Das verlorene Haus - Teil 5
„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten schaffen. Die erste beendet heute Wladimir Kaminer (die vorherigen Parts lesen Sie hier).
Das verlorene Haus
Von Thomas Kletschke, Lu D. Milla, Ilse Köhl und (heute) Wladimir Kaminer
„Ich werde es tun!“ So, nun war es raus, es war gesagt. „Sie meinen, Sie werden mit mir ins Kino gehen?“ „Ja, das tue ich. Die Filmhäuser schließen ja nacheinander, vielleicht wird es bald keine Kinos mehr geben.“ „Was wollen wir uns denn anschauen?“ fragte der Förster. „Ich habe keine Ahnung“, sagte K. „Ich habe eine tolle Idee, wir gehen ins Freiluftkino, dort zeigen sie jeden Montag einen Überraschungsfilm!“ Sie gingen hin. K. hoffte, es werde keine deutsche Komödie sein, er mochte die deutschen Komödien nicht. Es war „The Doors“ mit Val Kilmer in der Hauptrolle. „Den habe ich vor 30 Jahren schon gesehen“, sagte der Förster. „Im Colosseum 1991.“
Damals hatte er gerade die Försterlehre begonnen, einen anstrengenden Job und musste täglich sehr früh aus dem Haus. Jeden Morgen um 6 Uhr 30 stand er schlecht gelaunt und unausgeschlafen auf dem Bahnhof der U-Bahn-Station Schönhauser Allee, direkt gegenüber an der Hausfassade des Colosseums hing ein übergroßes Plakat mit Morrisons Kopf, der ihm mit seinem abwertenden schmaläugigen Blick Löcher in die Jacke bohrte. Als wollte er sagen, was machst Du bloß, Junge, alles falsch, dein Studium wird nichts bringen, deine Arbeit ist pure Ausbeutung, schmeiße alles hin, lebe schnell, hab Spaß, Sex, Drugs und Rock-n-Roll und sterbe früh. Er wollte aber ein anderes, ein neues, ordentliches Leben haben. „Leck mich am Arsch Jim, leck mich am Arsch“, dachte er und stieg in die U-Bahn.
Am 10. August erscheint Wladimir Kaminers neues Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“. Bis dahin können Sie noch in seinen „Liebeserklärungen“ schmökern... Hier geht es kommende Woche mit der nächsten Geschichte weiter – dann mit Annett Gröschner.