Linke bangt um Direktmandate im Berliner Osten

Die Bundestagswahl könnte wieder im Osten entscheiden werden – mit Hilfe der Berliner Linken. Die Partei führt aber nur noch in zwei Wahlkreisen. Eine Analyse. Von Robert Ide
 

Linke bangt um Direktmandate im Berliner Osten
Laut dem Portal Wahlkreisprognose.de hat die Linkspartei in Lichtenberg und Treptow-Köpenick einen knappen, aber noch signifikanten Vorsprung. Foto: Paul Zinken/dpa

wer die Qual hat, steht zur Wahl. Auf den letzten Metern vor den entscheidenden Abstimmungen für den Bundestag, das Berliner Parlament und alle Bezirke (Berlin-o-Mat hier) begegnen einem immer mehr müde Gesichter auf der Straße, die mit Kaffeebechern und Flyern in ihren Händen nimmermüde um unsere Stimmen kämpfen. Doch gegen den landesweiten Trend kommen die lokalen Lokalpolitiker oft kaum an. Dabei kommt es womöglich für das große Ganze auf nur ein paar kleine Wahlkreise an. Und zwar gerade in Berlin.

Da die SPD mit Bedächtigkeitskönig Olaf Scholz derzeit die Beliebtheit anführt und CDU-Nervositätskaiser Armin Laschet nach dem schlecht moderierten Triell nicht aus der eigenen Patsche herausfindet, könnte womöglich sogar noch Rot-Grün zur überraschenden Regierungsoption im Bund werden. Dies hängt vor allem von der Linken ab, die bundespolitisch nicht recht in Tritt kommt und sich in den Umfragen von oben kommend der Fünf-Prozent-Hürde nähert. Die letzte Rettung könnte dann im direkten Gewinn von drei Wahlkreisen liegen, um im Bundestag vertreten zu bleiben. Bisher gab es diese Rettung immer im Berliner Osten – in dem die linken Hochburgen allerdings schon länger nicht mehr mit links zu gewinnen sind (Reportage hier).

Laut Wahlkreisprognose.de gibt es bisher nur in zwei Berliner Wahlkreisen einen knappen, aber noch signifikanten Vorsprung für die Partei: Lichtenberg (mit Kandidatin Gesine Lötzsch) und Treptow-Köpenick (mit Gregor Gysi) gehen laut diesem Analyseportal „eher unsicher für die Linke“ aus. In Marzahn-Hellersdorf (mit Petra Pau) wie auch im südlichen Leipzig sind die Wahlkreise demnach „Too-close-to-call für die Linke“. Beim Portal election.de sieht es etwas besser aus. Alles ist noch drin – oder am Ende auch nichts.

Die Bundestagswahl könnte also wieder im Osten entscheiden werden – durch ein kleines, bisher kaum beachtetes Detail, das schon öfter an der Waage züngelte. Vor zwei Jahrzehnten rang der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im noch nicht durchsanierten Prenzlauer Berg für die SPD mit der Linken immer wieder um wenige Stimmen. „Mal habe ich knapp gewonnen, mal knapp verloren“, erinnert sich Thierse am Checkpoint-Telefon. „Ich kannte in meinem Wahlkreis jede Mülltonne, aber gegen den Bundestrend kam ich manchmal nicht an.“ Thierse jedenfalls fühlt sich an die Wahlkämpfe der Vor-Merkel-Zeit erinnert, als die CDU schon damals die roten Socken auf die Wäscheleine hängte (und damit noch Erfolg hatte). „Die Wählerinnen und Wähler müssen sich überlegen, ob sie durch die Wahl der Linken eine rot-grüne Regierung behindern oder nicht“, findet Thierse. Der 77 Jahre Politrentner macht noch Wahlkampf für die Kiezhausen-Kandidaten von heute. „Auch ein alter Herr kann was für die Demokratie tun.“ Denn die darf niemals müde werden.