Berlin wird immer voller, und die Abschottungstendenzen wachsen - auch in der Politik, die ein „Wir“-Gefühl kultiviert: Wir gegen den Rest der Welt, die auch etwas abhaben will von „unserer“ Stadt, sei es als Neuberliner oder Touristin. Von Willkommenskultur ist keine Rede mehr, lieber wird über Zuzugssperren fantasiert, über eine „Rückeroberung“ der Stadt durch die „Locals“, über den Verzicht auf Eigenwerbung. Ein Eindruck, der sich zunehmend verbreitet: Berlin ist sich selbst genug, die Hauptstadt der Freiheit grenzt sich ab.
Die Wohnungs(bau)politik ist Teil dieser Entwicklung, ob zufällig oder absichtlich mögen die Koalitionäre unter sich ausmachen. Unsere Kolumnistin Hatice Akyün schreibt dazu heute im Tagesspiegel: „Langsam glaube ich, dass es einen Grund dafür gibt, warum der rot-rot-grüne Senat den Wohnungsmarkt ins Chaos stürzt: Wenn erstmal alle, die es sich nicht leisten können wegziehen oder ihr Eigentum verkaufen müssen, ist es in Berlin schön ruhig. Man bleibt unter sich und niemand nervt mehr.“ Im Verwaltungsbereich „Bauen und Planen“ gehen übrigens in den kommenden fünf Jahren fast die Hälfte der Beschäftigten in den Ruhestand, das begrenzt das Wachstum der Stadt von alleine – wenn die Stellen überhaupt nachbesetzt werden können, dauert das jeweils mindestens vier Monate.
Einer, der für das quirlige, wachsende, offene und deshalb zuweilen auch nervige Berlin steht, ist Burkhard Kieker, seit zehn Jahren an der Spitze der offiziellen Stadtmarketing-Gesellschaft „visitBerlin“. Mit ihm habe ich über Zustand und Zukunft, Bewohner und Besucher der Stadt gesprochen, „die verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein“ (Karl Scheffler, 1910) – einige Auszüge:
„Manche Leute würden Berlin gerne einfrieren wie einen Fisch auf dem Buffet.“
„Eine Großstadt kann nicht unter sich bleiben, eine Großstadt muss teilen.“
„Berlin gehört zuerst den Locals. Aber wir sollten nicht so wahnsinnig sein zu meinen, alles was hier zu sehen und zu erleben ist, sei nur für uns Berliner entstanden.“
„Tourismus ist die größte Form von Kulturaustausch. Das ist keine Modeerscheinung, sondern ein Grundbedürfnis der Menschen.“
„Berlin ist der beste Knacker für Stereotype über die Deutschen.“
Was Kieker von der Linken-Abgeordneten Katalin Gennburg hält, die das Berlin-Marketing abschaffen will, und welche persönlichen Tipps er seinem Berlin-Besuch gibt, lesen Checkpoint-Abonnenten hier. Das vollständige Interview erscheint am Sonntag im Tagesspiegel.
Es gibt Neuigkeiten zum Trojaner-Angriff auf die Justiz. Am vergangenen Montag wurde das Computersystem des Kammergerichts nach einem Trojaner-Angriff vom Landesnetz abgetrennt. Als Vorsichtsmahßnahme sei das komplette Computersystem vom Netz genommen worden, hieß es damals. Allerdings war der Angriff damals schon wesentlich länger bekannt, als bisher gedacht.
1) Kammergerichtspräsident Bernd Pickel hat bei einer internen Veranstaltung mitgeteilt, dass bereits am 10. September vom Berliner IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) eine Infektion festgestellt worden war. Eine offizielle Information ans Kammergericht erfolgte erst am 23. September.
2) In der Justizverwaltung heißt es, zunächst sei versucht worden, das Problem in den Griff zu bekommen, dann habe man „aufgegeben“ und die betroffenen Rechner komplett vom Netz genommen. Aus der Erfahrung in anderen Fällen mit demselben Virus wird eine Lösegeld-Erpressung mit Bitcoins befürchtet.
3) Wegen der veralteten IT-Ausstattung am Kammergericht arbeiten viele Richter mit USB-Sticks – ob dadurch weitere Rechner infiziert wurden, ist noch unklar. Jetzt wird erstmal wieder mit Papier gearbeitet.
