Zur ARD-Intendantentagung (Anreise gestern, Beginn heute) leistet sich der arme RBB für die lieben Kollegen ausnahmsweise mal ganz was Feines: Anstatt wie sonst in nüchternen Senderräumen zu konferieren, geht’s diesmal ins edle 5-Sterne-Hotel Waldorf Astoria am Zoo. Der RBB erklärt das mit fehlenden eigenen Kapazitäten, für alle Gremienmitglieder sei zu wenig Platz – und auch in anderen Städten werde nicht zwangsläufig in den Funkhäusern getagt. Zur Besänftigung der ansonsten auf Sparsamkeit getrimmten Mitarbeiter: Der Saal wird nur gemietet, nicht gekauft.
Morgen ernennt der Senat Margarete Koppers zur Generalstaatsanwältin auf Lebenszeit – obwohl gegen die frühere Polizeivizepräsidentin seit April 2017 ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt durch Unterlassen in der Schießstandaffäre läuft. Möglich wird die Ernennung, weil es kein Disziplinarverfahren gegen sie gibt – laut Innenverwaltung war das als „nicht zwingend notwendig" erachtet worden. Doch das widerspricht einer seit 2007 geltenden Geschäftsanweisung „für die gesamte Polizeibehörde“, der zufolge bereits ein „disziplinarrechtlich erheblicher Sachverhalt" vorliegt, wenn „Tatsachen, die den Gegenstand eines Straf- oder Ordnungswidrigkeitenverfahrens bilden, bekannt werden“ und der „betroffene Beamte als Beschuldigter“ geführt wird. Heißt: Ein Disziplinarverfahren ist zwangsläufig. Eigentlich.
Bis zum Abschluss der Ermittlungen ruht ein solches Verfahren in der Regel, um der Justiz nicht vorzugreifen. Doch genau das tat Innensenator Andreas Geisel, für den „kein Fehlverhalten erkennbar“ ist: Der Weg für Koppers an die Spitze der Staatsanwaltschaft war damit frei. Doch auch Justizsenator Dirk Behrendt selbst, der die Ernennung von Koppers vorschlägt, schrieb einem von den Schießstand-Schadstoffen betroffenen Beamten im Januar 2018: „Grundsätzlich führt die Anzeige einer innerdienstlichen Straftat gegen einen Beamten immer zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens.“ Was dort nicht stand: Es sei denn, es passt dem Senat nicht in die Personalplanung.
Die „Berliner Zeitung“ greift heute in ihrem S.1-Aufmacher („Kampf am Checkpoint Charlie“) die Checkpoint-Meldung über das Ultimatum der Firma Trockland auf: Autorin Gabriele Keller zitiert u.a. die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg („Diese Erpressungsversuche sind unerträglich“) und Daniel Wesener von den Grünen, der von „klassischem Baulobbyismus mit Parteibuch-Hintergrund“ spricht – gemeint ist damit der Koalitionspartner SPD: Für den Investor, der mit einer Zwangsversteigerung zum Höchstpreis droht, wenn seine Pläne nicht akzeptiert werden, machen wie berichtet als Berater die Sozialdemokraten Gabriele Thöne (Ex-Finanzstaatssekretärin) und Günter Polauke (Ex-SED-Bezirksbürgermeister) unter den Abgeordneten Druck (CP v. 6.9.). Der Senat (inkl. Bausenatorin Lompscher, Linke) tendiert zum Abschluss einer Vereinbarung nach den Trockland-Wünschen.
Auch in der CDU wird von Erpressung gesprochen worden – der stv. Fraktionsvorsitzende Mario Czaja sagte mir gestern: „Der Checkpoint Charlie ist einer der wenigen noch unverbauten historischen Orte Berliner Zeitgeschichte. Für mich wäre es unvorstellbar, diesen mit einem Hardrock-Hotel und einem Museum des Kalten Krieges im dortigen Keller zu verramschen. Berlin sollte seine dort eingetragene Grundschuld in eigenes Eigentum überführen und die Entwicklung des Areals selbst betreiben.“
Für mich gehört der Checkpoint Charlie seit langem zu den schlimmsten Orten der Stadt – und ich komme jeden Tag dort mindestens zweimal vorbei. Ein unerträglicher Mummenschanz mit Billigbuden und wildem Touristenbusbahnhof, dem zur vollständigen Vernichtung nur eins fehlt: ein Hard-Rock-Café.
