„Die Berlinale wärmt unsere Herzen“: Festival-Chefin Tricia Tuttle im Interview

Seit einem Jahr leitet Tricia Tuttle die Berlinale. Im Checkpoint spricht sie über den Festivalflair, politische Filme und die Frage, wie man junge Menschen wieder ins Kino lockt. Von Robert Ide.

„Die Berlinale wärmt unsere Herzen“: Festival-Chefin Tricia Tuttle im Interview
Foto: dpa / Jens Kalaene

Wir bleiben noch kurz im Scheinwerferlicht des Kinos – und erblicken dort eine Frau, die zumindest dem Berlinale-Wettbewerb wieder mehr Kontur verschafft hat. Tricia Tuttle ist seit einem Jahr Berlinale-Chefin, nachdem sie zuvor Londons Filmfestival aufgemöbelt hatte. Für den Checkpoint hat die 55-Jährige vor der ersten Premiere noch Zeit für ein kurzes Interview gefunden. Los geht’s:

Frau Tuttle, haben Sie schon Freundschaft mit dem Berliner Winter geschlossen?

Es ist immer wunderschön, wenn es schneit, aber ja: Im Februar ist es hier noch ganz schön frisch. Zum Glück sind unsere Kinos warm – und unsere Herzen werden auf der Berlinale gewärmt.

Rund um den Potsdamer Platz gibt es inzwischen mehr Spielhallen als Kinos. Wie wollen Sie hier trotzdem Festivalflair schaffen?

Die Atmosphäre rund um den Potsdamer Platz verbessert sich von Jahr zu Jahr. Es gibt gute gastronomische Angebote, und das Erscheinungsbild des Viertels konnte durch viele Renovierungsarbeiten modernisiert werden. Wir konzentrieren uns nun darauf, rund um den Marlene-Dietrich-Platz das Herzstück für unser Festival zu schaffen – mit dem Berlinale Palast, dem Cinemaxx, dem Blue Max Theater und unserem eigenen Berlinale-HUB. Wenn man die Atmosphäre wirklich verbessern möchte, muss man dafür sorgen, dass Menschen sich begegnen und miteinander in Kontakt treten können. In dieser Hinsicht machen wir Fortschritte.

Die Berlinale war immer politisch, doch längst jagt eine Weltkrise die nächste. Haben Sie Angst, dass es in den Filmen nur noch um harte Themen geht und liegt vielleicht sogar Hoffnung im Unpolitischen?

Zunächst einmal folgen wir den Filmschaffenden – und erkunden die Wege, auf die sie uns führen. Sich politisch auszudrücken, war und ist immer ein sehr wichtiger Bestandteil des Kinos. Nicht wenige würden sagen, dass jegliches Filmemachen politisch ist. Doch selbst in den politisch turbulentesten Zeiten hat die Berlinale immer ein vielfältiges Programm angeboten. Das tun wir auch im 76. Jahr unserer Geschichte. Für uns geht es um Ausgewogenheit. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem unser Publikum ganz unterschiedliche Erfahrungen machen kann.

Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen für das Kino zurückzugewinnen. Wie wollen Sie den Kampf um Aufmerksamkeit gegen das Handy gewinnen?

Wir kämpfen nicht gegen das Handy. Wir wissen, dass wir mit jüngeren Zielgruppen dort kommunizieren müssen, wo sie ihre Informationen herbekommen. Unsere Partnerschaft mit TikTok spielt dabei eine wichtige Rolle. Außerdem möchten wir die Berlinale für junge Leute erschwinglicher machen und experimentieren dieses Jahr mit einem 6-Euro-Ticket für diese Altersgruppe. Insgesamt wollen wir offen und einladend sein. Das Schönste wäre, wenn wir die Neugier junger Menschen mit unserer Neugier auf ihre Vorlieben, Meinungen und Perspektiven verbinden können.

Na, sind Sie jetzt auch neugierig geworden? Dann folgen Sie unserer fortlaufenden Berlinale-Berichterstattung auf https://www.tagesspiegel.de/berlinale sowie in unserem E-Paper und natürlich hier im Checkpoint. Ab heute versorgen wir Sie täglich mit frischen und hoffentlich erfrischenden Eindrücken, die wir vor und hinter den Leinwänden sammeln – und heben im Checkpoint-Abspann immer den Vorhang für die schönsten Kinos unserer Stadt. Film ab!