Gemeinsam an einem Tisch: Neue Dialogräume zum Nahost-Konflikt in Berlin
Ab Januar soll Dervis Hizarci, Chef der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, eine neue Dialogreihe leiten. Dabei sollen alle Positionen des Nahost-Konflikts zusammenkommen. Von Robert Ide
Reden und reden lassen. Oft ist das schon ein erster Schritt aufeinander zu. Im auch auf Berlins Straßen tobenden Nahost-Konflikt kommen die versöhnenden Stimmen (die für das Überleben der palästinensischen Zivilbevölkerung eintreten, sich aber von der Terrorgruppe Hamas nach ihrem Massaker in Israel distanzieren) kaum zu Wort. Eine besondere und deutschlandweit bisher einmalige Initiative soll das nun ändern. „Wir wollen Dialogräume schaffen, in denen wir jüdisch-muslimische, israelisch-palästinensische und alle anderen vielfältigen und verschiedenen Positionen zusammenbringen“, erzählt Dervis Hizarci am Checkpoint-Telefon. Der 41-jährige Pädagoge ist Chef der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und soll nun eine Art Runden Tisch für die etwa 20.000 jüdischen Menschen und gut 40.000 Einwohner mit palästinensischen Wurzeln organisieren.
„Es geht um moderierte Gespräche mit gemeinsamen Regeln: aussprechen, zuhören, ausreden lassen, aushalten, bei gegenseitigen Verletzungen innehalten und nachfragen, die andere Person sehen und die andere Seite verstehen“, berichtet Hizarci. Dafür soll es drei Jahre lang sowohl öffentliche Veranstaltungen als auch vertrauliche Dialogrunden geben. „Viele sagen ‚Nie wieder ist Jetzt!‘, aber oft sind das nur leere Worte. Wir wollen die Worthülsen mit Inhalten füllen, eine echte Verständigung erreichen und Einstellungen zueinander ändern.“
Hizarci, selbst als Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie in Neukölln aufgewachsen und als Lehrer und Aufsichtsrat der Türkischen Gemeinde seit 20 Jahren für die Verständigung in Berlin aktiv, berichtet im Gespräch auch von seinen eigenen Empfindungen: „Nach dem Massaker der Hamas waren viele engagierte Menschen in der Zivilgesellschaft in Schockstarre. Es gab nur noch extreme Reaktionen, die meisten pro-palästinensischen Demos waren anti-israelisch, auf Solidaritätskundgebungen für jüdische Bürger fühlten sich viele Palästinenser mit ihrem Leid nicht aufgehoben.“ Nun soll es Schritte für ein gemeinsames Verständnis füreinander geben. „Wir müssen das Schwarz-Weiß-Denken beenden und die Scharfmacher in den sozialen Medien die Argumente nehmen“, sagt Hizarci.
Einer der Väter der Initiative hat selbst palästinensische Wurzeln: SPD-Fraktionschef Raed Saleh. „Ich bin froh, dass Profis neue Dialogräume organisieren, um Brücken zu schlagen zwischen den Religionen“, sagte Saleh dem Checkpoint. „Berlin hat es schon einmal geschafft, Mauern einzureißen. Und wir sind zu einer erfolgreichen Verständigung verdammt, damit Berlin Heimat für uns alle bleibt.“ Die Lottostiftung, in der auch Saleh tätig ist, hat 920.000 Euro für das Projekt bewilligt. „Dialog ist ganz wichtig für unsere Demokratie, denn nur Populisten profitieren davon, wenn sich jeder in seiner Ecke verschanzt“, sagt Saleh. „Unser Menschsein besteht darin, gegenseitig Empathie zu entwickeln. In jedem schlägt ein Herz, das groß genug ist für Menschlichkeit.“
Laut Projektleiter Hizarci sollen ab Januar kommenden Jahres zunächst mehrere Gruppen mit mehreren Dutzend Menschen den Dialog starten, über öffentliche Veranstaltungen etwa in der Volksbühne sollen dann auch tausende Menschen erreicht werden. „Jesus hatte am Anfang nur zwölf Jünger um sich, und da ist auch was Größeres draus geworden“, scherzt Hizarci. Seine Wunschvorstellung für einen erfolgreichen Prozess formuliert er so: „Ich möchte, dass am Ende auch ein arabischstämmiger Apotheker in Neukölln einen Zufluchtsort für verfolgte Jüdinnen und Juden anbietet.“ Nicht nur unserer Stadt würde solch ein Klima guttun.