Streckenausbau für Heidekrautbahn soll noch in diesem Jahr beginnen
Im Dezember läuft das neue Baurecht für die alte Bahn ab. Bei der Niederbarnimer Eisenbahn ist man trotzdem zuversichtlich. Von Robert Ide
keine Lust, heute drinnen zu bleiben? Dann wandern Sie doch mal am Draußen von Berlin entlang. In Wilhelmsruh, wo sich vor 100 Jahren Felder in die Stadt hineinrieselten und wo zu DDR-Zeiten abgesehen von den Turbinenwerken von Bergmann Borsig und dem Kino Lunik (benannt nach sowjetischen Mondsonden) fast unhimmlische Ruhe herrschte, hier ganz nah draußen, wo sich inzwischen Einfamilienhäuser an die hell sanierten Sechzehnstöcker des Märkischen Viertels schmiegen, kann man Geschichte und Zukunft gleichermaßen entdecken. Entlang des Fußwegs an der S-Bahnstrecke in Richtung Wittenau erspäht man überwucherte Laternen im Wald – sie beleuchteten einst den Mauerstreifen zwischen Ost und West im Norden von Berlin. In einem Früher davor fuhr hier die Heidekrautbahn (mein kürzlich verstorbener Onkel Kurt war einer der Schaffner). Heute liegen zwischen im Sonnenwind rauschenden Birkenbäumen und dem Industriegelände von Stadler, wo gerade Werkshallen für den Bau neuer Berliner U-Bahnen errichtet werden, noch alte Schienen im Pflasterstein (Fotos hier). Nach dem Krieg fuhren darauf Berliner raus aufs Land, um ihr Hab und Gut bei Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Nun sollen auf den Gleisen bald wieder Pendler aus Speckgürtelhausen ihre Schneisen in die Stadt schlagen. Ganz nebenbei wird das Märkische Viertel in Reinickendorf, von berlinernden Berlinern auch gern „Merkwürdiges Viertel“ genannt, doch noch ans Berliner Schienennetz angeschlossen. 50 Jahre nach dem Bau der Großsiedlung, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer. Und gerade noch rechtzeitig.
Zehn Jahre gilt bereits das neue Baurecht für die alte Bahn. Am 31. Dezember läuft es ab, wenn die Niederbarnimer Eisenbahn nicht mit den Bauarbeiten auf der alten Stammstrecke beginnt – und es wird verdammt knapp. „Wir fangen vermutlich im Dezember an, es geht zunächst um einen 600 Meter langen Abschnitt nahe des S-Bahnhofs Wilhelmsruh“, erzählt Katja Tenkoul von der Niederbarnimer Eisenbahn am Checkpoint-Telefon. In der Tat stehen hier schon Schilder zwischen Brennnesselsträuchern, die den alten neuen Bahnweg auf dem einstigen Todesstreifen freihalten. Hier soll dann die Züge zügig vom neuen Regionalbahnhof Wilhelmsruh aus ins Barnimer Land fahren, vorbei am Wandlitzsee und den Wäldern der Oberhavel, in denen im Herbst viele Pilze stehen. Später soll es dann stadteinwärts bis zum Gesundbrunnen gehen, der auch mehr Regionalverkehr vertragen kann. Und warum hat das alles so lange gedauert? „Die Politik hat eben jahrelang eher aufs Auto gesetzt“, sagt Tenkoul. Nun immerhin streckt Berlin seine Gleisarme nach Draußen aus. Auf den Spuren seiner eigenen Geschichte als wachsende und erwachsene Stadt.