOC an die Wand malen? „Berlin ist ein exzellent geeigneter Kandidat“, findet der SPD-Politiker, dem vermutlich eher Sommer- als Winterspiele vorschweben – wenngleich es 1986 ein Ski-Weltcup-Rennen auf dem Teufelsberg gab. Seine Koalitionspartner finden die Idee jedenfalls zum usean-bolt-mäßigen Weglaufen: „An den Haaren herbeigezogene Quatschdiskussion“ (Linken-Chefin Katina Schubert), „Olympia ist keine positive Vision mehr“, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Die Wirtschaft sieht es ein bisschen goldiger.
Wer schon mal erlebt hat, mit welchem Nachdruck in Berlin beispielsweise eine unleserlich gewordene Parkplatzvignette verfolgt wird, hat sich garantiert über den Fall der Polizistin gewundert, der vor einigen Tagen schon Thema war: Die radelnde Beamtin wurde auf dem Weg zu Arbeit von einer Autofahrerin massiv bedrängt, weil sie auf der Fahrbahn fuhr statt auf dem – nicht benutzungspflichtigen – Radweg. Das Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung wurde aber eingestellt. Jetzt kommt wieder Bewegung in die Angelegenheit, nachdem Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) den Fall zur „Berichtssache“ erklärte. Das Verfahren wird nun neu aufgerollt.
Komparsen, Kellner, Stromableser und mindestens ein Seminarleiter: Etwa 1500 Berliner Polizisten haben nach letzten Zahlen einen genehmigten Nebenjob, darunter der damalige Chef der chronisch überlasteten Fahnder, die für die Überwachung Anis Amris zuständig waren. Das berichten die Kollegen von „Zeit Online“. Der Kriminaldirektor, laut Polizei „ein leistungsstarker, hoch motivierter und mit enormer Identifikation für den Polizeiberuf versehener Mitarbeiter“, hielt Vorträge bei Unternehmen, alles in seiner Freizeit, insgesamt an 36 Tagen im Jahr 2016. „Der Dezernatsleiter hat alle Dienstpflichten uneingeschränkt erfüllt“, bescheinigt ihm die Polizeiführung, um etwaiger Empörung vorzubeugen. Und die Gewerkschaft der Polizei warnt, „irgendwann über einen schuldigen Polizisten zu reden, nur weil er in seiner Freizeit auf einem Spielplatz war, als ein Verbrechen begangen wurde“. Dennoch steht die Frage im Raum, ob das auch so gelaufen wäre, wenn alle Verantwortlichen den Amri-Fall ernst genommen hätten.
Telegramm
Früher hätte man „ein bunter Strauß beliebter Melodien“ zu dem Programm gesagt, mit dem das Musikfestival Lollapalooza am 8./9. September an den Start geht. Mit dabei: Kraftwerk, Liam Gallagher – und David Guetta. Helene Fischer kommt dann wohl nächstes Jahr.
Ein bunter Strauß von Rechnungen wird dagegen vom Senat wegen des Umbaus der Staatsoper präsentiert. 39,4 Millionen Euro kommen zu den 400 Millionen Gesamtkosten obendrauf. Geplant waren mal 239 Millionen.
Berlin scheint‘s auch dicke zu haben. Denn Polizeieinsätze bei Sportveranstaltungen will sich die Stadt erst mal nicht bezahlen lassen, meldet der RBB. Gerade hat das Oberverwaltungsgericht in Bremen entschieden, dass die Hansestadt bei bestimmten Bundesliga-Spielen Geld für die Polizeihilfe fordern darf.
Für Theaterregisseur Claus Peymann (80) ist seine alte, neue Wirkungsstätte Stuttgart „eine beschädigte, eine menschenfeindliche Stadt“ (laut „Stuttgarter Nachrichten“). Berlin fand der langjährige BE-Chef übrigens „immer auf eine schreckliche Weise mörderisch“ und „nicht zum Aushalten“, wie er bei seinem Abgang 2017 der „Zeit“ sagte. Eindeutig ein Fall fürs Heimatministerium.
Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) baut mal wieder die Schule um – dieses Mal im Wortsinn. Sie hat ein Konzept vorgestellt, wie die 50 geplanten Neubauten gestaltet werden sollen. Schüler und Lehrer erhalten mehr Platz, statt langer Flure gibt es ein Forum, zu dem sich die Klassenzimmer hin öffnen. Mit Flurfunk ist dann wohl Sense.
Genau 210,50 Euro haben verurteilte Schmierer im vorigen Jahr als Wiedergutmachung an die BVG gezahlt. Die hat wiederum 2,95 Millionen für die Beseitigung von Graffitischäden investiert - in etwa soviel wie 2016. Damals gab’s imerhin noch 4235 Euro Schmiergeld zurück (laut Anfrage des CDU-Parlamentariers Kurt Wanser).
Eines Tages werden nach Eugen Gomringer wohl noch Kinder benannt: Sein Gedicht „avenidas“, das nach einer Diskussion um Sexismus in Versform bald von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule verschwindet, wird ab Donnerstag auf einem acht mal zwei Meter großen Banner neben dem Brandenburger Tor zu sehen sein.
