Sido statt Schiller: Schüler werben für lebensnahe Lektüre im Unterricht
Im Deutschunterricht gebe es bei klassischen Werken laut Landesschülersprecher Orçun Ilter „wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte“ für viele Schüler mit Migrationsgeschichte. Von Daniel Böldt und Sönke Matschurek.
Eine Netflix-Doku über den suchtkranken Deutschrapper Haftbefehl („Chabos wissen wer der Babo ist“) ist deutschlandweit Thema auf den Pausenhöfen. Der Stadtschülerrat von Hafti-Heimatstadt Offenbach fordert, dessen Songs im Unterricht zu thematisieren. Seine Sprache sei „roh, aber echt“.
„Über seine Person und Lebensgeschichte wird auch in Berlin gesprochen“, sagt Landesschülersprecher Orçun Ilter dem Checkpoint. Im Deutschunterricht gebe es bei ‚Faust‘ oder ‚Der zerbrochene Krug‘ „wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte“ für viele Schüler mit Migrationsgeschichte. Das sei „viel zu einseitig und überholt“. Man müsse „endlich anerkennen, dass Deutschrap ebenso wie die Werke von Goethe oder Schiller ein wichtiger Bestandteil der deutschen Sprache ist“. Berlin hätte genügend Eigengewächse: Sido, der im Märkischen Viertel aufwuchs, der Kreuzberger Pashanim oder die Rapperin Sookee.
Möglich wäre es. Der Rahmenlehrplan Deutsch „lässt den Schulen Spielräume, Schwerpunkte zu setzen“, schreibt Martin Klesmann, Sprecher der Bildungsverwaltung, dem Checkpoint. Etwa im ersten Kurshalbjahr der Oberstufe im Themenbereich „Entwicklung und Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache“. Entscheidend sei der „didaktisch verantwortungsvolle und altersangemessene Zugang“.