Menschenrechtlerin über Hilfe aus Berlin: „Es braucht eine Wende in der Iran-Politik“

In Berlin regt sich eine Solidaritätsbewegung mit den Frauenprotesten im Iran. Mitinitiatorin ist Autorin und Aktivistin Düzen Tekkal. Ein Lage-Gespräch. Von Robert Ide

Menschenrechtlerin über Hilfe aus Berlin: „Es braucht eine Wende in der Iran-Politik“
Düzen Tekkal engagiert sich lange für Frauenrechte. (Archivbild) Foto: TSP/Thilo Rückeis

Das Menschenrecht auf Menschenrechte wird gerade von den mutigen Frauen im Iran verteidigt, die für ihre Selbstbestimmung kämpfen und dabei um ihr Leben fürchten müssen. In Berlin regt sich nun eine Solidaritätsbewegung – etwa mit einer Kundgebung am Brandenburger Tor, organisiert unter anderem von Düzen Tekkal. Die kurdischstämmige Autorin und Menschenrechtlerin erzählt im Checkpoint-Interview, wie Berlin jetzt der Demokratiebewegung im Iran helfen kann.

Frau Tekkal, es dringen immer weniger Nachrichten aus dem Iran heraus. Welche aktuellen Informationen haben Sie zu den Freiheitsprotesten?

Wir kriegen immer noch viele Nachrichten von Protestierenden im Iran – teilweise sind sie kryptisch wegen der Internetsperren und wegen drohender Verfolgung. Die Informationen kommen von mutigen Menschen, sie berichten von Verhaftungen und dem Verschwinden von Angehörigen, aber auch von anhaltendem Widerstand. Es ist schon gefährlich, diese Informationen zu verbreiten. Die verfolgten Menschen sagen mir: Je leiser es bei uns wird, desto lauter müsst Ihr werden!

Kehrt die Angst vor dem Mullah-Regime zurück?

Viele junge Leute im Iran sind zum ersten Mal auf der Straße. Gegen ihren Mut und ihre Wut versucht das Regime die Angst zu setzen. Viele Eltern haben zu Recht Angst, dass ihre Kinder verschwinden und hingerichtet werden. Aber Mut macht auch Anderen Mut. Der Tod der jungen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam war dafür ein Fanal. Sie ist gestorben, weil sie eine Frau war, weil sie Kurdin war und weil sie das Kopftuch angeblich nicht richtig getragen hat. Ihre Eltern haben es gewagt, das öffentlich anzuprangern – sie haben sie nicht heimlich beerdigt, wie das Regime es wollte. Dieser Mut, geboren auch aus dem kurdischen Widerstand, hat sich übertragen. Die Iranierinnen nehmen es als Verbrechen an sich selbst wahr.

Sie haben eine Solidaritätskundgebung am Brandenburger Tor mitorganisiert. Wie kann die Berliner Community den iranischen Frauen helfen?

Wir müssen unseren Blick auf das iranische Regime ändern. Auch viele Menschen in der iranischen Diaspora in Berlin haben Angst vor dem Geheimdienst oder fanatischen Regime-Anhängern; vor brutalen Männern, die ihnen ihr Aussehen und ihr Denken vorschreiben wollen. Meine Eltern machen sich auch Sorgen um mich. Angst hört nicht auf, weil man in Europa lebt. Diktaturen haben einen langen Arm auch in Deutschland – das sehen wir doch an Russland. Was dagegen hilft? Den Regimen entschlossen entgegenzutreten. Zeigen, dass wir frei leben wollen auf dieser Welt.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat zum Amtsantritt eine feministische Außenpolitik postuliert. Was muss die Bundesregierung und was kann Berlin jetzt dafür tun?

Es braucht eine Wende in der Iran-Politik. Westliche Sanktionen müssen die Mächtigen treffen, nicht die Zivilbevölkerung. Bisher wurden Frauenrechte im Iran von unserer Politik ignoriert – mit der Ausrede: So ist das bei den Mullahs eben. Es braucht jetzt Taten für die geschundenen Frauen, die für unsere Werte kämpfen – was sonst soll feministische Außenpolitik sein? Die Frauen versuchen einen emanzipatorischen Befreiungsakt; dafür brauchen sie uns. Der Fokus einer neuen Außenpolitik gehört auf Menschenrechte gelegt, nicht nur auf die Beschaffung von Rohstoffen. Sonst verraten wir unsere Werte. Unsere Solidarität wird von den Opfern gehört. Dafür können alle etwas tun.