So wird in den Berliner Bezirken ums Rathaus gekämpft

Die Berliner Parteien rangeln derzeit regelrecht um die Chefsessel der zwölf Rathäuser. An mancher Stelle kündigen sich große Veränderungen an. Eine Übersicht. Von Robert Ide und Judith Langowski, Christian Hönicke, Julia Weiss, Silvia Perdoni, Robert Klages, Boris Buchholz, Cay Dobberke, Johanna Treblin, Thomas Loy, Sigrid Kneist, Corinna von Bodisco, André Görke

So wird in den Berliner Bezirken ums Rathaus gekämpft
Auch das Rathaus in Spandau hat bereits Besonderes zu vermelden. Foto: Titoslack/Getty Images/iStockphoto

„Lieber ein Schulze im Dorf als ein Niemand in der Stadt.“ Frei nach der Regierungsformel der Regionalpolitik rangeln und kungeln die Parteien in Berlins Bezirken gerade um die Chefstühle in zwölf Rathäusern. Schon nächste Woche könnte es zu ersten Kampfabstimmungen in den kleinen Großstädten kommen. Unsere Reporterinnen und Reporter aus den Kiezen haben für den Checkpoint die lokalkoloritische Lage gepeilt:

Reinickendorf: Im Nordwesten leuchtet schon die Ampel. Sozialstadtrat Uwe Brockhausen will neuer Bürgermeister werden und braucht dafür die Stimmen seiner SPD sowie von Grünen und FDP. Die CDU, bei den Wahlen wieder vorne, könnte nach 26 Jahren das Rathaus verlieren (Details hier).

Pankow: Im Nordosten will sich Amtsinhaber Sören Benn von seinen Linken und der SPD wiederwählen lassen; die CDU müsste sich aber mindestens enthalten. Die bei den Wahlen siegreichen Grünen konnten ihre bisherigen Partner nicht für sich gewinnen und stehen ohne Mehrheit da (Details hier).

Mitte: Im Zentrum der Stadt wird nur um Parkplätze gerangelt. Bürgermeister Stephan von Dassel will weitermachen und kann dabei auf seine Grünen und die SPD zählen.

Neukölln: Still ruht der Landwehrkanal. Martin Hikel schippert als Bezirksbürgermeister weiter, seine SPD und die Grünen bleiben an Deck. In der Kombüse muss Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) seiner schärfsten Konkurrentin Miriam Blumenthal (SPD) weichen, er wird dafür Sozialstadtrat (Details hier).

Lichtenberg: Spannendes bahnt sich an, denn die Linke mit ihrem bisherigen Bürgermeister Michael Grunst könnte unter Umständen in der Opposition landen. Denn auch die SPD mit ihrem Kandidaten Kevin Hönicke umwirbt die Grünen. Zusätzlich bräuchten beide Lager Stimmen der CDU und vielleicht von FDP oder Tierschutzpartei (Details hier).

Steglitz-Zehlendorf: Die Revolution steht vor der Rathaustür. Die CDU kann nach 50 Jahren erstmals aus der Regierungs-Erbfolge fallen. Die Grünen wollen lieber mit SPD und FDP ampelleuchten und ihre Umweltstadträtin Maren Schellenberg zur Bürgermeisterin machen. Noch-Amtsinhaberin Cerstin Richter-Kotowski wird vielleicht Stadträtin, vielleicht auch nicht (Details hier).

Charlottenburg-Wilmersdorf: Im Herzen des Westens wird am offenen politischen Herzen operiert. Ob Rot-Grün weiterregiert, ist unklar. Die Grünen wollen Kirstin Bauch zur Bürgermeisterin machen und Baustadtrat Oliver Schruoffeneger im Amt halten. Die SPD würde lieber Stadträtin Heike Schmitt-Schmelz ins Chefzimmer befördern, braucht dafür aber CDU und FDP. Wenn beides nicht klappt, hätten auch Grüne und CDU eine Mehrheit – zumindest rechnerisch (Details hier).

Marzahn-Hellersdorf: Tief im Osten will die SPD neues Terrain gewinnen. Schulstadtrat Gordon Lemm möchte sich von Linken, Grünen, FDP und Tierschutzpartei die Amtskette umhängen lassen. Die CDU, stärkste Kraft vor allem in den Reihenhäusern am Stadtrand, findet in den Plattenbauten wohl zu wenige Verbündete (Details hier).

Treptow-Köpenick: Gemächlich geht es im beschaulichen Südosten zu. Bürgermeister Oliver Igel von der SPD gewinnt als Unterstützer neben der Linken auch noch die Grünen hinzu.

Tempelhof-Schöneberg: Rot-Grün färbt sich hier Grün-Rot. Die Grünen, bei der Bezirkswahl mit nur 270 Stimmen Vorsprung vor der SPD gelandet, wollen Baustadtrat Jörn Oltmann krönen.

Friedrichshain-Kreuzberg: Im grünen Testlabor der Stadt dürfte auf Monika Herrmann die nicht mit ihr verwandte Clara Herrmann folgen (obwohl die eigentlich in Pankow wohnt). SPD und Linke dürften mitmachen (Details hier).

Fehlt noch was? Ach ja, Spandau: Das Puzzle im wilden Westen besteht aus 1000 Teilen und das wichtigste ist: Carola Brückner von der SPD wird nach 99 Männern die erste Bürgermeisterin von Berlin-Spandau. Sie gewann die Wahl mit nur 399 Stimmen Vorsprung vor CDU-Verkehrsstadtrat Frank Bewig und wird nun unterstützt von Grünen, Linken und Tierschutzpartei. Die CDU ist auch Teil der pusseligen Lösung. Thorsten Schatz, bekannt als Schatten von Parteichef Kai Wegner, soll Schulstadtrat werden. Und Berlins Schulneubau-Offensivmann Gregor Kempert (SPD) wechselt als Sozialstadtrat ins örtliche Rathaus (Details hier).

Nicht nur Spandauer kehren gern dahin zurück, wo Politik am spannendsten ist – im Dorf des eigenen Kiezes.