Protestschweigen in der Fankurve: Was Hertha und Union gemeinsam haben
Organisierte Fangruppen beider Berliner Klubs wenden sich in einem offenen Schreiben an Sportsenatorin Spranger, um sich gegen personalisierte Zugangskontrollen auszusprechen. Von Robert Ide und Christoph Papenhausen.
Hertha und Union – eine Nation! So riefen es sich die Fans einst über die Mauer hinweg zu, heute trennt manch junges Vorurteil die beiden großen Berliner Fußballklubs eher wieder. In einer Sache aber sind sich Fans aller deutschen Profivereine (außer von RB Leipzig, aber das ist ja kein Verein) und eben auch Herthanerinnen und Unioner einig: Sie protestieren gemeinsam gegen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in den Fankurven, wie sie ab Mittwoch von der Innenministerkonferenz diskutiert werden sollen. In einem offenen Brief an Innen- und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) wenden sich die organisierten Fangruppen beider Berliner Klubs gegen mögliche personalisierte Zugangskontrollen sowie erwogene zentral erteilte Stadionverbote gegen einzelne Fans.
Solche Maßnahmen „zeugen von der Unkenntnis darüber, wie sicher es in unseren Stadien ist und von der Ignoranz gegenüber dem kulturellen Wert einer lebendigen Vereins- und Fankultur“, heißt es in dem Protestschreiben. Trotz steigender Besucherzahlen auf mehr als 25 Millionen in den oberen drei Profiligen der Männer sei die Zahl der Verletzten am Rande der Spiele in der vergangenen Saison auf 1.107 zurückgegangen. Auch Spranger sieht auf Nachfrage nur „einen quantitativ vernachlässigbaren Bruchteil von Gewaltsuchenden“ in den Stadien. „Letztere schaffen jedoch durch ihr Handeln ein Zerrbild der Sportart und ihrer Fanszene“, sagte Spranger dem Checkpoint. Deshalb brauche es „gezielte Maßnahmen gegen die wenigen Gewaltsuchenden und eine Unterstützung einer freien Fankultur“. Wie diese aussehen sollen, ließ Spranger offen.
Um ihren Protest zu unterstreichen, werden sowohl heute Abend im Olympiastadion (bei Herthas Pokalspiel gegen Kaiserslautern) als auch morgen in der Alten Försterei (bei Unions Pokalspiel gegen den FC Bayern) die sonst lärmenden Fankurven wieder in den ersten zwölf Spielminuten in lautes Schweigen verfallen. Damit wollen sie auch dagegen protestieren, dass weder Fangruppen noch Vereine in die Beratungen eingebunden sind. Und sich ins Abseits gestellt sehen.