Verweigert Berlin dem Suhrkamp-Verlag eine Adresse?

Das Suhrkamp-Verlagshaus habe vom „Bezirksamt Berlin“ keine Adresse erhalten, schreibt die FAZ. Eine Geschichte vom „Amtsschimmel“ und dem Blick aus der Ferne.

Verweigert Berlin dem Suhrkamp-Verlag eine Adresse?
Foto: Gerrit Bartels

Der Teaser einer FAZ-Kolumne von Hannes Hintermeier zum barbarischen Umgang mit Frankfurter Neuberlinern (hier nachzulesen) klang einfach zu schön, um falsch zu sein:

Der Suhrkamp Verlag hat in Berlin nun zwar ein Haus, aber keine Adresse, weil er an drei Straßen gleichzeitig liegt und die Behörde sich nicht entscheiden kann.“

Ha, typisch Berlin! Oder, wie Hintermeier schreibt: „Das ist fast ein bisschen metaphorisch.“ Fast? Na, dann machen wir daraus doch gleich mal eine Frage für Berlinkenner: Wie viele Fehler hat die FAZ in diesen einen Satz gemorpht? Na? Richtig, es sind drei (wenn wir die Marotte des ungekoppelten Firmennamens abziehen), denn:

1) hat der Suhrkamp-Verlag seit dem Oktober 2018 die behördlich bekannt gegebene Adresse Torstraße 44 (Amtsblatt lesen lohnt sich!).

2) hat der Suhrkamp-Verlag nicht keine Adresse, weil er an drei Straßen gleichzeitig liegt oder von ihnen „umgürtet“ ist, wie die FAZ schreibt. Auch wenn er von fünf Straßen „umgürtet“ wäre, hätte der Verlag eine Adresse - woher sonst sollte die FAZ wissen, wohin sie sich ausliefern soll?

3) hat der Suhrkamp-Verlag nicht keine Adresse, weil sich die Behörde nicht entscheiden kann – denn das hat sie längst getan, ganz verbindlich, trotz dreier Straßen (siehe oben).

Richtig ist allein, dass Suhrkamp unzufrieden ist und sich deshalb selbst die Adresse „Linienstraße 34“ gegeben hat, weil dort der Hauseingang liegt (dabei klettern wir in Berlin ja lieber durchs Fenster). Aber es ist, derart kafkaesk ausgeschmückt, natürlich eine gute Geschichte, irgendwo angesiedelt im Bereich „Berlin Belletristik“. Das von Hintermeier benannte „Bezirksamt Berlin“ gibt’s auch nur in der Frankfurter Fantasie, im echten Leben heißt es „Bezirksamt Mitte“, und das haben wir mal gefragt, was es dazu sagt:

Die Behauptung, der Verlag habe ‚gar keine Adresse‘ oder ‚bis heute keine verbindliche Adresse‘ ist falsch. Die Entscheidung zur Festlegung wurde vor mehr als einem Jahr getroffen, um dem Suhrkamp-Verlag frühzeitig Planungssicherheit zu geben. Grundlage für die Festlegung waren die zum Antrag eingereichten Planunterlagen. Mit diesem Verfahren stellt das Bezirksamt sicher, dass die Festlegung von Adressen nach einheitlichen Grundsätzen erfolgt. Es ist nicht sinnvoll, dass jeder Eigentümer/ Bauherr eigenmächtig eine Adresse festlegt.“

Stempel drauf, fertig. Das klingt natürlich nicht so richtig metaphorisch, nein, ganz im Gegenteil: Es ist, was Erfahrungen mit Berlin betrifft, geradezu metaphysisch. Aber überlassen wir doch Hannes Hintermeier, gastfreundlich wie wir hier sind, seinen selbst gewählten literarischen Abgang – er schreibt: „Mit sanftem Schaudern wendet man sich ab von den Kapriolen des Berliner Amtsschimmels.“ Und Tschüss. Wir stehen hier sowieso mehr auf Comics, und deshalb gehört das letzte Wort zur Affäre dem treuen Jolly Jumper: „Hühühühü!“