Berlins Regierender betreibt Medienkritik statt Selbstreflexion
In einem Interview verteidigt der scheidende Bürgermeister Berlin – und sich selbst: wegen der vielen Medien falle Versagen hier einfach mehr auf als anderswo. Von Stefan Jacobs
Wer sich über Michael Müllers selbstkritische Bilanz gewundert hat (CP von gestern), findet in der neuen „Zeit“ (Abo) eine mögliche Erklärung: Die Kolleg/innen haben drei frustrierte Bürger/innen auf Müller losgelassen. Heraus kam Süffiges: Ein Oberstaatsanwalt gibt dem Funktionieren Berlins für seine Branche 1,5 von zehn möglichen Punkten, ein Ebay-Beschäftigter vier, die Chefin einer Autohauskette einen – und fragt „Wie bitte?“, als Müller sechs Punkte vergibt. Es folgen Geschichten über ein (weil Freitagabend) in Eigenregie gedichtetes Leck, das eine Rechnung der Wasserbetriebe über 180.000 Euro nach sich zog und für die sich nun kein Verantwortlicher finde. Oder über zwei halbe Urlaubstage wegen zweier Halteverbotsschilder für einen Umzug. Müller kontert, dass der Murks hier wegen der vielen Medien nur mehr auffalle: „Wer über das Versagen der Bürokratie berichten will, fährt doch nicht nach Wuppertal.“ Auch Müller fährt vorerst lieber nicht nach Wuppertal.