Die CDU-SPD-CSU-Koalition hat in ihrer unendlichen Weisheit entschieden: Hans-Georg Maaßen wird wegen seiner gezielten Falschinformation der Öffentlichkeit zur Strafe vom Behördenleiter zum Staatssekretär befördert, in Geld ausgedrückt: Statt 11.577,13 Euro (Besoldungsstufe B 9) bekommt der AfD-Flüsterer an seinem neuen Arbeitsplatz im Seehofer-Heimathafen 14.157,33 Euro (B 11). Damit wächst die Stellenzahl in der Führungsspitze des Ministeriums auf 10, davon Männer: 10. Die SPD rechnet nach der Bayernwahl mit einem „goldenen Handschlag“ für Maaßen – es kann aber auch sein, dass Seehofer goldene Ohrfeigen für Merkel und die SPD vorzieht und Maaßen behält.
Der Berliner Satiriker Schlecky Silberstein wird antisemitisch beleidigt und erhält Morddrohungen, seit AfD-MdA Frank Hansel dessen Firmenadresse per Hausbesuch-Video veröffentlichte und drohte: „Wir kommen wieder!“ (CP v. gestern). Gestern habe ich Hansel per Twitter gefragt, ob das sein Verständnis von „Mitte der Gesellschaft“ ist, denn er hält die AfD erklärtermaßen für „die Partei des politischen Realismus aus der Mitte der Gesellschaft“. Hansels Antwort: der Hinweis, dass er „vier Jahre in der Silbersteinstraße“ gewohnt hat - und kurz darauf kommentarlos ein Link zum Wikipedia-Eintrag über die „Silberstein-Affäre“ in Österreich, die nichts damit zu tun. Motto: So sind sie eben, die Juden. Ein bemerkenswerter antisemitischer Affekt aus der „Mitte der Gesellschaft“, hier präsentiert vom Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD.
Post von „DAU“ – vor drei Wochen war uns eine „Sichtung“ des Filmmaterials in Aussicht gestellt worden, nach den Jubelberichten in FAZ und SZ (CP v. 17.9.) haben wir nachgefragt, jetzt heißt es: „… müssen Ihre Anfrage für den Moment abschlägig bescheiden“. Begründung: Es steht nur ein Vorführraum zur Verfügung, hinzukommt, „dass sich DAU nicht erschließt, wenn man lediglich einen der 13 Spielfilme gesehen hat. (…) Für die nächsten Wochen ist leider kein freier Slot mehr vorhanden“. Manche Momente dauern eben ein wenig länger (manche Genehmigungsverfahren auch). Dafür gibt es jetzt erste Lebenszeichen von DAU in Frankreich: Per Stellenanzeige auf jobculture.fr werden Darsteller gesucht (u.a. „Prostituierte und Zuhälter“ sowie „schöne Menschen“) – Schauplatz dort: Théâtre du Châtelet und Théâtre de la Ville.
Die autonomen Freunde der Rigaer Straße waren ohne Zugangsprobleme in die Justizverwaltung marschiert und konnten dort einem Beamten drohend auf die Pelle rücken - ein TV-Team des Bayerischen Rundfunks wurde jetzt aber erfolgreich abgewehrt. In vier Angriffswellen versuchten die Invasoren einzudringen, hier das Protokoll des heroischen Verteidigungskampfes:
1) Die Bitte um ein Interview mit dem betroffenen Beamten wird abgelehnt, Begründung: „Der angesprochene Kollege befindet sich im Urlaub“. 2) Die Bitte um ein Interview mit einem anderen Mitarbeiter wird abgelehnt, Begründung: „Es gibt von unserer Seite keinen Bedarf, diese Aktion durch Bildaufnahmen in unserem Gebäude aufzuwerten.“ 3) Die Bitte um ein Interview mit dem Justizsenator wird abgelehnt, Begründung: „Für ‚Vorfälle in Verbindung mit der Autonomen-Szene in der Rigaer Straße‘ ist der Innensenator zuständig.“ 4) Die abermalige Bitte um ein Interview mit dem Justizsenator „angesichts der heutigen Schlagzeilen“ wird abgelehnt, Begründung: „Unklar, wie Sie zum Plural kommen. Aber das zeigt, woran Sie sich orientieren. Reißerische Beiträge wie die von Herrn Schupelius mögen das ideologische Mütchen der Rechten kühlen, sie tragen aber nicht zur Sicherheit unserer Mitarbeiter bei, die sich in einer konkreten Bedrohungslagebefinden. Nach erneuter Prüfung ist auch aus Zeitgründen kein Interview möglich.“
Wir halten fest: Was Journalismus ist, wie er zu sein hat, wem er gefälligst dient, wann er stattfindet, welche Fragen zulässig sind und welche Berichte als ideologisch genehm gelten, entscheidet im Land Berlin der Justizsenator.
