Gedicht von Johannes R. Becher im Tagesspiegel

Schließen wir den Corona-Block (alle aktuellen Entwicklungen aus Berlin hier im Blog) mit ein paar nachdenklichen Gedanken von Johannes R. Becher. Der Nachkriegs-Lyriker, dessen scharfer Verstand bald als Kulturminister der DDR an die sozialistische Propaganda verloren ging, veröffentlichte im Oktober 1945 im damals noch jungen Tagesspiegel das „Lied vom Anderssein“ (via Erik Reger/Twitter). Und obwohl 75 Jahre alt, wirken die Zeilen heutiger als gestern noch:

Anders ist der neue Tag
Anders war der alte.
Anders hallt der Stundenschlag,
Als er vormals hallte.

Anders müssen wir uns müh’n,
Als wir je uns mühten,
Und die Blumen anders blüh’n,
Als sie jemals blühten.

Anders geh ich von Dir fort,
Anders blickt dein Fragen.
Höre dich dasselbe Wort
So ganz anders sagen.

Was ist mit uns gescheh’n?
Sind nicht mehr die gleichen.
Allerorts ist zu erseh’n
Einer Wandlung Zeichen.

Anders schmeckt der gleiche Wein.
Was ist uns vergangen?
Welch ein großes Anderssein
Hat die Welt umfangen!

Zeit, die nicht d i e Zeit sein will -
Alles ist im Wandern.
Jeder, hält er noch so still,
Wird zu einem andern.