Kastrierte Klassiker: Warum Gymnasien Lessing & Co. in vereinfachter Sprache lesen

An Berliner Gymnasien werden literarische Klassiker zunehmend in gekürzten Fassungen und „leichter Sprache“ unterrichtet. Einige Kritiker sehen darin die Verstümmelung von Sprache. Von Lorenz Maroldt und Stefan Jacobs.

Kastrierte Klassiker: Warum Gymnasien Lessing & Co. in vereinfachter Sprache lesen
Credit: IMAGO / Shotshop

Weil inzwischen auch Berliner Gymnasiasten die literarischen Klassiker nicht mehr zuzumuten sind, bekommen sie an immer mehr Schulen eine gekürzte Fassung in „leichter Sprache“ serviert.

Ein Beispiel aus „Nathan der Weise“:

Original (von Lessing): „Er ließ den Ring von seinen Söhnen dem geliebtesten; und setzte fest, daß dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen dem vermache, der ihm der liebste sei; und stets der liebste, ohn’ Ansehn der Geburt, in Kraft allein des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.“

Fälschung (von Cornelsen): „Er gab den Ring seinem liebsten Sohn und legte in seinem Testament fest, dass dieser ebenso den Ring seinem liebsten Sohn vererben sollte, und immer weiter so, ob Erstgeborener oder nicht. Durch die Kraft des Ringes sollte dieser das Familienoberhaupt sein.“

Hm… mal abgesehen von der Frage, wie sinnvoll das im Unterricht heute überhaupt noch ist – was kommt als Nächstes? Erhält im Kunstunterricht Van Gogh beim Selbstbildnis per KI sein Ohr zurück (zu viel unverständliche Gewalt und Prostitution)? Wird im Musikunterricht der Trauermarsch von Chopin von Moll nach Dur transponiert (ansonsten zu traurig)?

Landesschülersprecher Orçun Ilter sagt, bei Goethes „Faust“ oder Kleists „Zerbrochnem Krug“ gebe es für viele Schüler mit Migrationsgeschichte ohnehin „wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte“, als Unterrichtsstoff sei das alles „viel zu einseitig und überholt“. Er verweist auf den Musiker Haftbefehl („Chabos scheißen auf Schule“) und fordert „endlich anzuerkennen, dass Deutschrap ein wichtiger Bestandteil der deutschen Sprache ist“ (Q: Tagesspiegel).

Na, das schauen wir uns doch mal gleich im Direktvergleich an… und stellen fest: Schiller, Goethe und Haftbefehl könnten als Kollabo ins Studio gehen – feat. Homer, de Sade, Shakespeare, Conrad und Jünger. Denn das kommt dabei heraus (FSK 18, richtige Zuordnung bitte an checkpoint@tagesspiegel.de):

Er drückte sie an sich, dass ihr der Atem verging / Er nahm sie mit Gewalt, und nannte es Natur / Kahba lutscht meinen rasierten Yarak / Sieh, wie sie schweigt – das ist die Stimme der Gewalt / Amor befielt mir, die Glieder zu verschlingen / Oh ja, ich fick euch, Tag für Tag / Ehre gewinnt, wer den Feind erschlägt / Mord und Brand sollen meine Sprache sein / Der Kampf formt den Mann / Knallen Kugeln in deinen Körper / Die Vernichtung kam mir wie eine Pflicht vor / Ich schlachte die Opfer wie Moslems an Bayram / Wie Vieh fielen Sie unter den Streichen.“

Um welche Gymnasien es geht, wie die Schülerschaft dort zusammengesetzt ist und wer sich für die Beibehaltung der Originalliteratur starkmacht, hat hier für Sie unsere Kollegin Susanne Vieth-Entus recherchiert.

Und was meinen Sie?