4) IT-Staatssekretärin Sabine Smentek sagte dem Checkpoint: Dass es sich um den gefährlichen Trojaner „Emotet“ handelt, sei erst Mitte vergangener Woche festgestellt worden. IT-Forensiker untersuchen jetzt den Weg, den das Virus genommen hat - es gebe aber keine Hinweise auf ein Überspringen in andere Verwaltungen.
5) Die SBC-Umgebung von Landgericht und Amtsgerichten sowie die des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten sowie anderer Landesbehörden waren gestern früh ebenfalls von Störungen betroffen – es handelt sich dabei aber offenbar nicht um den Emotet-Trojaner, sondern um eine Parallelentwicklung. Einzelne Dienststellen konnten etwas später bereits wieder arbeiten.
Telegramm
Geisel macht Druck auf Dealer im Görli – der Innensenator will „mit verstärkter Polizeiarbeit“ rangehen und „Identitäten“ feststellen, „um deren Abschiebung einzuleiten“. Hm, hört sich so an, als hätte Frank Henkel ein paar Unterlagen in seinem alten Dienstzimmer vergessen.
Die SPD-Senatoren und der Regierende Bürgermeister lehnen den Entwurf zum Mietendeckel ab, Justizsenator Dirk Behrendt von den Grünen stimmt zu – aber nur „unter Vorbehalt“ (na wer weiß, wofür das später noch gut ist).
Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek spricht über einen neuen Versuch zur Fusion von Berlin und Brandenburg – wir haben mal ausgerechnet, wie die Wahl in einem gemeinsamen Land ausgehen würde (Basis: aktuelle Forsa-Umfrage Bln, Ergebnisse Landtagswahl Brb, gewichtet nach Zahl der Wahlberichtigten ab 18 Jahren). Und hiermit präsentiert der Checkpoint weltexklusiv die erste gesamtmärkische Sonntagsfrage seit Beginn der Herbstferien:
SPD 20,6 %
Grüne 18,1 %
AfD 16,6 %
CDU 16,4 %
Linke 16,3 %
FDP 5,1%
Dürfte in beiden Ländern ab 16 Jahren gewählt werden, dürfte das allerdings noch etwas anders ausfallen. Nicht berücksichtigt haben wir außerdem etwaige unterschiedliche Wahlbeteiligungen in Berlin und Brandenburg. Und außerdem: Wer weiß schon, was in 100 Jahren ist…
Mit den Worten „Es ist voll“ warnt die Flughafengesellschaft FBB vor ihren Flughäfen und empfiehlt: Während der Herbstferien bitte zwei Stunden Anstehzeit einpacken.
Leicht hat‘s die Jugend noch nie gehabt, aber die von heute hat’s besonders schwer: Wie soll sie vernünftig rebellieren, wenn die Erwachsenenwelt Beifall klatschend am Straßenrand steht und die regierende Politik sogar mitdemonstriert? Also haben Sie bitte ein bisschen Verständnis, wenn von Montag an die eine oder andere Kreuzung von Klima-Aktivisten blockiert wird.
56 Liter auf 100 Kilometer verdieselt der „Solaris-Schlenki B-V 4220“, Berlins lauflängster BVG-Bus (1.190.435 Kilometer, CP von gestern), die Doppeldecker schlucken sogar 63 l/100 km – aber welcher Verbrauch entfällt auf den durchschnittlichen Passagier pro 100 km? Nun, es sind 3,3 Liter (kleine Lektion Mathe mit dem Checkpoint: 50 Mio Liter pro Jahr für die ganze Flotte ÷ 1,5 Mrd Personenkilometer x 100) – zwei Leute im Kleinwagen sind klimaschonender unterwegs.
Sie können sich jetzt auch zu Fuß davon überzeugen, dass die Friedrichstraße zwischen Mohrenstraße und Französischer Straße zur Einzelhandelswüste mit wenigen Quellen verkommen ist – bevor die Politik irgendwo das nächste Rieseneinkaufscenter genehmigt, feiert sie hier noch ein autofreies Wochenende.
Notruf an die 110: „Mein Mann liegt betrunken im Bett und hat seinen Arm auf meine Seite ausgestreckt“ – so eingegangen bei der Polizei am 14.9. um 2.43 Uhr (falls Sie sich gewundert haben, warum Sie selbst nicht durchgekommen sind). 13,7 % aller 110-Anrufe sind ähnlicher Stuss – Katja Füchsel hat das wohl wichtigste Großraumbüro Berlins besucht, ihr „Protokoll des Wahnsinns“ steht heute auf unseren Tagesspiegel-Seiten „Mehr Berlin“.
