Die Debatte um Botschafter Melnyk ist „ein Witz“

Warum verteilt Deutschland Haltungsnoten an einen ukrainischen Diplomaten? Nataliya Novakova, Expertin für ehemalige Sowjetstaaten, kann darüber nur den Kopf schütteln. Von Robert Ide

Die Debatte um Botschafter Melnyk ist „ein Witz“
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland. Foto: Pavlo Slobodnychenko/Botschaft Ukraine

Auf immer neue Proben gestellt werden die Beziehungen zwischen der Ukraine und Deutschland aufgrund der jahrelang russlandfreundlichen Politik der Bundesregierungen, von der sich manche Entscheidungsträger noch immer nicht abwenden können. So verbringt selbst in diesen Tagen das politische Berlin viel Zeit damit, diplomatische Haltungsnoten an den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk zu verteilen, etwa weil er „keinen Bock“ auf ein russisch-ukrainisches Friedenskonzert im Schloss Bellevue hatte, während auf die Städte seiner Heimat russische Bomben fallen. Selbstkritik oder Selbstreflexion etwa von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu seiner Rolle als Chef des Bundeskanzleramts unter Kanzler Gerhard Schröder und späterer Außenminister unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Protegé der umstrittenen Nord-Stream-Gaspipelines sind dagegen bisher nicht vernehmbar. Wann werden dafür Haltungsnoten fällig?

Vielleicht ist derzeit sowieso die Frage angebrachter, wie eigentlich Ukrainerinnen und Ukrainer über die deutsche Politik denken. Dazu haben wir mit Nataliya Novakova am Checkpoint-Telefon gesprochen. Die 38-Jährige aus Lugansk lebt seit drei Jahren in Berlin und ist Analystin für die ehemaligen Sowjetstaaten bei der Open Society Foundation. Hier vier kurze Fragen an sie:

Frau Novakova, es gibt aus Moskau erste Andeutungen für eine mögliche Waffenruhe. Würde die Ukraine überhaupt einen langen Krieg schaffen?
Teile meiner Familie sind noch in Lugansk, viele Freunde harren in der Ukraine aus. Die Verhandlungen sind für sie und uns alle schwierig, denn jeder Staat muss seine territoriale Integrität schützen. Niemand in Osteuropa vertraut Russland. Ohne Mitgliedschaft in der Nato braucht die Ukraine andere Sicherheitsgarantien. Natürlich kann man über den langfristigen Status der Krim diskutieren. Aber darüber, dass Mariupol russisch wird? Wie soll das gehen nach dem Morden dort? Die Ukraine ist motiviert, sich selbst zu retten und keine Besatzung zu akzeptieren. Russland muss einen Ausgang aus dem eigenen Krieg finden.

Die Bunderegierung hat lange gezögert bei der Hilfe für die Ukraine – bei Waffenexporten, den Sanktionen, auch mit der Reaktion auf die Rede von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Bundestag. Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, es hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Damals waren die Russen die Befreier. Was aber vergessen wird: Die Ukrainer gehörten genauso dazu. Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben sich die deutsche Politik und Gesellschaft auf Russland konzentriert – und wenig Interesse gezeigt an den neuen souveränen Staaten: Belarus, Georgien, der Ukraine. Deutschland muss endlich aufmerksam für seine Nachbarn sein. Und sich fragen, was wichtiger ist: Wirtschaft oder unsere Werte? Die Deutschen könnten diese Krise ja nutzen für eine schnellere Energiewende: Ohne russisches Gas fördert man umweltschonende Techniken und ist nicht mehr so abhängig von Diktaturen. Russland ist keine Demokratie, kein sozialer Staat, es ist kapitalistisch, oligarchisch korrupt und kriegstreibend. Daher verstehe ich die Moskau-Treue vieler Linker und auch von Sozialdemokraten nicht.

In Deutschland bewerten viele den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk als undiplomatisch. Wie erleben Sie als Ukrainerin das?
Diese Debatte ist ein Witz. Andrij Melnyk arbeitet genau so, wie es seine Rolle verlangt. Er ist ja nicht als Privatperson in Berlin, sondern als Vertreter eines angegriffenen Staates und nebenbei sicher auch als Organisator von Verteidigungswaffen. Wenn sich Andrij Melnyk in ein Friedenskonzert mit russischen Musikern setzen würde, während unsere Städte von Russland bombardiert werden, würde das kein Ukrainer in der Heimat verstehen. Es ist ja schön für die deutsche Befindlichkeit, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Kultur vermitteln will. So etwas kann man nach dem Krieg machen. Jetzt ist die Zeit, um den Angegriffenen zu helfen und Osteuropa zu besuchen. Die Deutschen sollten weniger mit russischen Augen auf die Ukraine sehen, sondern sich selbst ein Bild machen.

Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht in den Beziehungen zwischen der Ukraine und Deutschland?
Ich erlebe in Berlin eine große Hilfsbereitschaft für die Geflüchteten, viele lassen Menschen in Not in ihre Wohnungen einziehen. Die Politik sollte das auch tun: die Ukraine durch das Helfen besser verstehen. Wir wollen schon seit Jahren ein Teil von Europa sein. Jetzt erkennen viele in Deutschland, dass wir es im Herzen längst sind. Leider hat es dafür erst diesen schlimmen Krieg gebraucht.