Großer U-Bahnhof für einen russischen Antisemiten?

Die BVG benennt die Station „Mohrenstraße“ um. Aber mit dem neuen Namen kommt ein neues Problem: die „Glinkastraße“ ehrt einen judenfeindlichen Komponisten. Von Björn Seeling

Großer U-Bahnhof für einen russischen Antisemiten?
Foto: Christian Spicker/imago

Nichts bewegt Berlin so wie die BVG – und Bahnhofsnamen. Aus der Station „Mohrenstraße“ soll ja nun die „Glinkastraße“ werden, obwohl die Wilhelmstraße ebenso nahe liegt, dazu viel berühmter und stadtbildprägender ist. Aber eine späte Ehrung für den Soldatenkönig? Das war der BVG dann wohl auch zu heikel. Offiziell gibt sie Angst vor allgemeiner Verwirrung als Grund für die Missachtung des Königs an: Es gebe zu viele Bushaltestellen mit der „Wilhelmstraße“ im Namen, sagt BVG-Sprecherin Petra Nelken. „Wir haben jetzt nicht gesagt, oh, die Station muss unbedingt Glinkastraße heißen, sondern es ging darum, pragmatisch zu sein“, erläutert Nelken. „Wir haben uns gegen die Mohrenstraße entschieden, weil sie Menschen kränkt. Es gab keine Entscheidung für, sondern eine Entscheidung gegen etwas.“

Allerdings hätte die Entscheidung zugunsten des russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804 bis 1857) wohl mal genauer gegengecheckt werden sollen (klappt beim Ticket während der Fahrscheinkontrolle ja auch). Denn laut „Jüdischer Allgemeine“ war Glinka ein Antisemit. So habe er unter anderem den Pianisten Anton Rubinstein (1829 bis 1894) als „zu jüdisch“ attackiert, dieser sei zudem ein „frecher Zhid“ (im Russischen ist „Zhid“ ein abfälliges Wort für „Jude“). Die Russische Musikalische Gesellschaft, die Rubinstein gegründet hatte, sei von Glinka und anderen, ebenso antisemitisch eingestellten Komponisten, als „Zhid-Musikverein“ und Rubinsteins Konservatorium in Petersburg als „Piano-Synagoge“ diffamiert worden. Das Urteil von Autorin Judith Kessler in der „Jüdischen Allgemeinen“: „Schlechte Wahl“.