Vor einer Woche scheiterte CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger mit seinem Vorschlag, Danny Freymark als Parlamentarischen Geschäftsführer wiederwählen zu lassen – aber beide tun so, als wäre nichts gewesen: Freymark versieht mit dem Segen des Vorsitzenden weiter seinen Dienst als PGF. Dregger will jetzt (gegen den Rat von Parteichefin Grütters) die Wahl per Gutachten für gültig erklären lassen – doch da hat er schlechte Karten, denn es gibt ein historisches Vorbild: Im September 2006 bekam der vom damaligen Vorsitzenden Pflüger als PGF vorgeschlagene Mario Czaja wie jetzt auch Freymark zwar eine relative Mehrheit, aber nicht die notwendige absolute (Czaja: 17 pro, 16 contra, 4 Enthaltungen, Freymark: 15/14/1). Czaja musste in einen zweiten Wahlgang, erst da setzte sich der spätere Senator durch (26/8/3) – Freymark dagegen bekam nochmal dasselbe Ergebnis.
Statt einer neuen Runde S-Bahn-Betriebsstörungsbingo heute mal die lapidare Antwort der BVG an einen Kunden, der nach der Ursache für die vielen U-Bahn-Verspätungen fragte (per Twitter): „Gibt den ein oder anderen Ausfall. Dadurch gibt es mehr Personen an den Bahnhöfen, der Fahrgastwechsel dauert länger, dadurch kommen mehr Verspätungen, der ein oder andere gerät in Zeitdruck, man quetscht sich in die Bahn, Türen aufdrücken, technisches Problem...usw.“ Also alles so wie immer – Zurückbleiben bitte.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Von wegen in Berlin wird alles schlimmer – hier ein Blick auf die Website der Umweltverwaltung: 1) Feinstaub PM 10: „Schwindendes Problem“, 2) Feinstaub PM 2,5: „Schwindendes Problem“, 3) Ozon: „Schwindendes Problem“, 4) Benzo(a)pyren: „Schwindendes Problem“. Ist eigentlich was für unsere Rubrik „Neu in Berlin“. Gäbe es nicht noch das gute, alte Stickstoffoxid („Ernstes Problem“), wir würden unsere Stadt kaum wiedererkennen.
Was sich in den vergangenen 50 Jahren nicht geändert hat in Berlin: die geheimnisvolle Baukostensteigerung. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1968 – wir lesen: „Wurden sie zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung auf 140 Millionen geschätzt, waren es beim Baubeginn schon 153 Millionen, die sich über 181 Millionen auf 281 Millionen und schließlich auf 302,5 Millionen veränderten.“ Berlinkenner wissen: Hier handelt sich nicht um den BER, sondern um die Uniklinik Benjamin Franklin in Steglitz. (via Tobias Schulze).
Der Friedrich-Ebert-Platz am Reichtag ist seit 10 Jahren gesperrt, Mittes Bürgermeister von Dassel will das ändern – wie und warum, sagt er hier.