Die Vertreibung der Mitte-Bewohner schreitet voran – jetzt werden für die Einheitswippe am Schlossplatz 60 Wasserfledermäuse gentrifiziert: Die Umweltverwaltung hat gestern Abend dem Baubeginn unter der Auflage zugestimmt, dass Ersatzwohnungen im Plänterwald geschaffen werden. Checkpoint-Empfehlung: Die alte Geisterbahn ist eine super Adresse.
Einen „Gemüsekrieg am Kleingartenzaun“ vermeldet heute die „B.Z.“ – die Harkereien endeten vorläufig mit einem Knollenbruch im Gesicht eines „Giersch“-Verächters.
Den paar Fortuna-Fans, die ich gestern früh traf, hatte ich noch viel Spaß gewünscht – den hatten dann die anderen: Hertha gewann zum dritten Mal in Folge (diesmal 3:1).
Übrigens: Gäste-Tickets für das Spiel Union vs. Hertha (2.11.) werden auf dem „Viagogo“-Schwarzmarkt für bis zu 1409 Euro gehandelt – und wer als VIP zuschauen will, ist mit 3425 Euro dabei.
Der Aquadom in der Spandauer Straße, nach Betreiberangaben „weltweit größtes Zylinderaquarium“, wird modernisiert - die Fische ziehen solange in den Keller um.
Einen Monat lang hatte die Produktionsfirma „Koryphäen Film“ die Straßen rund um´s Eck pauschal mit Parkverbotsschildern zugestellt, ohne sie zu nutzen – aber am letzten Tag ließ sie abschleppen. Jetzt kam die Rechnung: 35 Euro für eine Ordnungswidrigkeit, „die Kosten für die Entfernung des Fahrzeugs werden getrennt berechnet“ – Titel des Films: „Es ist zu Deinem Besten“. Scheint irgendein pseudoironischer Klamauk zu sein.
Die Bilanz des ersten Probearbeitstags eines Pizzaboten in Neukölln: Fünf demolierte Autos und eine Nase Koks – offenbar hatte er ein paar Schachteln „Inferno Mexico“ in der Kiste.
Und hier noch eine gute Nachricht für unsere Checkpoint-Radgruppe: Am Sonntag soll es trocken bleiben – dem Ausflug zum BER steht nichts im Weg! Treffpunkt ist der Tagespiegel-Hof am Askanischen Platz 3, los geht’s um 9.30 – und wer noch mitradeln mag: Bitte kurz anmelden unter checkoint@tagesspiegel.de. Wird gut!
Durchgecheckt
Burkhard Kieker ist seit 2009 Geschäftsführer von „visitBerlin“, der offiziellen Organisation für Tourismus- und Kongressmarketing.
Herr Kieker, was macht Berlin weltweit so attraktiv?
Berlin ist eine Comeback-Story, eine Stadt, sie sich nach schlimmster Disruption neu erfunden hat – deshalb liebt uns die Welt.
Aber muss alle Welt deshalb auch herkommen?
Berlin ist kein Kuhdorf mit Schlagbaum, sondern entwickelt sich zu einer Weltstadt, ob uns das nun passt oder nicht. Das ist unsere DNA als Hauptstadt, diese Rolle müssen wir annehmen. Ich finde die ganze Diskussion als erstaunlich provinziell. Und übrigens: Mit dem BER wird Berlin noch internationaler.
Dennoch sind viele Berlinerinnen und Berliner genervt vom Tourismus.
Zunächst: Die Zahlen zeigen das Gegenteil, nämlich eine große Akzeptanz für unsere Gäste bei den Berlinern. Es ist eine kleine aber artikulierte Minderheit, die gerne unter sich bleiben möchte. Trotzdem: Berlin gehört zuerst den Locals. Aber wir sollten nicht so wahnsinnig sein zu meinen, alles was hier zu sehen und zu erleben ist, sei nur für uns Berliner entstanden. Eine Großstadt kann nicht unter sich bleiben, eine Großstadt muss teilen – mit Deutschland und der Welt.
Es gibt Veränderungen, die zu Verdrängung führen.
Ja, da muss man gegenhalten, und das wird ja auch getan. Aber der Tourismus ist nicht für steigende Mieten verantwortlich, sondern zunächst mal für rund 250000 Jobs von Menschen, die damit ihr Geld verdienen und Miete zahlen können. Manche Leute würden Berlin gerne einfrieren wie einen Fisch auf dem Buffet, aber das funktioniert in einer so dynamischen Stadt einfach nicht.
