Ist sie der Ötzi Brandenburgs?
Archäologen haben bei Grabungen in der Uckermark die Knochen einer Frau freigelegt. Sie könnte bis zu 5000 Jahre alt sein. Wo kam sie her? Von Robert Ide
und wie alt fühlen Sie sich heute? Im Lockdown zerfließen ja die Wochen in immer längere Längen, obwohl Tage und Nächte kurzerhand immer kürzer werden. Nehmen wir uns deshalb kurz Zeit für eine andere Zeit – und eine Seltenheit: Die Uckermark ist zu neuem Leben erwacht, nicht wegen der Berliner Tagestouristen, die sich immer mehr in Richtung Meer vorwagen, sondern wegen der Archäologen Christoph Rzegotta und Philipp Roskoschinski. Die haben bei Grabungen für eine Windkraftanlage bei Bietikow eine alte Dame entdeckt, die bis zu 5000 Jahre, wohl aber mindestens 2000 Jahre in den Knochen haben dürfte (Foto hier). Zum Vergleich: Ötzi, die berühmte Mumie aus dem Eis, hat zirka 5300 Jahre auf dem Schädel. Der neu gefundene Leichnam wurde offenbar in einer Hockerstellung bestattet, was typisch wäre etwa für die späte Jungsteinzeit. Zudem ist das Grab größer als die bloße Grube, was für eine Bestattung nahe einer Siedlung spricht und auch in die frühe Bronzezeit fallen könnte – also ziemlich ungefähr genau im Jahr 2020; allerdings vor unserer Zeit. Fest steht auf jeden Fall: Die Frau ist steinalt.
„Solch einen Fund habe ich noch nie gemacht“, erzählt Roskoschinski, der die Geschichte mit seiner Firma „Archaeros“ ausgegraben hat, am Checkpoint-Telefon. Der 42 Jahre alte Archäologe aus Panketal, der die Sinne für unsere Historie unter der Erde schärfen will und deshalb in Internetvideos auch mittelalterliche Mythen und Verschwörungstheorien aufzuklären versucht (Beispiel hier), hat nun eine Untersuchung der Überreste in Berlin veranlasst. Matthias Schulz von der unteren Denkmalschutzbehörde Prenzlau bestätigt auf Nachfrage den „ziemlich seltenen Fund“ aus jenen Zeiten, in denen Viehjäger nicht mehr durch die Wälder, sondern als Nomaden durch die Flur oder als Bauern über Felder gestreift sind. „Leider waren sonst keine Fundstücke im Grab, die uns mehr über das Leben der Frau erzählen können“, berichtet Roskoschinski. „Aber die Stelle war liebevoll mit Feldsteinen umgrenzt.“
Durch ein Labor soll nun das Alter der Frau auf 100 bis 150 Jahre genau bestimmt werden; zudem wird eine Berliner Anthropologin in den Knochen nach möglichen Krankheiten und Ernährungsgewohnheiten suchen. Und eine genetische und zahnisotopische Analyse soll zeigen, ob die Vorfahren dieser Vorfahrin schon länger in der Region um das noch nicht existente Berlin gelebt haben. Oder ob es sich um eine Zugezogene handelt. Denn irgendwie, irgendwo, irgendwann einmal, das zumindest lehrt diese kleine Buddelei in unserem Boden, waren alle Berlinerinnen und Brandenburger hier fremd. Und wollten heimisch werden. „Die Menschen früher hatten ähnliche Träume und Gefühle wie wir heute“, glaubt Roskoschinski. Auch wenn damals die Tage länger schienen – und das Leben deutlich kürzer war.