Stellenausschreibung des Straßen- und Grünflächenamts Steglitz-Zehlendorf: „Sehr wichtig ist die Bewältigung eines vorgegebenen Arbeitspensums und ein gleichmäßiges Arbeiten ohne nennenswerte Fehler und Leistungsschwankungen. Ebenfalls sehr wichtig ist, mit den zur Verfügung stehenden Arbeitsmitteln auszukommen und diese effektiv einzusetzen.“ So, und jetzt stellen wir uns bitte kurz mal vor, wie es bisher so lief in der Abteilung Gartenbau.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Auffälliges Detail bei der Ausschreibung „Leiterin/Leiter der Abteilung Verfassungschef“: Voraussetzung für eine Bewerbung auf die B5-Stelle ist lediglich eine Eingruppierung in A16 – mindestens B2 wie beim Polizeivize wäre eigentlich angebracht. Da hat der zuständige Staatssekretär Akmann wohl schon wieder sehr konkrete Vorstellungen.
Als „Störende Veranstaltung von herausragender Bedeutung“ hatten die Behörden das Lollapalooza auf dem Olympiagelände klassifiziert – und das Festival machte dem Titel alle Ehre: genervte Anzeigen wegen der Lautstärke, aber große Begeisterung auf dem Platz. Lollapaleiser wird’s nicht mehr.
Die Kastanienallee ist als gefährlich gefürchtet – jetzt stürzte ein Radfahrer an einer Straßenbahnschiene, ein Laster überrollte ihn tödlich.
Nidal Rabih war in Berlin schon bekannt, bevor er 14 wurde - als Intensivtäter „Mahmoud“. Und auch danach setzte er seine kriminelle Karriere im Umfeld der Neuköllner Clans fort, sammelte Freunde, Feinde und Jahre im Knast. Gerade erst kam er mal wieder frei – gestern wurde er, inzwischen 36, in der Oderstraße am Tempelhofer Feld von einem noch unbekannten Täter erschossen.
Kommt das Mauerkunstprojekt „DAU“ – oder kommt es nicht? Fest steht: Auch im neuen, verkleinerten „DAU“-Antrag (die Staatsoper bleibt jetzt draußen) fehlt ein wichtiges historisches Detail: Es ist kein Einsatz von Mauerspechten vorgesehen. Könnte also passieren, dass Andenkensammler das Kunstbauwerk schon vor dem offiziellen Abriss am 9.11.18 mit Hammer und Meißel durchlöchern.
Ob bis dahin alle wissen, warum „DAU“ eigentlich „DAU“ heißt, ist ebenfalls fraglich. Wikipedia bietet folgende Lösungen an: „Damen-Armband-Uhr, Deutsche Akkreditierungs- und Zulassungsgesellschaft für Umweltgutachter, Deutsche Athleten-Union, S-Bahnhof Aue (DS 100-Code), Digital-Analog-Umsetzer, Digitaler Alarmumsetzers, Daily Active User, Data Acquisition Unit, Defense Acquisition University“ und natürlich „Dümmster anzunehmender User“. CP-Leser Dieter Bär schlägt „Dümmster angedachter Unsinn“ vor, aber auch das ist falsch – DAU ist benannt nach dem russischen Nobelpreisträger Lew Dawidowitsch Landau.
Die landeseigene Website berlin.de („Das offizielle Hauptstadtportal“) wirbt für das Projekt übrigens mit den Worten „Das Experiment ‚Dau Freiheit‘ des russisches Filmemachers Ilya Khrzhanovsky möchte Dikatur erlebbar machen“ (ich nehme an, es ist „Diktatur“ gemeint) – offensichtlich unterstellt der Senat hier eine gewisse Sehnsucht.
Apropos: Heute erschient das Buch „Ich war der letzte Bürger der DDR“ von Honecker-Enkel Roberto Yanez Betancourt - und damit es sich gut verkauft, offenbart er darin „ein Familiengeheimnis“: Die Asche seiner Großeltern ist noch nicht begraben, die Urnen stehen bei einem Bekannten herum. Des Enkels Wunsch: eine Beisetzung auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde. Könnte aber auch bei DAU unters Volk gestreut werden, zur noch besseren Immersion. (Q: BZ, Berliner Zeitung)
Im Mai konnten Anträge auf Förderung von Lastenrädern bei der Verkehrsverwaltung eingereicht werden, entschieden werden sollte wegen der gedeckelten Summe (200.000 Euro in diesem Jahr) nach dem „Windhund-Prinzip“. Die Anträge wurden aber offenbar einem begossenen Pudel überlassen, der sie in seine Hütte apportierte und nicht wieder rausrückt: Die Bescheide sind immer noch nicht da.