Auch in der Politik gibt es Tourismus-kritische Stimmen.
Die rasante Entwicklung Berlins beunruhigt manche Leute auch verständlicherweise und das wird im Moment gerne der Einfachheit halber beim Tourismus abgeladen – auch, weil Touristen keine Wähler sind.
Die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg möchte die Berlinwerbung am liebsten beenden.
Bei der Dame geht‘s glaube ich erstmal um Eigenwerbung. Aber dennoch: Der Tourismus lässt sich nicht abschaffen. Seit Amsterdam das Stadtmarketing eingestellt hat, ist die Zahl der Touristen dort um 15 Prozent gestiegen, und es kommen ungebremst Junggesellenabschiede.
Also ist der Tourismus offenbar doch nicht so gut steuerbar.
Berlin nimmt seit dreißig Jahren gerne Geld aus dem Tourismus ein, steckte aber lange fast nichts in die Infrastruktur. Es gibt zum Beispiel noch immer kein Reisebuskonzept. Auch das Leitsystem kommt nur mit gähnender Langsamkeit voran, dabei könnten wir damit schon viel erreichen.
Geht mit der Flugscham der Tourismus nicht irgendwann zurück?
Tourismus ist die größte Form von Kulturaustausch. Das ist keine Modeerscheinung, sondern ein Grundbedürfnis der Menschen.
Was würden Sie Ihrem Berlin-Besuch empfehlen?
Neben der Besichtigung unserer Geschichte würde ich sagen: In den Kurfürstendamm-Seitenstraßen ins Café setzen, auf der Friedrichsbrücke die Menschen an sich vorüberziehen lassen, und abends ins den „Zig Zag Jazz Club“ oder ins „Orania“.
Das vollständige Interview erscheint am Sonntag im Tagesspiegel.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – War es letztes Wochenende der Marathon, der die Innenstadt lahmlegte, ist es heute Bürgermeister von Dassel, der zum Shoppen in die Friedrichstraße einlädt – morgen ist nämlich nicht nur verkaufsoffener Sonntag, sondern die Friedrichstraße das ganze Wochenende über autofrei. Wer Besuch hat, der sich mit Görli, Boxi & Co, sagen wir, schwertut, kann ihn hier einem kuratierten Konsumrausch überlassen, der von allen Gefahren der Hauptstadt ablenken wird. Sich selbst gönnt man derweil einen ausgezeichneten Kaffee in der Markthalle IX. Da findet nämlich gerade das Coffee Festival statt, das mit der Vorstellung zahlreicher Röstereien, mit Vorträgen, Workshops und Verköstigungen die Kaffeekultur zelebriert. Und weil der Görlitzer Park fußläufig zu erreichen ist, kann man seien Mehrweg-Thermosbecher auch dort leeren und Muster in der dichten Wolkendecke ausmachen oder einer der unvermeidlichen Acro-Yoga-Gruppe beim Workout zuschauen.
Samstagmittag – Wer dabei selbst Bewegungsdrang entwickelt, kann den in der ehemaligen Postfiliale am Halleschen Ufer 60 ausleben. Das inoffizielle HAU5 (wo das HAU4 liegt, ist übrigens ein gut gehütetes, HAU-internes Geheimnis) ist für die Dauer des „Berlin bleibt!“-Programms ein zusätzlicher Ausstellungs- und Diskursraum, der als Parabel auf die Problematik fungiert, der sich das Festival widmet: Das leichte Leben in diesen Räumen spielt sich nämlich unter einer Art Damokles-Birne ab, denn das Gebäude wird demnächst vermutlich dem Erdboden gleichgemacht. Ab 13 Uhr wird dem drohenden Untergang aber noch mit einer Kiez-Party getrotzt, bei der unter anderem der beliebte Dabke-Tanz getanzt wird (mehr dazu unten im Interview). Passend zu Görli und Abrissästhetik hält um 16 Uhr Gerfried Ambrosch im SO36 einen Vortrag mit dem Titel „Poetry of/ Punk / Matters“, für den er von zahlreichen Interviews und einem bewegten Leben zehrt.
