DDR-Fußballer Schlegel beschreibt seine Flucht in den Westen
Er gehörte zu den erfolgreichsten Fußballern der DDR, doch an einem Tag wechselte er spektakulär die Seiten: Dirk Schlegel spielte beim von Stasi-Chef Erich Mielke protegierten Dauermeister BFC Dynamo, bevor er gemeinsam mit seinem Spielerkumpel Falko Götz bei einem Europokalspiel in Belgrad in den Westen floh. Der Abwehrspieler lief später für Bayer Leverkusen auf und war als Amateurtrainer von Hertha BSC tätig. An sein Schicksal wird in dem neuen Dokumentarfilm „Stasi FC“ erinnert, der heute Abend in Berlin gezeigt wird. Für den Tagesspiegel habe ich vorab mit Schlegel gesprochen, hier können Sie schon mal reinlesen:
Herr Schlegel, was geschah am Vormittag des 2. November 1983, als vor dem Spiel in Belgrad ein Einkaufsbummel für die Mannschaft angesetzt war?
In einem Plattenladen haben Falko und ich uns abgesetzt, sind ins nächste Taxi gesprungen und haben uns zur bundesdeutschen Botschaft fahren lassen. Dort hat man uns beruhigt und erst einmal neue Pässe gegeben. Ich hieß fortan Jochen Müller, glaube ich. Für uns wurde die Legende erfunden, dass wir als westdeutsche Touristen im blockfreien Jugoslawien unser Gepäck verloren hätten. Mit einem Auto ging es dann nach Zagreb. Und dann weiter mit dem Zug über die Grenze. Dort wurden wir zum Glück nur sehr flüchtig kontrolliert. Das Gute war, dass wir uns zu zweit Mut zusprechen konnten. Aber es waren zwölf lange Stunden.
Im neuen Film „Stasi FC“ wird gezeigt, wie der ebenfalls geflohene BFC-Spieler Lutz Eigendorf 1983 bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam. Hatten Sie auch nach Ihrer Flucht Angst vor der Stasi?
Ich hatte auf jeden Fall Respekt. In Interviews habe ich mich deshalb kaum politisch geäußert – ich wollte auch meine Eltern in der DDR nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen. Nach dem Mauerfall habe ich dann meine Stasi-Akten eingesehen und gemerkt: Sie haben uns auch in Leverkusen beschattet.
Da die DDR Ihre Freigabe verweigerte, durften Sie zunächst ein Jahr nicht Fußball spielen. Was haben Sie in der Zeit gemacht?
Falko und ich wollten arbeiten gehen und nicht auf dem Trainingsplatz versauern. Bayer hatte damals noch ein Kaufhaus, da stand ich drei Tage pro Woche in der Haushaltsabteilung und habe den Leuten einen Föhn verkauft.
Was Dirk Schlegel heute über das Erbe des ostdeutschen Fußballs und die Berliner Vereine denkt, lesen Sie im ausführlichen Interview – und zwar hier.
Und falls Sie den 64-Jährigen persönlich erleben wollen, dann kommen Sie heute zur Präsentation der mitreißenden Doku „Stasi FC“, die den politischen Einfluss im DDR-Fußball beleuchtet und ab 19.30 Uhr im „Campus Kino“ gezeigt wird, präsentiert vom Tagesspiegel. Der Eintritt ins Freiluftkino in der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Ruschestraße in Lichtenberg ist frei. Wir sehen uns!