Wahlen 4

+ Erste Nachricht: Es würde wieder reichen für Rot-Grün-Rot – allerdings haben die Roten die Plätze getauscht: Linke-Grüne-SPD. Und damit kommen wir zur eigentlichen Nachricht des Tages:

+ Die Linke wird überraschend stärkste Kraft in Berlin. Sie holte vier Direktmandate, mit 19,9 Prozent der Zweitstimmen hat sie ihr Ergebnis von 2021 fast verdoppelt. Was wohl die kürzlich ausgetretenen Abgeordneten Klaus Lederer, Elke Breitenbach, Sebastian Scheel, Carsten Schatz und Sebastian Schlüsselburg dazu sagen? Warum die Linke so stark geworden ist, hat mein CP-Kollege Christian Latz hier analysiert.

+ Der ehemalige Regierende Michael Müller (SPD) landete in Charlottenburg-Wilmersdorf nur auf Platz 3 hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne). Seine politische Karriere findet damit ein bitteres Ende. „Ich hoffe, dass ich noch eine andere Aufgabe finden werde – vielleicht auch außerhalb der Politik“, sagte Müller gestern Abend. „Ich möchte auf keinen Fall zu Hause auf dem Sofa sitzen.“ Müller fand deutliche Worte für seinen Landesverband, der ihm einen aussichtsreichen Listenplatz verwehrt hatte: „Die Berliner SPD-Funktionäre genügen sich oft selbst und bestärken einander in ihren eigenen Positionen – ohne hinreichend zu gucken, wie das öffentlich wahrgenommen wird.“

+ Überhaupt, die SPD. Die einst stolze Berlin-Partei, die hier seit der Wiedervereinigung ununterbrochen mitregiert, landet nur noch auf Platz 5. Für ein einziges Direktmandat hat es noch gereicht, und zwar für Helmut Kleebank in Spandau. Kian Niroomand, Kreisvorsitzender der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf, sagt: „Das Ergebnis dieser Wahl ist beschissen.“

+ Das liegt auch an der AfD, die bundesweit auf Platz 2 kommt, in allen ostdeutschen Ländern stärkste Kraft wurde und in Berlin immerhin 15,2 Prozent der Zweitstimmen holte – und das erste Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf. Besonders bitter für Mario Czaja (CDU), der mit nur 481 Stimmen gegen Gottfried Curio verlor. Um 1.30 Uhr, als die Ergebnisse des vorletzten Wahllokals eintreffen, konstatiert Czaja konsterniert: „Freunde, dit wird nüscht mehr“, und verlässt schweigend den Raum.

+ Die Grünen haben zum ersten Mal seit 2002 Friedrichshain-Kreuzberg verloren: Das Direktmandat holte Pascal Meiser für die Linke. Eine Übersicht, welche Direktkandidaten gewonnen haben, finden Sie hier, alle Zweitstimmenergebnisse der Bezirke hier. Alle Ergebnisse im Überblick und wie in Ihrem Kiez abgestimmt wurde, finden Sie auf unserer interaktiven Seite.

+ Fehlt noch was? Ach ja, die CDU! Die hat in Berlin ihr Wahlergebnis zwar leicht verbessert, aber zufrieden ist sie dennoch nicht. Der Regierende Kai Wegner macht Friedrich Merz dafür verantwortlich: „Die CDU hat die Bundestagswahl mit deutlichem Vorsprung gewonnen und einen klaren Regierungsauftrag erhalten. Dennoch kann das Wahlergebnis nicht zufriedenstellen“, sagte Wegner dem Checkpoint. „Von der Debatte um die Brandmauer haben vor allem die politischen Ränder profitiert.“ Warum das Ergebnis Wegner dennoch einen Schub für die nächsten Wochen geben könnte, habe ich hier kommentiert.

+ Die große Party bei der CDU fiel jedenfalls aus, dafür war das Ergebnis zu unsicher – und die lange Zeit einzig mögliche erscheinende Koalition aus Union, SPD und Grünen versetzte nicht nur Markus Söder in Angst und Schrecken. Als das Endergebnis tief in der Nacht endlich feststand, als feststand, dass dem BSW 0,028 Prozentpunkte fehlten und es doch noch für eine Zweierbündnis aus Union und SPD reichen würde (ehemals GroKo), hörte man die Sektkorken bis an den Askanischen Platz knallen.

Um 3.15 Uhr in der Nacht holte sich Kollege Ingo Salmen, Stellvertretender Ressortleiter Berlin, ein Kinder Bueno. Kai-Wegner-Kraftriegel, sagte er, und arbeitete weiter.