Wir müssen die Widersprüche aushalten

Die Corona-Maßnahmen verwirren viele Menschen. Und dafür gibt es reichlich Anlass. Doch wirklich stringent können die Regeln kaum sein. Eine Checkpoint-Analyse. Von Lorenz Maroldt

Wir müssen die Widersprüche aushalten
Foto: Roberto Pfeil/dpa

eine Checkpoint-Auswertung der jüngsten Corona-Umfragen ergibt ein klares Bild: Die meisten Menschen tragen die Einschränkungen mit, aber die wenigsten können sagen, was gerade gilt (und schon gar nicht warum). Die Widersprüche sind ja auch eklatant. Drei Beispiele:

1) Angela Merkel flehte vor fünf Tagen: „Ich bitte Sie, verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist. Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort.“ Seitdem stieg die Zahl der Neuinfektion weltweit dramatisch an. Gestern teilte das Auswärtige Amt unter „Aktuelles“ mit: „Aufhebung der Reisewarnung für die Kanarischen Inseln.“

2) Der Senat beschließt ein „Vereinzelungsgebot“, private Feiern im Freien sind auf 25 Personen beschränkt (dokumentiert, mit Maske). Gestern teilte das Gesundheitsamt Treptow-Köpenick mit, dass zum Heimspiel von Union gegen Freiburg am Sonnabend 5000 Personen ins Stadion dürfen – obwohl die Fans zuvor bei einem Testspiel (vs. Hannover) massiv gegen die Auflagen verstoßen hatten.

3) In Gaststätten dürfen der aktuellen Verordnung zufolge maximal sechs Personen an einem Tisch sitzen. Gestern lud die Hauptstadt-Marketinggesellschaft „Berlin Partner“ für kommenden Montagmittag vierzehn Führungspersönlichkeiten nach Schöneberg in den Euref-Campus ein – zu einem „Arbeitsessen mit Ramona Pop“ (die übrigens pünktlich zur BER-Eröffnung Geburtstag hat – wer alles zur Feier in Schönefeld eingeladen ist, will die Flughafengesellschaft aber nicht verraten).

Die Liste lässt sich leicht verlängern. Wieso z.B. gilt auf der verlässlich verwaisten Friedrichstraße von Sonnabend an die Maskenpflicht? Weshalb treibt der Senat die Leute pünktlich zum Beginn der kalten Jahreszeit um 23 Uhr nach Hause, also dorthin, wo das Infektionsgeschehen außer Kontrolle gerät? Warum albert der Neuköllner Gesundheitsstadtrat mitten im Corona-Hotspot für einen PR-Gag seiner Partei mit einem gelben Lamborghini herum (mehr dazu weiter unten)?

Die Antwort auf all diese Fragen (und etliche mehr): Es geht darum, das Risiko einer Infektion und der Verbreitung zu minimieren – ausschließen lässt es sich nicht (wie auch Gesundheitsminister Jens Spahn erfuhr – sein Zustand: leichte Erkältungssymptome). Wir werden die Widersprüche weiter ertragen müssen und täglich Neues lernen.