Samstagabend – Apropos Abriss: Wem beim Begriff Pixies gerade nichts einfällt, tippe kurz „Schlussszene“ und „Fight Club“ in seine Lieblingssuchmaschine. Während am Horizont Bankentower einstürzen und zwei Liebende zueinanderfinden stellt in der weit im Vordergrund stehenden Hintergrundmusik Pixies-Sänger Frank Black die Frage nach dem Verbleib seines Verstandes. Eben er und seine Band spielen heute um 20 Uhr in der Columbiahalle ihre Fassung eines Soundtracks für die heutige Zeit – leider ausverkauft. Macht aber nichts, denn ein wenig so, wie die Musik der Pixies auf viele Genesis- und Eurythmics-Hörer der späten 80er gewirkt haben wird, dürfte es die von Manual of Errors auf Teile ihrer heutigen Hörerschaft. Das Label „Jazz“ wird einige Puristen empören, was das Ganze für alle anderen umso bereichernder macht. Der Eintritt ins Peppi Guggenheim ist frei, um eine Spende für die Band wird gebeten. 21 Uhr, Weichselstraße 7
Sonntagmorgen – Wem beim Begriff „Hacken“ Bäume und Beile in den Sinn kommen, lasse sich von seiner USB-Maus an die Hand nehmen und wieder vom Holzweg abbringen. Im Gegensatz zum Holzhacken sollte beim „Hackathon“ im Weddinger Silent Green weniger Lärm (ohne Gewähr), dafür umso mehr computer– und informationstechnologische Ethik zu erwarten sein, die anders als Feuerholz eher Gemüter und Herzen entflammen könnte. Das diesjährige Jugend Hackt ist besonders daran interessiert, herauszufinden, welchen Beitrag junge Hacker zum Klimaschutz leisten können und präsentiert die Ergebnisse von drei Tagungstagen ab 11 Uhr in der Gerichtstraße 35 – das Klima als virales Thema…
Sonntagmittag – …ist natürlich längst auch in der Politik angelangt. Um 11 Uhr stellt am Deutschen Theater Bernd Ulrich mit Maria Exner von der Zeit, Schauspieler Ulrich Matthes und Piaist Igor Levit sein Buch „Alles wird anders, das Zeitalter der Ökologie“ vor. Die Kernthese: Statt eine Politik zu entwickeln, die groß genug für das Klima ist, wird das Klimaproblem so weit zurechtgestutzt, dass es zur gängigen Politik passt. Wer anschließend in Ruhe darüber nachdenken möchte, kann seine Kinder in die fähigen Hände von Jacqueline van de Geer geben, die in der Jugendbibliothek der AGB einen Improvisationsworkshop gibt, den man auch als Intuitionstraining beschreiben kann: Es geht darum, eigene spontane Impulse wahrzunehmen und unmittelbar nach ihnen zu handeln (14-16 Uhr, Blücherplatz 1, U-Bhf Hallesches Tor).
Sonntagabend – Von kindlicher Abenteuerlust zu wirklich Abenteuerlichem: Seenotretterin und Kapitänin Carola Rackete ist im Kino Babylon zu Gast, wo der an Bord ihrer SeaWatch3 gedrehte Dokumentarfilm gezeigt wird. Vertieft werden die Eindrücke im anschließenden Podiumsgespräch mit den Regisseuren Nadja Kailouli und Jonas Schreijäg sowie Filmkomponist Nils Frahm. Aufgrund der hohen Nachfrage ist die 20-Uhr-Vorstellung längst voll, weshalb kurzfristig ein zweites Screening für 22.30 Uhr anberaumt wurde. Hier lang zu den Tickets (9 Euro).
