Chef der Klinik Havelhöhe kritisiert Strategie der Bundesregierung

In einem internen Papier zweifelt Harald Matthes an der Fixierung auf einen Impfschutz. Er fordert einen ganzheitlichen Ansatz. Für Checkpoint-Abonnenten. Von Lorenz Maroldt

Chef der Klinik Havelhöhe kritisiert Strategie der Bundesregierung
Foto: Fabrizo Bensch/Reuters

Irgendwie Durchhalten, bis es einen Impfstoff gibt – auf diese Losung können sich gerade die meisten Entscheidungsträger in der Politik verständigen. Über das Ausmaß der Lockerungen wird heftig gerungen, aber einig sind sich die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung zumindest in dem Punkt, dass ein Impfstoff in ein oder zwei Jahren das Ende des Corona-Shutdowns markieren wird. Der Chef der Klinik Havelhöhe, Prof. Dr. Harald Matthes, hält diese Strategie allerdings für „naiv“

Matthes leitet eine der drei großen anthroposophischen Kliniken in Deutschland, die zugleich ein Lehrkrankenhaus der Charité ist. Und entsprechend umfassend ist seine Kritik an der Bundesregierung, die er in einem internen „Lagebericht“  formuliert hat. „Vollständig auf eine Impfung bei der Corona-Pandemie“ zu setzen, findet Matthes gewagt: „Medizinisch muss diese alleinige Langzeitstrategie als optimistisch bis naiv bewertet werden.“

Der neue Erreger Sars-CoV-2 zeige ebenso wie andere Coronaviren eine hohe genetische Varianz und Wandlungsfähigkeit. Mit Blick auf die verwandten Influenzaviren bezweifelt Matthes deshalb, dass ein vollständiger Impfschutz gewährleistet werden kann. Je nach Impfstoff gebe es bei den Influenzaviren etwa nur eine Letalitätsreduktion von circa zehn bis maximal 65 Prozent. „Die politisch gewählte Strategie, alles auf eine Karte einer hoch effizienten Impfung zu setzen", ist für Matthes deshalb "ebenso ein Vabanquespiel" wie die politisch verworfene Strategie der Herdenimmunität. 

Harald Matthes fordert stattdessen einen ganzheitlichen Ansatz:

– „Die verschiedenen Werte müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.“

– „Statt eines begrenzten Blickwinkels einzelner ExpertInnen, wie z.B. der Virologen (…), muss lösungsorientiert eine Risikoabwägung und damit eine Risikostratifizierung verschiedener Szenarien gesellschaftlich diskutiert erfolgen.“

– „Das Sowohl-als-auch-Prinzip und Beschreiten verschiedener Lösungswege mit gesellschaftlichem und transparentem Diskurs (…) scheint das Gebot der Stunde (…). Komplexe Probleme bedürfen eines differenzierten Vorgehens und können nicht monokausal gelöst werden.“