Wippe wieder auf der Kippe: Das Landesdenkmalamt hat Bedenken – der Baugrund am Spreeufer ist lt. Gutachten für das Einheitsdenkmal zu „schwabbelig“ (Q: Berliner Zeitung). Aber warum sollte es dem Denkmal auch bessergehen als der Einheit selbst.
Das Checkpoint-Motto „Amt, aber glücklich“ passte wunderbar zum gesamten „Creative Bureaucracy Festival“ in der HU – Johnny Haeusler, Katrin Dribbisch und Johannes Ludewig erzählen hier im Podcast, was für sie die Highlights waren.
Nachtrag zur Meldung „Eklat in der BVV Neukölln“ (CP v. 7.9.18): Die fraktionslose AfD-Verordnete Anne Zielisch, die sich von Journalisten gestört fühlt und deshalb von der rechten Seite auf die linke umziehen soll, legt Wert auf die Feststellung, dass sie nicht früher „der Linkspartei nahe“ stand: „Richtig ist: Ich war früher in der linken Szene, habe gegen die Ausschreitungen in Lichtenhagen demonstriert und gegen den G8 in Genua. Gewählt habe ich damals die Grünen. Nie die SED.“ Wie beruhigend.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Erstaunlich, wie schnell doch die Zeit vergeht.“
Die Flughafen-Geschäftsführung im Editorial der in „Nachbarn“ umbenannten Zeitschrift „BER aktuell“ (hier die aktuelle Ausgabe) – gemeint ist allerdings nicht die Zeit seit dem ersten BER-Spatenstich im September 2012, sondern das Ende der Sommerferien (das leider pünktlich kam).
Tweet des Tages
Angesichts der Menschenverachtung, die seit gestern Mittag unter den Hashtags #Köthen und #Küblböck verbreitet wurde, ist heute für Twitter kein Platz im Checkpoint. Ich empfehle stattdessen die Lektüre der Rede von Eva Menasse zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin im Haus der Berliner Festspiele, Titel: „Digitale Gespenster“. Die FAZ hat eine leicht gekürzte Fassung im Feuilleton ihrer Sonntagsausgabe veröffentlicht.
Stadtleben
Afrikanisch essen im Schillerkiez Der sudanesische Imbiss Sahara in der Herrfurthstraße hat seit Ende Juni Konkurrenz. Denn nach seiner Ghana-Reise eröffnete der Fastfood-Liebhaber Dominik Walker eine Straße weiter das Jambo, wo er „African Fusion Food“ verkauft. Also afrikanische Gerichte, für den europäischen Geschmack modifiziert: Herauskommt dabei der „Kojo“, eine Brottasche gefüllt mit Hähnchen, Rind, Lamm oder fleischlos mit Kichererbsen oder Bohnen. Darauf kommt selbstgemachte Erdnuss-, Aprikose-Senf- oder Mango-Curry-Sauce. Unbedingt probieren sollte man – vor allem, wenn man sie noch nie gegessen hat – laut den „Mit Vergnügen"-Kollegen die Kochbananen-Pommes. Selchower Straße 35, U-Bhf Boddinstraße, tägl. 12-22 Uhr
Trinken mit sportlichem Ehrgeiz: Den können Gäste im gemütlich-spelunkigen Zimt und Zunder bei der Trinkgeschwindigkeit, oder aber beim Tischtennis- und Kickerspielen an den Tag legen. Besonders angespornt wird der zuweilen bei den regelmäßigen Tischtennis-Tournieren, denn den Gewinnern wird anschließend ein All-You-Can-Drink-Freifahrtschein spendiert. Sollte man sich im Duell nicht durchsetzen können, ist das auch nicht weiter tragisch: Ein Berliner Pilsener gibt’s in der Straßmannstraße 30 in Friedrichshain schon für 1,50 Euro. Tram-Station Straßmannstraße, Mo-Sa 18-1 Uhr