Einmillionster deutscher Kriegstoter wird geborgen

Die Zahl ist kaum zu fassen, aber zeigt wie kaum eine andere die deutsche Geschichte. Am Donnerstag soll im Baltikum der einmillionste deutsche Kriegstote auf früheren Schlachtfeldern geborgen werden, um ihn zu identifizieren und auf einem Friedhof zu bestatten. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der als gemeinnützige Organisation im Auftrag der Bundesregierung nach verschollenen Toten sucht, betreut inzwischen mehr als 830 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern. Allein in Berlin gibt es 170 Friedhöfe für die Opfer von Krieg und Gewalt mit etwa 150.000 Toten.

Thomas Schock ist Chefumbetter des Volksbundes. Der 59 Jahre alte Kieler gräbt seit 26 Jahren nach deutschen Kriegstoten im Ausland und organisiert die Umbettungen. Im Interview erzählt er, wie Deutschland mit dem schwierigen Erbe der Weltkriege umgeht, die es selbst angefacht und entfacht hat.

Herr Schock, es herrscht wieder Krieg in Osteuropa. Gleichzeitig gräbt der Volksbund nach Toten früherer Kriege, gibt ihnen ein reguläres Grab und pflegt es. Kommt Ihnen das absurd vor oder heilsam?
Es hat seltsame Seiten, ja. In Vilnius haben wir bei der Suche nach Opfern des Ersten und des Zweiten Weltkrieges noch sterbliche Überreste von Soldaten der Napoleon-Feldzüge gefunden. Zuletzt haben ukrainische Soldaten nördlich von Kiew Schützengräben ausgehoben und dabei Gebeine eines deutschen Wehrmachtssoldaten geborgen, der einst hier auch in Schützengräben lag. Sie wurden uns übergeben, damit wir sie ordentlich bestatten können.

Sie bergen menschliche Überreste auf früheren Schlachtfeldern, identifizieren die Toten, beerdigen sie in ganz Europa, benachrichtigen die Nachkommen. Welchen Wert hat diese Arbeit für Sie?
Wir arbeiten für den Frieden, indem wir den Toten des Krieges ein würdiges Grab geben, das uns mahnt, Frieden zu halten. Man erkennt den Wert an den Funden, die wir jetzt in der Ukraine machen. Wenn uns heutige Soldaten melden, dass sie Gebeine früherer Soldaten entdeckt haben, ist das berührend. Sie haben die Erkennungsmarken des Wehrmachtssoldaten aufgehoben und so die Identität des Toten gesichert.

Wo und wie suchen Sie sonst nach Überresten?
Wir suchen in ganz Europa nach unbekannten Toten. Wenn wir Informationen aus Archiven zu ehemaligen Schlachtfeldern haben, oder wenn es noch Zeitzeugen gibt – eine alte Frau, die sich erinnert, dass an ihrem Feldrand einst Menschen verscharrt wurden – dann prüfen wir zunächst die Verdachtsstellen. Wir untersuchen die Beschaffenheit der Böden, sichten alte Luftbilder. Deutsche Flugzeuge haben zum Beispiel die Schlachtfelder von Stalingrad überflogen, nachdem die Sowjets diese zurückerobert hatten. Beim Vergleich mit früheren Bildern sieht man ehemalige Bunker, die zugeschüttet worden sind. Das könnte ein Ort sein, an dem Tote begraben worden sind.
Sie werden in dieser Woche im Baltikum den einmillionsten deutschen Kriegstoten ausgraben. Welche Bedeutung hat dieses traurige Jubiläum?
Die Zahl ist unfassbar. Aber wichtiger ist das jeweilige Einzelschicksal. Wir versuchen, den toten Soldaten ihre Biografien zurückzugeben. Die Lebenswege sind auch wichtig für die Bildungsarbeit. Die Zahlen aus dem Zweiten Weltkrieg sind kaum zu begreifen. In den 200 Tagen der Schlacht um Stalingrad gab es eine Million Tote. Es gelten noch mindestens eine Million Wehrmachtssoldaten als verschollen. Da draußen liegen viel mehr Tote, als wir uns vorstellen.

Wie empfinden Sie den Spagat zwischen der Schuld der Täter, überhaupt der Deutschen am Krieg, und dem Recht auf Totenruhe und Gewissheit?
Wir sortieren beim Ausgraben nicht nach guten und schlechten Toten. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob es sich womöglich um einfache Soldaten handelt oder den Leiter eines Konzentrationslagers. Auf einigen Kriegsgräberstätten informieren wir in Ausstellungen über die Biografien von dort bestatteten Toten. Wir gehen damit offen um. Ein Grab für Kriegstote ist kein ehrendes, sondern ein mahnendes Gedenken. Und jede Nation, in der sich eine Kriegsgräberstätte befindet, hat ihre eigene Sicht. In Polen werden die Namen der Männer von SS-Einheiten in Namenbücher verzeichnet, aber nicht in Grabsteine graviert, weil die SS eine verbrecherische Organisation war und in Polen Massaker verübt hat.

Sie sind ein Nachkriegskind. Wie hat sich Ihr Blick auf den Krieg verändert?
Der Blick jeder Generation auf den Krieg ändert sich. Gerade sind Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkriegs zum Weltkulturerbe erklärt worden. Gleichzeitig ist die deutsche Gesellschaft heute sensibler als früher für die Verbrechen der Wehrmacht. Für mich ist klar: In einem Krieg gibt es keine Helden.
Das gesamte Interview, in dem Schock auch über die Auseinandersetzungen im Volksbund über das Gedenken an die Wehrmacht, die derzeitige Arbeit in der Ukraine und in Russland sowie darüber spricht, wie das Suchen nach Kriegsleichen seine eigene Sicht auf das Leben verändert, lesen Sie hier bei Tagesspiegel plus.