Nachdenken & Zusehen
beinahe hätten wir jetzt hier einfach geschrieben „das Nachdenken ist noch nicht abgeschlossen“ und Sie damit fulminant in den Freitag entlassen...
...aber dann haben wir uns doch erinnert, dass mit solchen leeren Floskeln höchstens Politiker durchkommen, der Checkpoint als Raum für Notizen aber eher nicht funktioniert (schon wegen der Kratzer auf dem Smartphone).
Also noch mal von vorn:
„Ich werde jetzt nicht 14 Tage lang tatenlos zusehen“, hatte Angela Merkel am Abend des 28. März gesagt (MER-Count-up – Tage seit Nichtentscheidung: 12). Sie wird recht behalten: Es werden mindestens 16 Tage sein. Die geplante Runde zur Pandemiebekämpfung wird nach Tagesspiegel-Informationen von Montag auf mindestens Mittwoch verschoben, weil das Nachdenken noch immer nicht abgeschlossen ist. Die Ministerpräsident:innen und die Kanzlerin wollen sich diesmal vorher in Osterruhe auf eine Beschlussvorlage einigen, um nicht wieder ein lautes Debakel auszulösen (Sorry, nochmal nachgedacht...). Die Hoffnung, dass bei all der Weile ein gutes Ding herauskommt, schwindet mit jedem Tag.
MPK-Chef Michael Müller musste gestern jedenfalls die Telefonschalte der Berliner Senatssitzung (zu den Ergebnissen gleich mehr) mehrfach verlassen, um mit Olaf und Angela zu telefonieren. Zwar ist die Inzidenz über die Ostertage wieder etwas gesunken, doch die Zahl der Menschen, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen, steigt und steigt. Sie liegen nun länger dort – weil sie jünger sind.
„Wir verpassen jede Ausfahrt zur Senkung der Zahlen“, twitterte gestern der Intensivmediziner Christian Karagiannidis, „Bitte handelt endlich!“ Christian Drosten retweetete das mit dem Zusatz: „Dies ist ein Notruf.“ In seiner Charité werden derweil schon wieder planbare Eingriffe abgesagt. Alles auf Notversorgung.
In einem Spiegel-Interview sagte Karagiannidis später: „Es lässt mich verzweifeln, dass die Leute nicht verstehen, was diese dritte Coronawelle für die Krankenhäuser bedeutet. Das Personal arbeitet seit fast einem Jahr unter Volllast. Es gab nur im Sommer eine kurze Verschnaufpause. Das halten sie nicht mehr lange aus. Je länger die Überlastung andauert, desto mehr Mitarbeiter werden gehen. Gerade Jüngere machen das so nicht mehr mit. Ich befürchte, viele ahnen gar nicht, was da auf uns noch zukommt nach Corona.“
Derweil versinkt die Politik im nachdenklichen Wahlkampf und beschäftigt sich lieber intensiv damit, wie der nächste Lockdown denn nun heißen soll, damit möglichst wenige (politisch) beschädigt werden. Die Langzeitschäden tragen andere.