„Ich bin verknallt in unseren wunderbaren Planeten“: Klimaaktivist ist monatelang von Berlin nach Dubai geradelt

Nach 8662 Kilometern im Sattel will Michael Evertz noch viel mehr von unserer Erde entdecken. Im Interview spricht der 64-Jährige von seiner Fahrt für eine bessere Welt. Von Robert Ide

„Ich bin verknallt in unseren wunderbaren Planeten“: Klimaaktivist ist monatelang von Berlin nach Dubai geradelt
Umweltschützer Michael Evertz fährt mit seinem Fahrrad eine Rolltreppe hoch. Foto: dpa/Hannes P. Albert

Er klingt am Telefon noch ein bisschen geschafft, aber auch sehr erleichtert. Michael Evertz hat gerade etwas Extremes und Einzigartiges geschafft: Er ist von Berlin zur Weltklimakonferenz nach Dubai geradelt. Und will nach 8662 Kilometern im Sattel noch viel mehr von unserer Erde entdecken. Im Checkpoint-Interview spricht der 64-Jährige von seiner Fahrt für eine bessere Welt.

Herr Evertz, warum haben Sie sich diese gewaltige Tour auferlegt?
Ich bin schon 222 Tage unterwegs, um die Herzen der Menschen zu erreichen. Ich fahre ja kein Hochgeschwindigkeitsrennen, sondern rede unterwegs viel mit den Leuten. Die Begegnungen haben mich an jedem Tag motiviert, selbst mit 55 Kilo Gepäck an einem steilen Gebirgsanstieg. Ich will mich für unsere Welt engagieren, damit wir Menschen in Frieden miteinander und mit der Natur leben.

Haben Sie auf Ihrer Fahrt den Klimawandel zu spüren bekommen?
Nach meiner Abfahrt im April im sonnigen Berlin war ich im Sommer in Griechenland und in der Türkei bei 50 Grad unterwegs. Da habe ich acht bis neun Liter Wasser am Tag getrunken und alles ausgeschwitzt. Meine schwarze Radlerhose war weiß vom Salz meiner Haut. Zweimal wollte ich abbrechen, aber der Zuspruch hilft mir. In Saudi-Arabien hat mir ein achtjähriger Junge eine rote Rose geschenkt und sich für mein Engagement bedankt. Das war mein schönster Moment.

Sie kommen ja bald ins Rentenalter. Wollen Sie sich dann ausruhen?
Radfahren ist die einzige Droge meines Lebens. Ich bin ein sozialkritischer Ökonom – ich brauche Geld nur zum Leben, nicht zum Reich sein. Zu Hause in Starnberg lebe ich wie ein Student. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, erwachsen zu werden. Wenn die Spenden und meine Kraft ausreichen, werde ich noch ein paar Jahre weiterradeln. Die Beine hochlegen kann ich nicht.

Haben Sie das Gefühl, dass die Welt beim Klimaschutz überhaupt vorankommt?
Beim Weltklimaforum hier in Dubai sitzen immerhin noch alle Nationen an einem Tisch. Aber die Ölländer der Opec haben schon mitgeteilt, dass sie den Ausstieg aus den fossilen Energien blockieren wollen – ein Affront. Wir müssen die Welt aus den Gesellschaften heraus verändern, dann wird die Politik folgen. In Deutschland hat „Fridays for Future“ viel für das Bewusstsein getan. Aber der Mensch neigt zur Verdrängung und hat nur ein begrenztes Reservoir für Sorgen.

Was halten Sie von den Blockade- und Beschädigungsaktionen der „Letzten Generation“ in Berlin?
Ich kann die Wut der jungen Leute verstehen. Ich habe mit dem Nachhaltigkeitsforscher Ortwin Renn aus Potsdam, mit dem ich befreundet bin, oft darüber diskutiert, wie wir Menschen aufrütteln können. Die Aktionen der „Letzten Generation“ gewinnen mit der Art und Weise ihres Protests die Mehrheit der Bevölkerung nicht, sie stoßen viele Menschen eher ab. Ich setze lieber auf Dialog.

Radeln Sie jetzt wieder zurück nach Berlin?
Nein, ich brauche erst einmal ein paar Tage Pause. In Dubai versuche ich für den Klimaschutz zu werben, danach geht meine Tour weiter im Nahen Osten, Weihnachten werde ich wohl in Oman verbringen. Danach radle ich nach Ägypten und von dort bis nach Südafrika, da werde ich wohl im Frühjahr 2025 ankommen – zwei Jahre nach meinem Start in Berlin. Ich bin eben verknallt in unseren wunderbaren Planeten. Und wenn man verliebt ist, tut man verrückte Dinge.