Mein Wochenende mit
Martin Engler ist als Sänger, Komponist, Schauspieler, Regisseur und Hörspielsprecher mit allen Bühnenwassern gewaschen.
„Vor etwa zehn Jahren sprach ich beim DLF einen Text von Raymond Federman aufs Band, den ich bei der Gelegenheit auch kennenlernte. Mit 14 war er nur knapp den Nazis entkommen – seine Mutter hatte ihn im Wäscheschrank versteckt, als die Gestapo schon die Treppe hinaufkam. Zwei Schwestern, Vater und Mutter wurden deportiert, nur er überlebte. Er gelangte, was an ein Wunder grenzte, nach New York, wo er den ‚Noodle Novel' schrieb. Irgendwann war er Literaturprofessor und enger Freund Samuel Becketts. Aus seiner Geschichte habe ich ein Bühnenstück gemacht, mit dem ich auf ein Festival in die Vereinigten Arabischen Emirate eingeladen wurde. Wie sich herausstellte, war den Veranstaltern überhaupt nicht klar, dass das Stück eine jüdische Geschichte erzählte. Zunächst gab es Aufruhr im Publikum, bald aber auch Interesse und Neugier. Jemand von einer saudi-arabischen Uni wollte den Text haben, um ihn zu übersetzen. Ein Autor aus Bagdad gab uns einen Stapel seiner Texte für Europa mit. Raymond selbst verstarb nur einen Tag vor der Aufführung. Seit zehn Jahren wartet noch ein Text von ihm in meiner Schublade ‚The Voice from the Closet'. Und dieses Wochenende habe ich endlich mal Gelegenheit, mich dem zu widmen um daraus ein Stück zu machen. Den richtigen Hirnproviant dazu hole ich mir mit Fisch, Espresso und Grappa bei ‚Il Casolare' an der Admiralsbrücke.“