Gefrustete Eltern wollen E-Mail-Postfach der Bildungssenatorin fluten
Berlins Schulen und Kitas sollen zurück in den Regelbetrieb. Pläne für eine zweite Infektionswelle hat Sandra Scheeres nicht. Die Eltern fühlen sich übergangen. Von Anke Myrrhe
Das Lotterleben ist vorbei, Jogginghose aus und raus. Auch ohne Fashion Week müssen Sie Ihre Kinder nun wieder einigermaßen adäquat gekleidet dauernd durch die Öffentlichkeit kutschieren, sogar zum Bus für die Klassenfahrt und zur Einschulungsfeier im August (Kaffeetrinken aber bitte weiterhin mit Abstand zur Oma). Wie viele Leute kommen dürfen, klärt der Senat gerade noch, die Eindämmungsverordnung wird erneut „gründlich überarbeitet“, hieß es gestern, wahrscheinlich irgendwann nächste Woche. Vielleicht zieht bis dahin ja auch noch jemand die „umfangreiche und ambitionierte Teststrategie“ für Lehrerinnen und Erzieher aus der Schublade, von der die Bildungssenatorin gestern sprach. „Es werden keine Wandertage zur Charité organisiert“, hatte uns der Regierende vor zwei Wochen gesagt. Ob das noch gilt? Am Ende einer fast einstündigen Pressekonferenz mit der Bildungssenatorin wussten wir gestern jedenfalls nicht viel mehr als: Alle kehren zum Regelbetrieb zurück, Kitas am 22. Juni („Sechs Wochen früher als geplant!“) und Schulen nach den Sommerferien (10. August).
„Kinder haben ein Recht auf Bildung“, sagte Sandra Scheeres. Ein richtiger, wichtiger Satz, der allerdings vor drei Monaten genauso galt. Was hat sich seither verändert? Was haben wir gelernt?
Zumindest eines: Die Abstandsregel von 1,5 Metern kann in Schulen nicht eingehalten werden. Also schaffen wir sie ab. Was vor drei Monaten noch mit einer recht plötzlichen Pandemie plausibel begründet werden konnte, liest sich heute eher als hilfloses Stochern nach Lösungen, die ein Recht auf Bildung mit der Infektionsgefahr abwägen. Außer Apellen (Lüften! Hände waschen! Nicht zu zweit auf die Toilette!) bleibt wenig übrig. Und die werden in Schulen bekanntlich schon dann ignoriert, wenn es um schnöde Dinge wie Hausaufgaben und Stillsitzen geht.
Die Verantwortung wird einmal mehr auf die Kitas und Schulen übertragen. So konnten gestern auch auf zweifache Nachfrage weder Scheeres noch ihre Sprecherin die Frage beantworten, wie groß die Gruppen in den Kitas denn nun sein dürfen. Für die Regelbetreuung sei keine maximale Gruppengröße vorgesehen, sagte Scheeres, allerdings solle es in den Gruppen so wenig wie möglich Wechsel geben. Auf die Frage, ob ein offenes Konzept mit einer begrenzten Zahl dann auch möglich sei, hieß es: Detailfragen sollen die Kitas mit der Kita-Aufsicht klären. Das ließe sich eben nicht pauschal klären.
Pauschale Lösungen (z.B. Hilfe) wünschten sich allerdings viele Eltern in den vergangenen Wochen, einige von ihnen demonstrierten gestern bunt plakatiert vorm Roten Rathaus. Scheeres betonte, dass sie die Sorgen gehört habe. Vielen reicht das allerdings nicht aus – zumal weiterhin unklar ist, wie der angekündigte Plan B bei einer zweiten Infektionswelle konkret aussehen soll. Deswegen wollen Eltern heute einen Stau verursachen – in Scheeres’ E-Mail-Postfach. „Die Senatsverwaltung verweigert die Abstimmung mit den Trägern und Eltern? Wir fluten das Senatspostfach mit der Darstellung der Elternperspektive.“ Der Brief mit den Forderungen zu mehr Dialog kursiert Beginn der Woche. „Am Mittwoch, den 10. Juni 2020, startet am Morgen die Lawine. Je mehr E-Mails Frau Scheeres bekommt, desto besser.“
Auszüge gibt es hier (ein bisschen Überraschung soll schließlich bleiben):
„Die politischen Entscheidungen zu Familien und Kindern lesen sich als eine lange Kette der Verlagerung von Verantwortung, die bei den Eltern endet und sie damit allein lässt. Viele Kitas mühen sich derzeit unter Aufbietung all ihrer Kraft, möglichst vielen Kindern einen Ort zu bieten, der sie nicht als wandelnde Infektionsherde fürchtet, sondern ihre Rechte wahrt und ihre Entwicklung fördert. Unterstützung und Gehör finden sie darin auf politischer Führungsebene nicht. (...) Wir sind sicher, Sie wissen um die Relevanz der Förderung unserer Kinder für die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir sind sicher, Sie geben Ihr Bestes. Und deshalb wollten wir sichergehen, dass Sie die Innenansicht der Familien kennen. Dass Sie uns nicht länger vergessen.“