„Der Senat hat die Lage immer noch nicht im Griff“: Eine Sanitäterin über ihren Alltag in der chaotischen Berliner Flüchtlingshilfe
„Ohne die vielen Privatleute wäre alles zusammengebrochen“, so die 26-jährige ehrenamtliche Johanniterin. Der Senat dagegen sieht das Ganze anders. Von Robert Ide.
Auch Berlin als Stadt hat die Wucht des Krieges überrascht – und noch immer werden vom Senat hektisch Strukturen aufgebaut, um Zehntausende Flüchtlinge aufzunehmen und unterzubringen. Im neuen Ankunftszentrum auf dem früheren Flughafen Tegel werden wegen Personalmangel auch Katastrophenhelfer der Johanniter eingesetzt, berichtet die ehrenamtliche Sanitäterin Josephine am Checkpoint-Telefon.
Sie und andere wurden deshalb diese Woche von der Notunterkunft an der Messe wegbeordert. „Der Senat war am Anfang nicht vorbereitet und hat die Lage immer noch nicht im Griff“, urteilt die 26-jährige Studentin, die seit Monaten im Dauereinsatz ist: Erst half sie im Impfzentrum am Velodrom, mit Ausbruch des Krieges organisierte sie mit vielen privaten Helferinnen und Helfern die Ankunft der Geflüchteten am Hauptbahnhof. Hier kamen zwischenzeitlich mehr als 10.000 Geflüchtete aus der Ukraine pro Tag an – was natürlich jede Stadt überfordert hätte.
Nach den Schilderungen der Helferin standen die Johanniter sofort zum Nothilfeeinsatz am Hauptbahnhof bereit, hätten dafür aber eine Anordnung des Senats bekommen müssen. Doch die habe es trotz Bitten nicht gegeben. So konnte noch Anfang März der Katastrophenschutz keine Strukturen am Bahnhof aufbauen – „ohne die vielen Privatleute wäre alles zusammengebrochen“. Mit anderen organisierte Josephine dann unter anderem Essenslieferungen von der Berliner Tafel für die ankommenden Geflüchteten oder die abendliche Betreuung und teilweise private Vermittlung von Geflüchteten in Familien. „Von der Stadt kam da lange viel zu wenig“, beklagt die Helferin.
Der Senat widerspricht. „Wir waren zwei Tage nach Ausbruch des Krieges mit Mitarbeitern permanent am Bahnhof vor Ort“, sagt Stefan Strauß, Sprecher der Sozialverwaltung, auf Nachfrage. Anfangs sei die Zahl der Flüchtlinge nicht abschätzbar gewesen, da nicht klar gewesen sei, wie viele der Ankommenden eine Unterkunft hier in der Stadt brauchten. „Wir haben uns schnell darauf konzentriert, Strukturen am Bahnhof aufzubauen: das Ankunftszelt, Catering, Wärmebusse und Wärmezüge“, sagt Strauß. Inzwischen sei die Situation weniger angespannt.
Vor zwei Wochen dann wurden die Johanniter zur Messe beordert, wo eine Notübernachtung für Geflüchtete errichtet wurde, berichtet Helferin Josephine. „Aber es war nichts fertig aufgebaut, es gab nicht mal Desinfektionsmittel für die Betten.“ Zudem habe es auch hier zu wenige Leute gegeben. „In manchen Schichten waren wir 15 Leute für 1000 Flüchtlinge.“
Inzwischen kommen aber generell weniger Hilfesuchende in der Hauptstadt an, seit gestern gibt ein neues Drehkreuz auch in Cottbus. Die engagierte Studentin, die seit Monaten im ehrenamtlichen Dauereinsatz ist und gerade auch noch ihre Masterarbeit in Molekular- und Zellbiologie schreibt, glaubt dennoch: „Mit früherer Koordination hätten wir vielen Menschen sicher besser helfen können.“