Einst flogen in der Mainzer Straße die Pflastersteine (aus besetzten Häusern), heute fliegen hier in Friedrichshain höchstens noch die Löcher (aus dem Käse). Und Anwohner wollen, dass es so bleibt. Denn die haben durchgesetzt, dass Lebensmittelgeschäfte, Buchläden und Kneipen die - eigentlich zu schmalen Bürgersteige - vorerst weiter für Auslagen und Tische nutzen dürfen. So steht’s im „Leute“-Bezirksnewsletter von Nele Jensch (erscheint heute).
Berlin erlebt eine Einbruchsserie, und das nicht nur in Keller, wie schon im CP mal vermeldet wurde. Vielmehr erwarten Potsdamer Klimaforscher einen Kälteeinbruch zum Ende der Woche. Ursache ist der der schwächelnde Polarwirbel (wegen Klimawandels), der die Kaltluft normalerweise über der Arktis zusammenhält.
Und dann ist überraschend auch noch der Wohnungsbau in der Region eingebrochen. Nach Branchenangaben sind es 12 Prozentpunkte. Ursache ist der Mangel an Bauland.
Die Frage „Was kann Berlin von Hamburg lernen?“ ist zwar ein Evergreen, aber zum Glück gibt es so viele Antworten darauf wie Schuppen auf dem Fischmarkt. „Ein Bürgermeister ist nicht der Moderator, sondern der Anführer“, sagt beispielsweise CDU-Politiker Ole von Beust. Der frühere Erste Bürgermeister war Mittwochabend zu Gast bei Parteifreunden in Wuhletal (Marzahn-Hellersdorf). Vielleicht hätte er lieber mal zur SPD gehen sollen.
Ein hohes Tier ist auch im Fläming gesichtet worden – ein Elch. Das Tier gilt in Deutschland als ausgestorben. Dieser Elch ist aber eindeutig an uns vorübergegangen. Zeigt zumindest die Aufnahme aus einer Fotofalle.
Siemens kämpft erfolgreich um den Titel „unbeliebteste Firma“ in Berlin. Nach angedrohtem Arbeitsplatzabbau lässt das Unternehmen auch beim Streit um den Kauf neuer U-Bahnwagen nicht locker. Klage gegen die BVG ist eingereicht, nun droht dort Fahrzeugmangel. Dass die deshalb nicht mehr am Siemensdamm halten will, ist aber nur ein böses Gerücht.
Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus legt sich weiter für den Flughafen der Herzen ins Zeug. Es sei viel einfacher, Tegel offen zu halten, als es der Senatsgutachter behauptete. Das hätten eigene Recherchen ergeben. Außerdem sei der Senat nach dem erfolgreichen Volksentscheid für den Airport „politisch und moralisch“ verpflichtet, alle Möglichkeiten für einen Weiterbetrieb zu nutzen.
Ansonsten scheint es der CDU zu viel Rot, Gelb, Grün in der Stadt zu geben. Mit einem Antrag im Parlament (tagt heute) will sie den Senat auffordern, bei Neu- oder Umbau von Straßenkreuzungen möglichst einen Kreisverkehr anzulegen: Spart Ampeln, beschleunigt den Verkehr, reduziert Unfälle.
Nun noch einen Servicetipp für alle, die einen an der Waffe haben: Bis Anfang Juli können illegale Messer, Pistolen, Gewehre straffrei bei der Polizei abgeben werden. Seit mehr als einem halben Jahr läuft die Amnestie bereits, und laut RBB wurden insgesamt 81 Waffen abgeliefert.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Hätte, hätte, Seenkette.“
Alternativvorschlag von Tagesspiegel-Kollege Bernd Matthies zum neuen Landes-Werbespruch „Brandenburg. Es kann so einfach sein“.
Tweet des Tages
„Bei der Post in Mitte. Kundin muffelt, weil sie sich von der Angestellten angemuffelt fühlt. Kaum ist sie raus, tönt es hinter den Paketen: „Sollse doch in ihrn Bezirk zur Post gehen!“
Stadtleben
Das Commonground in Mitte ist das zweite gastronomische Projekt der Kaffee-Versteher von Siloh aus Friedrichshain. Das Konzept im Circus Hotel an der Rosenthaler Straße 1 umfasst aber nicht nur morgendliche Wachmacher: Ein Abstecher in die lichten Räume (mit Terrasse im Innenhof) lohnt vor allem für ein ausgedehntes Frühstück und zum Lunch (täglich ab 7.30 bis 16 Uhr), wobei die außen krossen und innen weichen French-Toast-Variationen hervorzuheben wären. Zu pochierten Eiern werden auf Wunsch Bloody Mary und Espresso Martini gereicht, gegen Abend erweitert sich das Getränkeangebot um weitere Alkoholika wie Craft Beer und Naturweine. Gut zu wissen: Am Wochenende herrscht Laptop-Verbot.
Praline ist nicht gleich Praline, manche können sogar glitzern: Genuss-Kollegin Susanne Leimstoll hat bei Ohde in Charlottenburg ein raffiniertes Stück aus Ganache und persischem Blausalz entdeckt. Die hell- bis azurblau schillernden Kristalle sind gemörserter Steinsalzstaub aus der Wüste Lut im Iran, der Heimat des Inhabers Hamid Djadda. Der hat sich eigentlich auf Marzipan spezialisiert, zum Glück hat er bei dieser Kakaoköstlichkeit eine Ausnahme gemacht. Zu finden in der Uhlandstraße 179 oder online als Couvert (ab 5,90 Euro).