„Samstags gehört Vati mir“, hieß eine Gewerkschaftskampagne in den Sechzigern. „Sonntags sitzt Mami an der Kasse“ ist heute das Motto von Arbeitssenatorin Breitenbach – die Linken-Politikerin legt Beschwerde ein gegen das von Verdi erwirkte Verkaufsverbot am 30. September.
Das Mobilitätsgesetz legt fest: Alle Hauptverkehrsstraßen müssen mit geschützten Radwegen ausgestattet werden - doch Senat und Bezirke haben keinen Überblick. Den liefert jetzt das Fahrradprojekt „FixMyBerlin“: Auf 2893 Kilometern sind nur 758 sicher. Wo es besonders schlimm ist und was geplant ist, steht hier.
Bemerkung eines Polizisten, der mit einem Kollegen und einer Praktikantin zu einem verwirrten, hilflosen, im Rollstuhl sitzenden Mann ohne Papiere in die Heiligenseestraße gerufen wird: „Man sollte das machen wie bei den Tieren – chippen. Wenn alle gechippt wären, würde sowas nicht passieren.“ Und wenn alle Polizisten mit Namensschildern ausgestattet wären, würde auch sowas nicht passieren. (Q: Aussage einer CP-Leserin).
Eine armselig-abstoßende Aufgabe hat RBB-Sprecher Justus Demmer in einem Kreuzworträtsel aus dem Deike-Verlag entdeckt – leider im Tagesspiegel: Eine „Inkassozentrale d. staatl. Sender“ wurde da gesucht (kleiner Tipp: fängt mit G an und hört mit Z auf - Haha). Merke: Die Verachtung öffentlich-rechtlicher Medien ist ein schmutziges Lied aus dem politischen Braunkohlenkeller – und da sollte sie auch bleiben.
Die Mohrenstraße spielt eine Hauptrolle in der „New York Times“-Story „The Big Hole in Germany’s Nazi Reckoning? Its Colonial History“ von John Eligon – darin der Satz: „Die Ereignisse von Chemnitz haben Zweifel daran gesät, wie viel Deutschland wirklich aus seiner Vergangenheit gelernt hat.“
Dauerärgernis Müll (1), z.B. vorm Planetarium in Pankow (200.000 Besucher p/a) – Sterne-Vorstand Tim Florian Horn schreibt: „Es ist ein tägliches Trauerspiel. Meine Mitarbeiter*innen und ich sammeln selber Müll und versuchen den Vorplatz ordentlich zu halten. Ich würde mir wünschen, dass hier endlich etwas passiert.“
Dauerärgernis Müll (2), z.B. vor dem Rathaus Wedding – CP-Leser Peter Cornelius beschreibt seine Versuche, Verantwortliche auf die dauernd überquellenden Mülleimer aufmerksam zu machen: Mail an Stadtrat Gothe - keine Antwort. Mail an Bezirksbürgermeister von Dassel – keine Antwort. Meldung ans Ordnungsamt – Status „in Bearbeitung“. Wir erinnern uns: Der Status „erledigt“ wird bei Weiterleitung an die stets nächste unzuständige Stelle vergeben.
Dauerärgernis Müll (3), z.B. in ganz Berlin: Bei Instagram wird der Unrat der Stadt unter „wasteofberlin“ gesammelt – wenn Sie mal nachschauen wollen…
An der Demarkationslinie zwischen Kreuzberg und Mitte kommt es immer wieder zu kleineren Scharmützeln und Gebietsübergriffen. Sichtbares Zeichen (und zugleich Stachel im Asphalt der Nachbarn): Mitte hat seine Automaten für die Parkraumbewirtschaftungszone einfach auf den Bethaniendamm gestellt – doch der gehört zu Kreuzberg (und da gibt es keine PBZ). Die Kreuzberger wiederum haben den Automaten den ortsüblichen Anstrich verpasst (hier im Foto zu sehen).
Das niedliche Panzernashörnchen aus dem Tierpark (* 5.9.18, z.Zt. 65 Kilo) hat jetzt auch einen Namen – es heißt Karl (Checkpoint-Kollege Robert Ide würde an dieser Stelle wohl schreiben: „Is ja Dall“).
