Aus urban legend soll urbaner Wohnraum werden: Berlins Ex-Senator wirbt für den Stadtrand

Jährlich verfehlt Berlin seine Wohnungsbauziele. Mittlerweile fehlen in der Hauptstadt mindestens 100.000 Wohnungen. Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder wirbt nun für Wohnungsbau am Stadtrand. Was halten Sie davon?. Von Robert Ide

Aus urban legend soll urbaner Wohnraum werden: Berlins Ex-Senator wirbt für den Stadtrand

Suchst du noch oder wohnst du schon? In Berlin fehlen mindestens 100.000 Wohnungen. Immer mehr Wohnraum fällt in den kommenden Jahren aus der Sozialbindung. Alljährlich nimmt sich die Politik vor, dass alljährlich 20.000 neue Wohnungen gebaut werden müssen, was alljährlich verfehlt wird. „Es gibt nur zwei realistische Wachstumsstrategien: innere Verdichtung und äußere Urbanisierung“, schreibt der langjährige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder in einem SPD-internen Strategiepapier, das dem Checkpoint vorliegt. Die Innenverdichtung, etwa auf Kleingartenflächen oder dem Tempelhofer Feld, sei dabei „nur schwer durchsetzbar und mobilisiert große Widerstände“, schreibt der 71-Jährige in dem Papier für den SPD-Ausschuss Soziale Stadt.

Strieder empfiehlt daher einen neuen Blick auf die Wohnungspolitik: „Deutlich problemloser lassen sich Flächen planerisch sichern, die schon heute zur bebauten Stadt gehören.“  Strieder meint damit geschützte Industrieflächen, die nach dem Mauerfall vor dem Ausverkauf bewahrt und für neue Produktionsstätten zurückgehalten wurden. Diese Flächen für das so genannte „Entwicklungskonzept für den produktionsgeprägten Bereich“ umfassen laut Strieder mehr als 1000 Hektar, „die in großen Bereichen untergenutzt sind und von denen 45 Prozent dem Land selbst gehören“. Hieraus müsse die Stadt planerische Konzepte wie das „Urbane Gebiet“ definieren und „aus einem monothematischen Industriegebiet eine attraktive Nachbarschaft mit Wohnen, Arbeit, Freizeit und Kultur entwickeln“.

Auch mit Blick auf die Außenstadt fordert Strieder ein Umdenken: „Das Berliner Wachstum kann nicht in auslaufenden, weichen und immer weniger dicht gebauten Vor- und Zwischenstädten ein Zuhause finden.“ Statt Stück für Stück nach Brandenburg auszuufern, müsse Berlin sich „bis an die Stadtkante urbanisieren, also die vorgefundene polyzentrische Struktur weiterführen“. Wegen des Klimawandels gelte es, „Abschied zu nehmen von der Versiegelung großer Flächen für wenige Menschen“ an der Stadtgrenze. Stattdessen müssten bereits geplante Wohnungsbauprojekte wie in der Elisabeth-Aue, in Buch, an den Buckower Feldern, in Lichterfelde Süd oder in Tegel erweitert werden. „Urbane Dichte schützt Umwelt und Klima“, schreibt Strieder, der von 1996 bis 2004 Stadtentwicklungssenator war, seinem Nachfolger und Parteifreund Christian Gaebler ins Aufgabenbuch. Das allerdings ist jetzt schon ziemlich voll.

Wir verdichten hier mal: Können neue Wohnungen auf Wirtschaftsflächen und ein urbanerer Stadtrand das wachsende Berlin retten? Was denken Sie?