Mein Wochenende mit
Stella Konstantinou leitet als „Head of Outreach“ das Begleitprogramm des HAU Hebbel am Ufer und kümmert sich um seine Kommunikation mit der Welt. Foto: Dorothea Tuch
„Mein Wochenende dreht sich um das Ende unseres „Berlin bleibt!“-Festivals, das heißt: Dieses Wochenende geht eigentlich nur bis Samstagnacht, danach endet die Zeit. Wir haben seit etwa Mai ununterbrochen an dem Programm gearbeitet und weiter als bis diesen Samstagabend habe ich tatsächlich noch nicht denken können. Ich werde am Sonntag sicher ausschlafen und mich vermutlich erst einmal sammeln müssen um zu begreifen, dass da noch was kommt, nachdem Berlin geblieben ist. Am Samstag aber steht für mich die Kiez-Party im Vordergrund. Wir haben schon vor Monaten die Nachbarschaft eingebunden und gefragt, wie so eine Kiez-Party aussehen sollte, haben Ideen gesammelt, sind Empfehlungen gefolgt und so kam Schritt für Schritt unser Programm zusammen. Ein Nachbar hat den Kontakt zu Fatih Hatipoglu und Ahmet Lalli hergestellt, die den Panna Street Soccer anbieten, das Quartiersmanagement empfahl uns Medhat Aldaabal (Tanz) und Ali Hasan fürs Dabke Community Dancing. Die erste Marching-Drum-Schule der Stadt, BÄM! (nicht mit dem BAM!-Festival zu verwechseln) ist vor kurzem in Räume der benachbarten Hector-Peterson-Schule gezogen. Und zwei Bands aus den Räumen des Kreuzberger Musikalische Aktion e.V. (KMA) treten bei uns auf. Das ist eine wundervolle Jugendkultureinrichtung, fest im Leben am Mehringplatz verankert, die den Jugendlichen Proberäume und eine warme Mahlzeit am Tag kostenlos bietet. Möglich ist das nur durch unermüdliche Akquisearbeit, weil die meines Wissens nicht von der Stadt unterstützt werden. Ich könnte noch vieles mehr dazu sagen...! Am Abend bin ich natürlich bei der Abschlussparty mit Pastor Leumund & Mittekill, Soft Grid, Chris Imler. Was auch immer am Sonntag danach kommt, wird gegen mein Schlafbedürfnis sowieso keine Chance haben.
Leseempfehlungen
Es gibt Kinder, denen der Zugang zur Informationstechnologie aus Angst vor den unbekannten Konsequenzen verwehrt wird. „Jugend Hackt“ ist eine Initiative in genau die entgegengesetzte Richtung: Neben dem technischen Einmaleins des Programmierens werden hier auch Medienkompetenzen vermittelt, die den Jugendlichen und Kindern Orientierung im Infromationschaos geben sollen. Dass Menschen einmal solche Überlegungen anstellen würden, hat sicher kein Konrad Zuse, Alan Turing oder John von Neumann in den 40er und 50er Jahren vorhersehen können können – wahrscheinlich noch nicht einmal Steve Jobs, als er 1984 die Nachfrage nach dem personal Computer erkannte. Womit sich die alten Herren stattdessen befassten, hat der Historiker George Dyson in einer verständlichen, an den Menschen orientierten Sprache zusammengefasst, die leider die technischen Probleme der Zeit etwas unterbelichtet und Konrad Zuse sträflicher Weise ganz außen vor lässt. „Turings Kathedrale – Die Ursprünge des digitalen Zeitalters" ist dennoch lesenswert. In den gegenwertigen Kulminationspunkt der Kulturgeschichte des Computers hat Manuela Lenzen einen kurzen Einblick für die Zeitschrift Sinn und Form gegeben. Was bedeutet die Tatsache, dass schon heute Kunst von Künstlicher Intelligenz geschaffen wird und sich sogar verkauft?
Wochenrätsel
Am ersten Oktober war „Tag des Kaffees“ – wie viel Liter Kaffee werden in Deutschland jährlich pro Kopf getrunken? Kleiner Tipp: Mehr als Sprudel und Bier!
a) 101 Liter
b) 204 Liter
c) 164 Liter
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenEncore
Hacking hat oft etwas mit Zweckentfremdung zu tun – man hackt sich nicht bloß in Systeme, um drin zu sein, sondern um sie den eigenen Anweisungen folgen zu lassen – oder um herauszufinden, was noch in ihnen steckt. Der US-Soundkünstler Nicolas Collins hat 2006 sein Buch „Handmade Electronic Music“ herausgebracht, das in einfachen, elektrotechnisch nicht allzu komplexen Beispielen zeigt, wie man alles mögliche Gerät, mithilfe eines Lötkolbens und ohne Gefahr für Leib und Leben, zu musikalischen Äußerungen verleiten kann. Hardware- statt Software-Hacking nennt sich das. Der Musiker Krach der Roboter tritt seit über zehn Jahren mit solchen zweckentfremdeten Objekten auf. Er dreht an Knöpfen, verbindet Drähte und lötet zum Teil live an den offenen Schaltkreisen der Geräte, die sein Ensemble bilden. Wie sowas geht, wird ab und an in Workshops vermittelt, wie sie Hacker beispielsweise in Neukölln im common ground (Weisestraße 24) anbieten. Aber bevor es wieder soweit ist, hacken wir erst mal den BER und erklären ihn Sonntagvormittag zum Radtourgelände – bevor der Flugbetrieb losgeht. Vielleicht sehen wir uns dort.
Haben Sie ein schönes Wochenende und bis zum nächsten Mal.
