Intensivpfleger Ricardo Lange im Interview: „Superkeime sind eine verdeckte Pandemie“
Die Zeiten sind intensiv, besonders und immer noch für Intensivpfleger. Ricardo Lange, inzwischen deutschlandweit bekannt durch seine Tagesspiegel-Kolumnen und Politiktalks (zu sehen hier) sowie sein Buch zum Pflegenotstand (zu lesen hier), ackert zwischen den Corona-Wellen weiter in Berlins Krankenhäusern und hat inzwischen Angst vor einer neuen gesundheitlichen Gefahr. Im Checkpoint-Interview habe ich mit ihm darüber gesprochen:
Ricardo Lange, wie fühlt sich der Sommer in den Kliniken an? Ist Corona wirklich schon vorbei?
Die seelischen Folgen spüren wir Tag für Tag. Es landen gefühlt viel mehr Alkohol- und Drogenkranke auf den Stationen als früher, darunter viele junge Leute. Die Krankenhäuser müssen alle verschobenen Behandlungen nachholen, dazu der Personalmangel – es wird nicht ruhiger. Die Belastung erscheint endlos. Immerhin müssen wir nicht mehr die schweren Corona-Schutzanzüge tragen. Aber unsere alltäglichen Sorgen werden nicht angegangen.
Welche wären das?
Ich sag‘s mal so: Der Endgegner im Gesundheitswesen sind nicht die Affenpocken, sondern multiresistente Keime. Statt dieses Drama anzugehen, beschäftigt sich Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf Twitter lieber damit, Spürhunde auf Flughäfen nach Corona schnuppern zu lassen. An multiresistenten Keimen sterben in Deutschland etwa 20.000 Menschen pro Jahr, weltweit mehr als eine Million – das ist eine verdeckte Pandemie. Und irgendwann werden wir keine Antibiotika mehr haben, die dagegen helfen. Dann kann wie zu Steinzeiten jede und jeder an einer bakteriellen Infektion sterben.
Was genau passiert da?
Es gibt immer mehr Keime, die sich verändern, um sich gegen die verschiedenen Antibiotika-Formen zu behaupten. Sie breiten sich aus wegen Fehlern bei der Hygiene, die in den Krankenhäusern der Personalnot geschuldet sind. Der Ablauf ist so: Wenn jemand auf eine Intensivstation kommt, wird ein Abstrich gemacht – auf Corona und Keime. Das Ergebnis für die Keime kommt nach zwei oder vier Tagen. Bis dahin arbeitet das medizinische Personal ungeschützt am Patienten, meist liegen noch andere Patienten im Zimmer. Ich habe schon mehrere Ausbrüche von Keimen auf Stationen miterlebt. Die werden dann zu Quarantänestationen: Angesteckte Patienten werden isoliert, unangesteckte mit viel Aufwand verlegt – wie bei Corona.
Liegt dann die Lösung nicht in der Hygiene des Pflegepersonals?
Wir haben oft Hygieneschulungen, so ist es nicht. Das größte Problem bei der Verbreitung sind unsere Hände. Im Alltag desinfizieren wir die unter Zeitdruck. Ich bin da auch nicht immer gründlich genug. Wenn man unter Stress von Patient zu Patient rennt, kann man manchmal nicht mal die Einwirkzeit von 30 Sekunden einhalten. Früher war es auch so, dass Patienten mit diesen Superkeimen nur von einer Pflegekraft betreut wurden. Heute mischt sich alles, weil sonst die Dienstpläne nicht aufgehen. Dadurch ist eine Verbreitung viel wahrscheinlicher.
Welche Erlebnisse haben Sie mit multiresistenten Keimen?
Ein persönliches Beispiel: Ein Freund, Mitte 30, fit, gesunde Ernährung, hat sich beim Sport den Fuß gebrochen. Er musste operiert werden, so eine Behandlung dauert normalerweise drei Tage. Doch in der Klinik hat er sich einen multiresistenten Keim eingefangen. Aus den drei Tagen wurde zwei Monate – mit ständigen Operationen musste seine entzündete Wunde immer wieder operiert werden. Die Wunde war irgendwann so irreparabel groß, dass ihm aus dem Oberschenkel ein Muskelstrang herausoperiert werden musste, um damit den Fuß zu retten. Danach musste das Transplantat anwachsen, ein quälend langer Prozess.
Nun stelle man sich vor, man ist nicht so gesund wie er: Dann kann einen ein multiresistenter Keim auch mal dahinraffen. Viele Menschen, die eine künstliche Hüfte oder ein künstliches Knie bekommen haben, liegen teilweise monatelang im Krankenhaus, weil sich ein multiresistenter Keim eingeschlichen hat und das Gelenk wieder raus musste. Das ist eine große Belastung für sie und für die Allgemeinheit. Im Gesundheitswesen weiß das jeder, aber niemand tut etwas dagegen.
Was man wirklich gegen die neuen Keime in Kliniken machen kann und wie es ihm selbst in seinem Beruf inzwischen geht, verrät Ricardo Lange im ganzen Interview, nachzulesen hier bei Tagesspiegel Plus.