Erzbistum Berlin will eigene Aufklärung bis Sommer beschleunigen
Am Donnerstag hat das Erzbistum Köln seinen Bericht zu sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen vorgelegt – nun will Berlin schnellstmöglich nachziehen. Von Robert Ide und Teresa Roelcke
In die Katholische Kirche haben spätestens gestern viele Menschen ihren Glauben verloren. Das erst nach massivem Druck veröffentlichte Gutachten zu sexualisierter Gewalt von Geistlichen gegenüber Minderjährigen ist so erschütternd, dass es nicht nur das Erzbistum Köln erschüttern dürfte. Neben schweren Vorwürfen von Pflichtverletzungen etwa des verstorbenen Kardinals Joachim Meisner sowie des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße, der früher in Köln tätig war, gilt es nun, die Strukturen aufzuklären und zu zerschlagen, die den Missbrauch überhaupt erst ermöglicht und dann jahrzehntelang vertuscht haben.
Nach Auswertung von 236 Aktenvorgängen muss man laut Gutachten derzeit von 202 Beschuldigten und mindestens 314 individualisierbaren Betroffenen ausgehen. Mehr als die Hälfte der Betroffenen seien Kinder unter 14 Jahren gewesen.
Auch im Erzbistum Berlin muss und will man nun die Aufklärung aktiver vorantreiben. Nach anfänglichen Verzögerungen (berichtet im Checkpoint vom 25. Februar) ist nun immerhin die Gutachten-Kommission arbeitsfähig, die über die Veröffentlichung der im hiesigen Bistum recherchierten Vorwürfe und Vorfälle entscheiden soll. Der Stralsunder Pfarrer Johannes Schaan wird ab sofort bei der Aufklärung helfen, die bis zur Sommerpause zumindest in einem Zwischenbericht münden soll. „Allen ist klar, dass die Kommission zügig arbeiten muss“, sagt Stefan Förner vom Erzbistum.
Zügigkeit ist dringend nötig, denn noch sind 400 von 600 Seiten des Gutachtens zu sexualisiertem Missbrauch seit 1946 im hiesigen Erzbistum von der Veröffentlichung ausgenommen. Aber Aufklärung in eigener Sache nach eigenem Gusto der Kirche wird nicht reichen, um den Schmerz der Opfer wenigstens sichtbar zu machen. Und ohne neues Vertrauen in die Aufklärung wird bald niemand mehr an die Integrität der Kirche glauben können.