Jahrestag Hamas-Massaker

der Mann trug eine kleine gelbe Schleife an der Jacke. Das Symbol wird als Zeichen der Solidarität verwendet, es ist im Laufe der Geschichte in vielen verschiedenen Kontexten gebraucht worden, derzeit wird es von einigen als Zeichen der Verbundenheit mit den Opfern des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 verwendet. „Bring them home now“ stand darauf, „Bringt sie jetzt nach Hause“ – gemeint sind natürlich die in Gaza verbliebenen Geiseln. Doch auf den Straßen Berlins können solche kleinen Symbole bereits gefährlich werden: Demoteilnehmer griffen den Mann am Samstagabend an und versuchten seine Tochter, eine israelische Touristin, in die Menge hineinzuziehen. Sie soll zuvor etwas Proisraelisches gerufen haben, was die Polizei am Sonntagabend nicht näher benennen konnte. Beide wurden leicht verletzt, vier Männer wurden festgenommen.

Die Angst vor Übergriffen gehört in Berlin seit einem Jahr zum Alltag von Jüdinnen und Juden. „Kaum jemand wagt sich noch, mit einer Kippa auf dem Kopf in der Öffentlichkeit zu zeigen“, schreibt der Historiker und Politikwissenschaftler Julius H. Schoeps in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel.

Seine Mütze mit dem Schriftzug „Tel Aviv“ habe er eingemottet, sagt ein Berliner Jude, der für seine eigene Sicherheit lieber anonym bleiben möchte. Er achte im Alltag penibel darauf, nicht als Jude erkannt zu werden und denke darüber nach, Deutschland mit seiner Familie zu verlassen. „Viele meiner jüdischen Freunde sitzen auf einem fertig gepackten Notfallkoffer.“

Wie beschämend, dass Berlin das zulässt – fast 80 Jahre nach dem Ende des Holocausts, der in dieser Stadt geplant wurde.

Seit dem 7. Oktober 2023 registrieren Polizei und Justiz einen deutlichen Anstieg antisemitischer Straftaten. Es laufen 3400 Verfahren im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt, weitere 5300 Fälle liegen noch bei der Berliner Polizei. Allein am Samstag wurden bei sogenannten propalästinensischen Demos 49 Menschen festgenommen. Am Sonntag versammelten sich rund 3500 Menschen und zogen vom Kottbusser Tor zum Hermannplatz. Die Lage ist zeitweise eskaliert, es gab körperliche Angriffe, Flaschenwürfe, mindestens 20 verletzte Polizisten – bis die Demo wegen „allgemein unfriedlichen Charakters“ schließlich aufgelöst wurde.

Hunderte Einsatzkräfte waren das gesamte Wochenende über auf den Straßen, 2000 sollen es heute werden. Am ersten Jahrestag des Hamas-Massakers bereitet sich die Berliner Polizei auf einen Großeinsatz vor.