„Die Welt geht unter, aber die Memes sind erste Sahne“: Berliner Autorin Özge İnan erklärt das Lebensgefühl ihrer Generation
Nach dem Premierenabend ihres Romandebüts erzählt die Jungschriftstellerin von ihren politischen Eltern – und wie „berlinerisch“ die Mittzwanziger von heute ticken. Von Margarethe Gallersdörfer
Merken Sie sich diesen Namen! Özge İnan, 25 Jahre alt, feierte am Donnerstagabend Premiere mit ihrem Romandebüt „Natürlich kann man hier nicht leben“ (Piper, 24 Euro). Es geht um die Geschichte von ihren Eltern und deren Freund:innen – türkische Kommunist:innen und Progressive, die vor politischer Verfolgung nach Deutschland geflohen sind. Mehr über das Buch und İnans Werdegang lesen Sie hier. Dem Checkpoint beantwortete die Jungschriftstellerin beim Event ein paar Fragen.
Frau İnan, wie geht’s der Berliner Göre, Generation Z?
Blendend. Das Lebensgefühl meiner Generation – in etwa: Die Welt geht unter, aber die Memes sind erste Sahne – hat etwas sehr Berlinerisches. „Arm aber sexy“ ist ja im Grunde auch nichts anderes. Ich schätze mich ernsthaft glücklich, in eine Generation mit großartigem Humor und scharfem politischen Bewusstsein hineingeboren zu sein. Das ist das Rezept, aus dem Revolutionen gemacht sind.
Wo ist Ihr Berlin?
Geboren und aufgewachsen bin ich in Friedrichshain. Nach ein paar Schulwechseln landete ich in Reinickendorf. Meine Freizeit habe ich in den jeweils cooleren Versionen dieser Bezirke verbracht: Kreuzberg und Wedding. Noch heute liebe ich den Kotti und den Mehringdamm sehr, trotz aller Verunstaltung durch Polizeiwachen und Hipstercafés.
Ihre Eltern wurden in der Türkei politisch verfolgt. Ihr Vater erlebte 1980 den Militärputsch mit. Wie hat Sie das geprägt? Und was können Deutsche von den beiden lernen?
Durch die Erfahrungen meiner Eltern habe ich früh gelernt: Die Heimat kann etwas Schönes und Warmes sein, wie die Wohnung einer Familie in Friedrichshain. Aber die Heimat kann dich auch verunsichern, jagen, ausstoßen. Nämlich, wenn sie eine Nation ist, ein autoritärer Staat mit einer faschisierten Gesellschaft. Deshalb darf man der Heimat nie allzu sehr trauen. Die gute Seite dieser Medaille wiederum ist: Jeder Einzelne hat das Recht, für sich die schöne, einladende Heimat zu beanspruchen. Das haben meine Eltern den allermeisten Leuten, Deutschen wie Türken, definitiv voraus. Wenn sie die Umstände ungerecht finden, packen sie sie an und verändern sie. Das heißt es für mich, politisch zu sein.
Ihre Romanfigur Nilay sagt einmal, sie habe ihre Eltern nicht darum gebeten, nach Deutschland auszuwandern. Sie ist 16 und will sich den Protesten am Taksimplatz anschließen. Wie präsent war für Sie das „andere“ Leben in der Türkei, das Ihre Eltern aufgegeben haben?
In meiner Jugend schon sehr. Dieses „andere“ Leben kam mir damals vor wie das „richtige“, das „eigentliche“. Inzwischen weiß ich, dass das eine Illusion war. Ich gehöre hier hin, ich habe hier einen Platz und einen Anspruch auf Teilhabe. Würde ich nicht so fühlen, könnte ich kein politischer Mensch sein, und das fände ich sehr ärgerlich.
Was geht verloren, wenn Elon Musk Twitter endgültig kaputtgemacht hat?
Für die Welt: Ein unheimlich wichtiger Debattenraum, den man so nicht noch einmal wiederbekommt. Für mich persönlich: der Ort, der es mir möglich machte, meine Stimme in die Welt hinauszutragen. So weit, dass ich jetzt sogar einen Roman schreiben durfte, der mein ganzes Herz enthält.