Im Team Checkpoint und bei unseren „Leute“-Bezirksnewslettern sind wieder Praktikumsplätze frei (bezahlt, natürlich). Voraussetzung: Leidenschaft für unseren Berlin-Journalismus, landes- und bezirkspolitisches Interesse, Neugier und (meistens) gute Laune. Bewerbungen mit kurzer Textprobe bitte per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Das BER-Terminal 1 wollte der damalige Aufsichtsratschef Wowereit lieber von vielen lokalen Firmen bauen lassen als von einem Generalunternehmen (war eher keine super Idee) – den Zuschlag für das BER-Terminal 2 bekam dagegen jetzt ein einziges Unternehmen: Zechbau aus Bremen. Üben konnte die Firma schon mal - sie erbte in T1 den Kabelsalat der Pleitefirma Imtech, die sich am Auftrag verschluckt hatte.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Als Schlusswort ein lieber Gruß nach München. Was den Fußball, den Basketball und das Eishockey angeht, da seid ihr uns Berlinern haushoch überlegen, aber bei Mord und Totschlag sind wir Spitze.“
Der am Sonntag verstorbene Berliner Soziologe und Krimiautor Horst Bosetzky in einem Essay, das er kurz vor seinem Tod für die „SZ“ geschrieben hatte. Der Text mit der Überschrift „Mein Berlin“ sollte im Herbst in der Krimi-Beilage erscheinen.
Tweet des Tages
„Noch zwei Fehltritte und Maaßen ist Bundeskanzler.“
Stadtleben
Essen So manchen Träger der Goldenen Palme trifft man angeblich schon mal im Goldenen Hahn in der Pücklerstraße 20. Eine feste Speisekarte gibt es nicht, steht auf der Speisekarte. Diese eher lockere Beziehung zum angegebenen Inhalt der ansonsten aber durchaus reiß- und bissfesten Karte soll nur der groben Orientierung dienen. Zum Beispiel Menü III für 39 Euro/ Person: Spinatsalat mit Speck und Champignons, Carne Salada – Hausgemachtes Bündnerfleisch, gratinierte Jakobsmuscheln, Caponata Siciliana(Auberginensalat süßsauer), vegetarische gefüllte Tortellini in Salbei/ Rosmarin-Butter, Boeuf Bourguignon und Fisch des Tages. Zum Abschluss ein gemischtes Dessert inklusive sowie eine umfangreiche und gute Weinkarte exklusive. Tische können von 18.30 Uhr bis 21 Uhr oder 21 Uhr bis Open End reserviert werden.
Trinken Städtebau nur aus der Vogelperspektive zu denken ist spätestens seit der Etablierung der Promenadologie durch Lucius und Annemarie Burckhardt überholt. Dabei geht es weniger um Hunderassen als um eine Art Dramaturgie des Raums: wie man Orte wahrnimmt, hängt entscheidend vom Anmarschweg ab. Sehr gut lässt sich das an der Ecke Herrfurthstraße/ Oderstraße in Neukölln veranschaulichen: kommt man aus der Richtung Hermannstraße, zieht einen der horror vacui direkt aufs Tempelhofer Feld hinaus. Hat man aber einen Nachmittagsspaziergang auf demselben hinter sich, fällt der Blick auf die junge Palsta Wine Bar, die mit Blick auf Feld und untergehende Sonne dazu einlädt, die strapazierten Waden bei einem Glas Wein durchzustrecken. Zu überprüfende These: Das Raumgefühl ist nicht nur abhängig vom Kilometerstand, sondern auch vom Weinpegel. Die Speisen sind ebenfalls eine Empfehlung wert. Oderstraße 52 gegenüber dem Eingang/Ausgang zum Tempelhofer Feld, Mi-So 15-23 Uhr
(Aktualsisierung am 9. Mai: Die Pasta Weinbar musste in der Coronakrise dauerhaft schließen)